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Predigt über Jes 63,15-64,3 (Pfr. Dr. K.F. Ulrichs) vom 06.12.2020

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1.      Nikolaus

Sie haben sich gestritten wie die Kesselflicker: Wie sollen wir es verstehen, dass Jesus in einem besonderen, einem einmal nahen Verhältnis zu Gott steht. Jesus nennt Gott ja „Vater“. Und in den Evangelien wird Jesus Gottes „Sohn“ genannt. Die Weihnachtsgeschichte wird uns das bald wieder auf ihre Weise erzählen. Da meinten dann die einen, Jesus gehöre ganz wesentlich auf die Seite Gottes und sei dann wohl selbst auch Gott. Was die anderen für überzogen hielten und heftig bestritten. Laut wird es da wohl geworden sein bei den Diskussionen auf dem Konzil von Nizäa im Jahr 325. Und einer der Teilnehmer verlor dann die Contenance: Bischof Nikolaus ohrfeigte einen anderen Theologen, weil der partout nicht einsehen wollte, dass wir, reden wir von Jesus, von Gott reden, dass wir es mit Gott zu tun  haben, wenn Jesus kommt. Ohrfeigen ersetzen keine Argumente – ganz schlimm und gar nicht vorbildlich, was der Bischof von Myra da machte, aber doch eine schöne Anekdote. Nikolaus kann von Glück reden, dass das die wohl unbekannteste Geschichte ist, die er sich geleistet hat. Und ich hoffe, er hat sich dann noch bei seinem Opfer und Kollegen entschuldigt. Aber richtig an der Entschiedenheit von Nikolaus ist immerhin dies: Im Glauben geht es darum, auszusprechen, dass Gott da ist, ihn namhaft zu machen. Um ihn dann mit seinem Namen ansprechen zu können, beten zu können, unser Leben vor ihm anzusprechen. Wer glaubt, will Gottes Namen finden und feiern. Denn wenn Gottes Name ausgesprochen und angerufen wird, kann Gott da sein – mit allem, was Menschen im Glauben mit ihm erlebt haben. „Unser-Erlöser-von-alters-her“ ist einer der Namen Gottes, sagte einer in Jerusalem. Dass er „unser Vater“ ist, lehrte später einer in Galiläa.

2.      Ein Adventstext im Alten Testament

Dass Gott da ist oder schmerzlich fehlt in unserer Welt, darum geht es im Advent. Wir erfahren unser Leben und unsere Welt so, als wäre Gott nicht da, als wäre sein Name nie über uns ausgesprochen worden – das ist der Schmerz der Adventszeit. Und unsere Sehnsucht ist, dass er endlich kommt – zu uns, in unser Leben, in unsere Welt. Unser Leben ist eine einzige Geduldsprobe. Das ist ein uralter Schmerz, eine uralte Hoffnung.

Nachdem sie aus dem Exil zurückgekommen waren mit großen Hoffnungen für einen Neuanfang und damit krachend gescheitert waren, stritten die Bewohner Jerusalems auch – nicht auf einem Konzil natürlich und auch nicht miteinander. Sie stritten mit Gott, sie klagten ihm ihr Leid, sie fragten nach dem Warum, sie gaben ihm die Schuld an ihrem Schlamassel.

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser von alters her“, das ist dein Name. 17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3 Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

3.      Bilder von Gottes Kommen

Gott tut, was wir nicht erwarten. Meinem Leben und unserer Welt können wir das so nicht ohne weiteres ablesen, weil es dem Leben und der Welt nicht eingeschrieben ist. Wir brauchen dafür biblische Bilder, die uns zeigen, was kein Auge gesehen hat: Wir sehen, wie ein Umhang zerrissen wird oder eine alte Decke mitten durchgerissen wird und wir hören das böse „ratsch“ – und es ist der Himmel, den Gott zerreißt. Und dann die Berge, das Erhabenste, was die Erde zu bieten hat, aus dem Gestein der Jahrmillionen – und wir sehen sie erbeben und zerbrechen, zerbröseln, als zerfließen sie wie ein ausgeschütteter Eimer Wasser – da ist nichts mehr majestätisch an unserer Erde, kein K2, kein Kilimancharo, auch nicht der Sinai und kein Matterhorn, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Die Höhen, von denen wir mit erhabenem Gefühl weit ins Land schauten oder mit Skiern mehr oder weniger elegant ins Tal hinabfuhren, sacken zusammen. Und der Boden, auf dem wir fest zu stehen glauben, wankt.

Was wie ein Alptraum aussieht, wie eine kosmische Katastrophe, wie etwas, das wir tief verborgen in uns fürchten, worüber wir nicht einmal mit unseren Liebsten sprechen, sondern nur mit Seelenkundigen, die wir dafür gut bezahlen, das alles wird aufgerufen, um anzudeuten, was passiert, wenn Gottes Namen verkündet wird, wenn seine Wahrheit ans Licht kommt, sein Wille ausgesprochen und gelebt wird, wenn seine Liebe zur Welt kommt. Da zerfließt unser Zweifel, eben noch hart wie Stein und groß wie ein Berg. Da zerfließt der Hochmut derer, die den Gott Israels bestreiten, die Bosheit derer, die Gottes Leute hassen, ihre Städte zerstören und die Stätten ihres Gebets. Man hört, dass Hirten in der Nähe von Bethlehem das wussten, ihnen das wieder in Erinnerung gerufen wurde, weil wir das vergessen, wohl vergessen müssen, wenn wir von Erlösung so wenig spüren. Als die himmlischen Heerscharen am Himmel erschienen, hörten sie unter dem seligen Gloria auch noch das „ratsch“, mit dem der Himmel zerriss. Und sie fürchteten sich sehr. (Sie fürchteten sich wohl so, wie die, die sehen und hören sollten, wie der Vorhang im Tempel zerriss. [Mk 15,38])

4.      Gottes Name

Gott tut, was wir nicht erwarten. Um ihn zu verstehen, brauchen wir einen Namen. Name heißt Geschichten, heißt Erinnerungen, Name bedeutet Gewissheit und Beziehung.  Von allen Namen, die in der Bibel Gott gegeben werden, mit denen er sich vorstellt, mit denen er angesprochen wird in Lied und Gebet, ist hier einer der schönsten genannt: „Unser-Erlöser-von-alters-her“. An diesen Namen halten sich, denen Gott fremd und fraglich geworden ist. Die Glaubensgeschichten der Alten rufen sie damit auf, Gottes wählerische Liebe zu seinem Volk, seine Treue zu seinen Menschen, sein Wort für ihr Leben – das alles klingt mit, wenn sie ihm seinen Namen vorhalten und wenn wir seinen Namen auszusprechen wagen: „Unser-Erlöser-von-alters-her“! Wenn du uns vergisst, vergisst du deinen eigenen Namen, verrätst du dich selbst. Dann bist du nicht mehr der, der du bist. Der, der das Erbarmen ist (Ps 103,12), der sich seine Menschenskinder erwählt (Ex 4,22; Hos 11,1) – mit einem biblischen Wort: unser Vater. Dass Gott, der Gott „Unser-Erlöser-von-alters-her“ unser Vater ist, das bewahrheitet sich an dem, der ihn „Vater“ nennen wird, als Kind schon (Lk 2,49), in seinem Gebet (Mt 6,9; 26,39) und noch im Sterben (Lk 23,46).

5.      Advent

Gott tut, was wir nicht erwarten. Gott überrascht uns – so routiniert können wir Weihnachten gar nicht feiern, dass wir nicht doch in einem Augenblick innewerden: Das gibt es doch gar nicht! Und wer weiß, ob nicht der Advent in gerade diesem Jahr Überraschungen für uns bereit hält? In diesem merkwürdigen Jahr lernen wir: Advent ist die Zeit, in der wir Sehnsucht haben dürfen, nicht um sie schnell zu überwinden, als wäre sie ein albernes Gefühl von Kindern und Verliebten. Die Sehnsucht spürt fein, wie es in Wahrheit ist in unserer Welt, in meinem Leben. Und die Sehnsucht ahnt hartnäckig, dass da noch etwas kommt.

Advent zumal nach diesem Jahr und in diesen Tagen: Wir denken nicht nur an Corona mit den Kranken und Toten, der Trauer und der Sorge, der Frustration und der Depression und der bangen Frage, ob es einmal wieder besser wird, wie früher, als wir uns manche Leichtigkeit leisten konnten, den Sport und die Musik und das gemeinsame Essen und die Umarmung. Eben nicht nur das alles sieht die Sehnsucht, sondern daneben den ganzen Irrsinn, an den wir so gut gewöhnt sind, um nicht aufgeschreckt herumzulaufen: die Dramen in Afrika, am Mittelmeer und auf diesem Meer. Ganz vergessen ist doch schon die Heuschreckenplage in Ostafrika! Wir könnten die Jahresrückblicke damit füllen, an Katastrophen zu erinnern. Ach, wir würden das tun, wenn die Sehnsucht in uns wach wäre, dass es anders kommen wird.

Gott „tut wohl denen, die auf ihn harren“. Dieses „Harren“ mag schmerzen, die Geduld uns schwerfallen,  die Sehnsucht an uns nagen – es ist aber das, was uns Gott nahebringt. Es ist eine adventliche Bitte (V. 15): dass Gott uns sieht mit dem allen. Advent ist mehr als eine naive Vorfreude auf Weihnachten, Advent ist die Unruhe auf dem Weg nach Bethlehem.

6.      Nikolaus

Zum Advent gehört dann meinetwegen auch der Nikolaus; mit seinem Namen und dem Bild vom vermeintlich heiligen Nikolaus bekommt der Advent heute etwas Glanz – nicht nur in den Augen der Kinder. Von seiner unbekannten und unangenehmen Seite haben wir eingangs gehört. Nikolaus hat seine kämpferischen Seiten, so wie der Glaube auch kämpft. Nicht um das richtige Dogma – das muss allerdings gelegentlich auch sein –, sondern darum ringen wir, wie wir Gott vertrauen können, wie wir seinen Namen aussprechen und über uns ausgesprochen hören: „Unser-Erlöser-von-alters-her“, und darum, wie wir uns verlassen können auf die alten Bilder vom zerrissenen Himmel und den berstenden und zerfließenden Bergen. Ich weiß aus vielen Jahren eigener Advents- und Weihnachtserfahrung: Wenn uns dieser fremde Name über die Lippen geht, wenn wir unsere Augen vor diesen Bildern nicht verschließen, dann wird Weihnachten: Der alte Name bekommt einen neuen Klang, die Bilder neue Konturen und Farben. Oder wie Luther ein mittelalterliches Lied weiterdichtete: Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein; es leucht´ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. (Kyrieleis!)

Amen.