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Predigt über Jes 61,1-3.10-11 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 05.01.2020

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Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise. […]

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.

 

Liebe Gemeinde,

Kleider machen Leute. Fröhliche Kleider machen fröhliche Leute, bunte Kleider machen bunte Leute, schwarze Kleider machen traurige Leute, weiße Kleider machen Bräute, Talare machen Pfarrer oder Richter. Wenn du nicht gut drauf bist, geh an deinen Kleiderschrank, hol das schönste Kleid, den schönsten Anzug raus, eine glänzende Kette, eine bunte Krawatte, zieh das an, noch ein paar Tropfen Parfum, damit du dich wieder riechen kannst, und dann zeig dich, geh unter die Leute, denn Kleider machen Leute.

Das hat auch der Prophet so gesehen und nicht für schlimm befunden und getadelt. Gott hat ihn gesandt, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn …, zu schaffen den Trauernden …, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden.

In Berlin sind die Jüngeren besonders bunt. Sie legen auch wieder mehr Wert auf Kleidung. Und das in sehr vielfältiger Weise. In Berlin gibt es nicht nur die Mode, es gibt viele, jedes Milieu hat seine eigene. Ich finde das gut. Denn Kleider machen Leute.

Ich dürfte es aber nicht gut finden, und schon gar nicht von der Kanzel gutheißen, im Gegenteil, ich müsste es tadeln. Die Discipline Ecclesiastique, die hugenottische Kirchenordnung von 1666, schreibt mir vor, euch in der Kleiderfrage zu Bescheidenheit zu ermahnen: „Die Prediger sollen ihre Zuhörer zur Ehrbarkeit in ihrer Kleidung vermahnen, dabei selber, gleich wie in allen anderen Dingen, also auch in diesem, jedermann mit einem guten Exempel vorangehen, und samt ihren Frauen und Kindern alle Üppigkeit in Kleidern vermeiden.“ [Kap. 1, Art. 20]

Sollen wir es also in Zukunft machen wie die Berliner Clubs, wir stellen an den Eingang einen muskelbepackten Türsteher, der nur denen Einlass gewährt, die bescheiden und züchtig gekleidet sind?

Diese hugenottische Kirchenordnung spiegelt einen auf Calvin zurückgehenden puritanischen Zug wider. Freilich kann sich dieses Antiäußerlichkeitsdogma auf biblische Worte berufen, etwa auf das bekannte Wort aus der Davidsgeschichte: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)

Genau das sagt auch der Prophet, nur mit gegenteiliger Schlussfolgerung. Gott sieht das Herz an. Und weil er die Herzen sieht, unsere Herzen, sieht er, wie zerbrochen sie sind. Er schickt seinen Propheten, die zerbrochenen Herzen zu verbinden. Der Prophet soll trösten. Und den Trost soll man sehen. Menschen, die getröstet wurden, sollen fröhlich aussehen. Nur wer selbst getröstet wurde, kann andere trösten. Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können … mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. (2. Kor 1,3-4) Kann trösten, wer in schwarzen Kleidern rumläuft und trist aus der Wäsche schaut? Darum: Wenn es ein gnädiges Jahr werden soll: Macht euch schön fürs neue Jahr, damit es ein gnädiges wird! Zieht euch Kleider des Heils an.

***

Schmücke dich, o liebe Seele,

lass die dunkle Sündenhöhle,

komm ans helle Licht gegangen,

fange herrlich an zu prangen!

Denn der Herr voll Heil und Gnaden

will dich jetzt zu Gaste laden;

der den Himmel kann verwalten,

will jetzt Herberg in dir halten. (EG 218,1)

Fangen wir das gnädige Jahr damit an, herrlich zu prangen. Kommen wir ans Licht. Das Licht ist das Licht von Weihnachten, das Licht des Sterns, der aufgegangen ist. Drei Weise aus dem Morgenland sind ihm gefolgt. Sie machten sich auf die Suche nach dem neugeborenen König. Sie fanden ihn, in einer Krippe liegen. Nackt und elend. Nicht in prächtigen Königskleidern, sondern in Windeln gewickelt. Des neuen Königs neue Kleider sind unsichtbar. Er hat ja gar nichts an! Er ist nackt. Und doch ein König.

Im Lichte des Sterns erkannten die Weisen den König, obwohl er keine königlichen Kleider anhatte. Er trägt den Mantel der Gerechtigkeit. Gott hat ihn mit diesem Mantel gekleidet. Dieser Mantel ist unsichtbar, sichtbar nur im Lichte des Sterns, sichtbar nur für den, der glaubt.

***

Es ist wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nur umgekehrt. Das Märchen geht so: Ein prunk- und kleidersüchtige Kaiser geht zwei Betrügern auf den Leim, die ihm neue prächtige Kleider versprechen, die allerdings für diejenigen, die dumm sind oder für ihr Amt nicht taugen, unsichtbar sind. Solche Kleider will der Kaiser haben, damit er die Dummen und die Unfähigen enttarnen kann. Doch keiner im Reich kann diese Kleider sehen, denn es gibt sie nicht. Aber niemand traut sich, es zu sagen aus Angst, damit der Dummheit oder der Unfähigkeit überführt zu sein. In einer Prozession zeigt der Kaiser seine neuen Kleider, jeder lobt ihre Schönheit und Pracht. Nur ein unschuldiges Kind traut sich, die Wahrheit zu sagen: „Er ist ja nackt!“

Es ist wie in diesem Märchen. Auch wir bekommen unsichtbare Kleider, schöne Kleider, Kleider des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit. Doch keiner sieht diese Kleider, mit denen wir gekleidet sind. Anders als im Märchen sagen aber alle: „Was sind wir Menschen für arme, nackte, elende Geschöpfe!“ Nur weise Menschen, die uns im milden Licht eines anderen Sterns sehen, nur Menschen, die in aller Unschuld kindlich glauben, was Gott uns verheißen hat, die sehen den Mantel der Gerechtigkeit, den Gott uns umgelegt hat.

Ob uns dieser Mantel passt, ob er nicht zu groß, nicht zu schwer ist? Die Anprobe hat Christus gemacht. Der nackte König. Nackt war dieser König vom Anfang bis zum Ende, in der Krippe und am Kreuz. Am Anfang haben Weise aus dem Morgenland die Königwürde des nackten Kindes in der Krippe gesehen. Am Ende hat ein Hauptmann aus dem Abendland erkannt, dass der nackte Mensch am Kreuz Gottes Sohn war.

Als dieser Mensch zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit tritt, liest er am Sabbat in der Synagoge von Nazareth aus dem Buch des Propheten Jesaja dieser Verse: Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn. (Lk 4,18-19)

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Liebe Gemeinde, des neuen Königs neue Kleider sind auch unsere neuen Kleider. Dass wir gerecht sind, sieht man uns nicht an. Dass das neue Jahr ein gnädiges wird, sieht man dem Blick in die Zukunft nicht an.

Was Gott uns zusagt, das kann man nicht sehen, das kann man nur glauben. Aber wer es glaubt, der sieht es dann wirklich. Wo die anderen aus Verzagtheit und Ängstlichkeit nur Nacktheit und Elend sehen, müssen wir wie das unschuldige Kind im Märchen sagen, was von Gott aus Sache ist: Dass der von Gott gerechtfertigte Mensch den schönen Mantel der Gerechtigkeit anhat.

Und auch wir haben diesen Mantel an. Es ist ein Mantel. Wir sind nicht von uns aus gerecht. Wir werden von Gott gerecht gemacht, als gerecht angesehen. Gott sieht an uns, was wir nicht sind, aber wohl werden sollen. Der Glaube glaubt nicht, was man selbst sieht, sondern der Glaube glaubt, was Gott sieht. Der Glaube ist eine heilvolle Einbildung. Wir sehen unsere schönen Kleider, obwohl da eigentlich nichts ist außer Nacktheit, Erbärmlichkeit und Elend.

Und was wir glauben, das sollten wir auch sichtbar machen und zeigen. Zieht euch schön an. Kleider machen Leute. Werdet Leute! Werdet solche Leute, die Gott schön angezogen hat. Werdet solche Leute, die auch für andere eine Augenweide sind.

Lasst euch von Gott gnädig ansehen und als heilige und gerechte Menschen einkleiden. Und dann schaut selbst die anderen so an, gnädig und schön mit herrlicher Gerechtigkeit gekleidet. Sagt nicht, sie seien nackte Geschöpfe, erbärmlich und armselig. Urteilt nicht voreilig, verurteilt niemanden zu Unrecht, dann wird es ein gnädiges Jahr! Erbarmt euch und seht in ihnen die wunderbaren Menschen, die sie noch werden! So wie Gott euch sieht.

Kennt ihr die Geschichte von des Menschen neuen Kleidern? Die ist kein Märchen, die ist die Wahrheit, die Wahrheit Gottes. Alle sagen: Ach wie nackt und elend sind alle Menschen, und wie ungerecht und kalt. Nur ein unschuldiges Kind sagt: Seht doch, sie haben alle prächtige Kleider an, Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit.

Also, liebe Schwestern und Brüder, sehen wir gnädig auf die anderen, mit der milden Nachsicht, mit der Gott uns ansieht, dann wird’s ein gnädiges Jahr werden.

Amen.