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Predigt über Jes 55,1-5 (Pfrn. M. Waechter) vom 30.06.2019

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Ein Duft von Honig weht durch die Luft. Große und kleine Töpfe mit gold- glänzendem Honig stehen dort. Am Stand daneben Zitronen, Orangen, Tomaten, Auberginen… Die Augen können sich an den Farben satt sehen. Kreisrunde Brote wechseln den Besitzer. Menschen schieben sich aneinander vorbei. Es herrscht ein geschäftiges Gedränge. Die Frau auf dem sandigen Boden hat kaum Platz. Füße laufen an ihr vorbei und wirbeln den Staub auf. Kaum einer sieht die ausgestreckte dürre Hand, die um eine Münze bettelt. Ein Stimmengewirr erfüllt den Markt. Es wird gehandelt und gefeilscht. Die Waren werden angepriesen. Die Marktschreier schreien laut und übertönen einander. Eine Stimme ist lauter als die anderen, durchdringender. Die Frau auf dem sandigen Boden, die die Menschen um sich herum kaum noch wahrnimmt, horcht auf einmal auf. Was ruft dieser Marktschreier? „Kommt her, kommt her alle, die ihr durstig seid. Kommt zum Wasser! Und ihr, die ihr kein Geld habt, kommt, kommt her, kauft und esst. Kauft ohne Geld. Kauft, was ihr zum Leben braucht ohne Geld. Wein und Milch umsonst. Kommt her alle, die ihr durstig seid. Kommt her zu mir, hört auf mich, und ihr werdet Gutes essen und euch am köstlichen laben.“

Die Frau auf dem sandigen Boden hat ihre Hand zurückgezogen. Sie richtet sich auf. Sie hört hin. Sie spitzt die Ohren.

Kommt her alle, süße, saftige Orangen, kommt her und kauft!

Die Frau sinkt wieder in sich zusammen. Sie hat sich wohl verhört. Sie schließt die Augen, streckt die Hand aus und wiegt vor und zurück. 

551 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!

2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.

3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.

4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.

5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

 Jesaja gesellt sich zu den Marktschreiern und zieht sich dann wieder zurück. Erst ruft er laut, dann spricht er sanft und leise:

Kommt her zu mir, ganz nah. Kommt, ich möchte euch etwas sagen. Neigt eure Ohren und hört.“ Die leise Stimme erzählt von Gottes Treue, davon, dass Gott Wort hält ewiglich. Die leise Stimme erzählt von Gottes Liebe zu den Menschen, zum Volk Israel und von dem Bund, den er geschlossen hat, einen Bund, eine Zusage, dass er immer ihr Gott sein wird, treu und beständig, immer und ewiglich. Die leise Stimme erzählt von David, einem Zeugen Gottes, Zeuge des Bundes. David, Sänger Gottes und seiner Treue. David, gnädig von Gott erwählt. In ihm und durch ihn hat Gott die ganze Welt erwählt und sich mit ihr verbündet.

Kommt her zu mir, ganz nah. Neigt eure Ohren und hört.“ Die Welt wird erfüllt sein von Gottes Herrlichkeit. Menschen aller Völker, die du rufst, die dich rufen, die sich rufen, die zueinander finden, Menschen aller Völker, Bundespartnerinnen Gottes, sie bezeugen die Herrlichkeit Gottes. In all ihrer Verschiedenheit bezeugen sie die Schönheit Gottes. Und gemeinsam werden sie Gutes essen und sich am Köstlichen laben, Wein und Milch und Honig.

Hast du dein Ohr geneigt, hast du mir zugehört? Höre und du wirst leben.

Ich frage mich, wie höre ich, wenn wir diese großartige Einladung hören? Brot und Wasser umsonst? Milch und Honig für alle? Klopft mein Herz ein wenig schneller? Halte ich kurz die Luft an? Werden meine Ohren rot? Steh ich auf, will ich mehr, und gehe der Stimme einen Schritt entgegen?

Oder hebe ich kurz den Kopf und sinke dann wieder in mich zusammen, wie die Frau im Sand und denke: Was für ein Quatsch? Brot und Wasser umsonst. Milch und Honig für alle. Das hat niemand im Angebot. Ich habe mich wohl verhört.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Der einladende Ruf hallt durch die ganze Bibel. Der einladende Ruf laut und durchdringend. Das einladende Wort leise und deutlich. In vielen Variationen:

Kommt her alle, kommt an den Tisch, der euch bereitet wird. Kommt alle, mühselig beladen, von den Zäunen und den Straßen, die Sünderinnen und Sünder. Gott bereitet euch einen Tisch im Angesicht der Feinde. Du wirst dem Hungrigen dein Brot brechen. Und du wirst ein bewässerter Garten sein. Völker und Nationen, Fremde, das Volk Israel, umsonst vom Brot des Lebens Kosten, im Land von Milch und Honig.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Hört, so werdet ihr leben!

Auf Bahnhöfen und an Bushaltestellen, an großen Plakatwänden sehen wir große lila Plakate. Da ist keine Kuh drauf. Da steht ein Wort groß geschrieben: Unerhört! Und dazu gibt es verschiedene Variationen:

Unerhört! Diese Migrantenkinder

Unerhört! Diese Obdachlosen

Unerhört! Diese Alten

Unerhört! Diese Flüchtlinge

Und darunter steht: #zuhören

Die großen unerhörten, lila Plakatwände gehören zu einer Aktion der Diakonie. Sie will auf pfiffige Weise Menschen aufhorchen lassen. Diese Kampagne nimmt den biblischen Ruf: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! ganz ernst. Diese Kampagne will für eine offene Gesellschaft werben, indem sie uns alle unerhört konfrontiert.

Das Wortspiel spielt mit dem Wort hören. Der Ausruf Unerhört will Aufmerksamkeit wecken und zwar nicht, um ins Schimpfen gegen Menschen verschiedener Gruppen einzustimmen. Vielmehr will er mit diesem Wort Aufmerksamkeit erzeugen und deutlich machen: auf diese Menschen wird viel zu selten gehört. Ungehört sind sie, Migrantenkinder, Obdachlose, Alte, Flüchtlinge, ungehört, an den Rand gedrängt. Die in unserer Gesellschaft mühselig und beladenen werden viel zu oft nicht eingeladen. Wo sollten sie sich erquicken?    

Unerhört, ungehört. Die Stimmen so vieler Menschen nehmen wir gar nicht wahr. Laufen vorüber, blicken weg, wirbeln mit unseren Füßen den Staub auf und sehen nicht, wer auf dem sandigen Boden sitzt.

Unerhört.  „Zuhören statt verurteilen.“ Die Diakonie plakatiert nicht nur großflächig, sondern arbeitet hart daran, Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und Räume zu schaffen, in denen Menschen einander zuhören.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Der einladende Ruf an Gottes Tisch und das Versprechen von Wasser und Wein, Brot und Milch umsonst ist nicht nur eine Vision. Dieser Ruf stellt unmissverständlich klar: jeder Mensch hat das Recht zu essen und zu trinken, zu leben, Gutes zu essen und köstlich sich zu laben. Nicht nur im Übertragenen Sinne, sondern ganz konkret. Das ist Gottes Willen!

Das Bekenntnis von Belhar (Südafrika, 1986) formuliert diesen Ruf, diese Einladung auch als Aufruf an die Kirche, entsprechend zu leben:

Wir glauben,
dass Gott sich selbst als der Eine geoffenbart hat, der Gerechtigkeit und wahren Frieden unter den Menschen herbeiführen will;
dass er in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Feindschaft in besonderer Weise der Gott der Notleidenden, der Armen und der Entrechteten ist und dass er seine Kirche aufruft, ihm darin zu folgen;…

Hört, so werdet ihr leben.

Und wir? Sie und ich? Auf wen hören wir? Was spricht uns an? Wem schenken wir Glauben? Welche Worte wählen wir selbst, um von uns und unserem Glauben zu erzählen? Wie wollen wir andere überzeugen?

Jesaja gesellt sich zu den Marktschreiern. Zwischen Honig und Orangen verkündigt er Gottes Liebe, die uns ganz umsonst geschenkt wird. Wasser des Lebens, Brot des Heils. Er verkündet, dass Gott ein gutes Leben, Milch und Wein, allen Menschen schenken möchte.

Jesaja zieht sich dann wieder zurück. Er wird leise, vielleicht nachdenklich. Und denkt selbst laut nach über Gottes Liebe und Bund, David und die Völker. Nachdenklich lädt er andere ein, ebenfalls nachzudenken.

Die Diakonie hängt große lila Plakate auf. Und erzählt von Gottes Menschenfreundlichkeit, die niemanden ausschließen will. Sie regt an zu hören, nachzudenken und den Blick zu weiten.

Das Bekenntnis von Belhar formuliert in deutlichen Worten, was die Aufgabe der Kirche in unserer Welt heute ist.

Ich finde es gut, dass es so unterschiedliche Möglichkeiten gibt, von Gott zu sprechen, schreiend auf dem Markt, leise flüsternd ins Ohr, wie die Werbetexter auf großen Plakatwänden oder standhaft und bekennend.  Und noch viel Mehr. Und mal klopft mein Herz ein wenig schneller. Mal halte ich kurz die Luft an. Ich stehe auf, will mehr wissen und hören und gehe der Stimme einen Schritt entgegen. „Kommt her alle, kommt her alle, die ihr durstig seid. Kommt zum Wasser!“

Ja, ich möchte, dass die Frau auf dem sandigen Boden aufsteht, mit allen anderen „Unerhörten“ aus allen Völkern und wir gemeinsam die Köstlichkeiten Gottes genießen, Milch und Honig, Wasser, Brot und Wein.

Amen