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Predigt über Jes 25,6-9 (Pfrn. M. Waechter) vom 22.04.2019

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6 Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.

7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.

8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der Herr hat's gesagt.

9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

 

Jesus ist tot. Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. (Joh 20,11) Tränen laufen ihr stumm über das Gesicht. Jede Bewegung ist schwer. Ihre Gedanken kreisen um das, was geschehen ist und können es nicht wahr haben. All ihre Lebenskraft ist ihr genommen.

Jesus ist tot. Zwei der Jünger verlassen Jerusalem, den Ort des Schreckens. (Lk 24, 13-35) Sie machen sich auf den Weg mit hängenden Köpfen, mit schweren Gliedern. Sie wollen alles hinter sich lassen, doch ihre Gedanken kreisen um das, was geschehen ist. Zwischendurch bleiben sie mit düsterer Miene traurig stehen. Tränen füllen die Augen und tropfen auf den steinigen Weg.

Was dann geschieht, ist schwer in Worte zu fassen.  

Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.

Die zwei Jünger werden von einem Fremden begleitet. Sie erzählen, sie reden, sie sprechen. Alles sprudelt aus ihnen heraus: der Schmerz, die Angst, die Begeisterung, die Hoffnung, die sie einmal hatten, die Enttäuschung, die sie jetzt erfüllt. Die Liebe – war sie echt? Ist sie noch da? Was wir aus ihr? All das sprudelt aus ihnen heraus. Und - sie hören zu. Hören auf die Worte des Mannes. Worte, die sie aufhorchen lassen – seltsam vertraut und wohltuend. Ihre schweren Glieder werden leichter, die Köpfe können sie wieder gerade halten, ihnen wird warm ums Herz. Und als es Abend wird, bitten sie den Fremden bei ihnen zu bleiben. Sie kehren ein in Emmaus. Sie setzen sich an den Tisch. Er nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht das Brot und gibt es ihnen.

Was dann geschieht, ist schwer in Worte zu fassen. 

Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein Mahl machen.

Jesus ist tot. Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Die Trauer liegt über ihr wie eine schwere Hülle, wie eine unsichtbare Wand, die alles um sie herum dämpft und unwirklich erscheinen lässt.

Jesus ist tot. Die zwei Jünger verlassen Jerusalem, den Ort des Schreckens. Sie können nicht begreifen, was geschehen ist. All das, was sie vor der Kreuzigung mit Jesus erlebten, scheint in keiner Verbindung zu seinem grausamen Tod zu stehen. Sie finden keine Erklärung. Der Sinn erscheint ihnen verborgen, verschlossen, verhüllt, unzugänglich, unverständlich. Es ist, als ob ihre Gedanken an eine unsichtbare Decke stoßen und nicht weiterkommen.

Was dann geschieht, ist schwer in Worte zu fassen. 

Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was dann geschieht.

Maria, die Jünger, sie erleben, wie ihre Tränen getrocknet werden. Ganz zart und kaum zu spüren, werden ihre Tränen von ihren Angesichtern gestrichen.

Die Jünger erleben, wie sie zum Essen geladen werden. Der Lobpreis wird gesprochen und ihnen wird das Brot gereicht.

Maria und die Jünger, spüren, dass sich etwas verändert, als würde eine Hülle von ihnen genommen werden. Eine Hülle, die die Augen bedeckte, ist fort, so dass sie wieder sehen können. Eine Hülle, die schwer auf ihren Schultern lastete. Sie ist fort, so dass sie das Leben wieder in sich und um sich herum spüren.   Sie spüren wie sie das Trauergewandt abstreifen können.

Du hast mir meine Klage in Reigen verwandelt, mein Trauergewand gelöst und mich mit Freude umgürtet, damit mein Herz dir singe und nicht verstumme, Herr, mein Gott, in Ewigkeit will ich dich preisen.  (Ps 30, 12f)

Es ist schwer in Worte zu fassen, was dann geschieht.

Maria, die Jünger, sie merken wie die alten Worte des Jesaja Wirklichkeit werden. Wie sie sich bewahrheiten. Gott wird abwischen alle Tränen – Gott wird zu einem Festmahl einladen – Gott wird die Hüllen und Decken fortnehmen, mit denen die Völker bedeckt sind. Sie merken, dass diese alte Hoffnung des Jesaja, die Hoffnung, dass es irgendwann so sein sollte, dass sie sich heute für sie erfüllt.

Jesus ist tot. Aber der Tod Jesu drückt sie nicht mehr nieder. Er lastet nicht mehr schwer auf ihnen. Der Tod Jesu bestimmt nicht mehr die Wirklichkeit. Der Tod Jesu ist überwunden. Sein Tod ist verschlungen auf ewig.

Maria und die Jünger können sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

Maria und die beiden Jünger und andere Jüngerinnen und Jünger stimmten in diesen Lobgesang ein. Und trugen diese Botschaft weiter. Sie erzählten von Jesus Christus, durch den sie verstanden hatten, dass Gott dem Tod die Macht genommen hatte. Sie erzählten von Jesus Christus, durch den sie verstanden hatten, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Sie erzählten von Jesus Christus, durch den sie verstanden hatten, dass Gott alle Menschen und Völker zu sich an den Tisch ruft zum Festmahl. Getrieben von dem Vertrauen, dass Jesajas und Jesu Wort sich als wahr erwiesen hatten und wieder und immer wieder als wahr erweisen würden, trugen sie ihre Botschaft – die Worte Jesajas und Jesu Worte -  in die ganze Welt. Auch zu den Völkern, zu den Heiden. Auch sie sind beim Mahl willkommen. Ihre Tränen werden getrocknet. Die verhüllende Decke wird von ihnen genommen.

Die Völker, die Heiden, das sind wir und wir teilen dieses Vertrauen und diese Hoffnung und stimmen heute ein:

»Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

Maria und die Jünger, spürten, dass sich etwas verändert hatte. Es war so als würde eine Hülle von ihnen genommen werden. Eine Hülle, die die Augen bedeckte, wurde genommen, so dass sie wieder sehen konnten. Eine Hülle, die schwer auf ihren Schultern lastete. Sie wurde genommen, so dass sie das Leben wieder in sich und um sich herum spüren.   Sie spüren wie ihre Tränen getrocknet wurden und wie sie das Trauergewandt abstreifen konnten. Ihre Klage wurde in Reigen verwandelt.

Maria und die beiden Jünger lebten und sie lebten weiter noch viele Jahre.

Und ich bin mir sicher, dass ihr weiteres Leben ihnen neue Tränen brachte und neue Lasten auf ihren Schultern. Ich bin mir sicher, dass sich immer wieder eine Hülle über ihre Augen und Herzen legte, sie zweifelten und nichts verstanden. Und auch der Tod gehörte zu ihrem Leben.

Aber ich bin mir auch sicher, dass sie diesen Moment als Gott alle Tränen von ihrem Angesichte wischte, niemals vergaßen. Dass dieser Moment ihr Leben prägte und dass das Vertrauen in Gott, dass sie damals kennen lernten, sie niemals verlassen hat. Auch nicht im Angesicht des Todes.

Und sie fanden Worte für das, was sich so schwer in Worte fassen ließ.

Sie sagten:

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Amen