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Predigt über Jer 31,31-34 (Pfr. Dr J. Kaiser) vom 24.05.2020

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Liebe Gemeinde,

mein Auto ist sehr Intelligent. Deshalb predige ich heute mal über mein Auto. Ein ungewöhnliches Thema für eine Predigt, selbst im Autoland Deutschland.

Mein Auto ist aus Japan. Es piepst oft. Es erkennt Gefahren oder falsche Bedienungen und warnt. Mein Auto überwacht mich. Das soll mich und es vor Schaden bewahren. Mein Auto kann auch Verkehrsschilder erkennen. Vor allem Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die zeigt es mir auf seinem Armaturenbrett an, was ja längst kein Brett mehr ist, sondern eine Reihe von kleinen Monitoren. Es gibt in meinem Auto irgendwo ein Knöpfchen, mit dem kann ich ihm sagen: halte dich bitte an die Geschwindigkeitsbegrenzungen! Dann fährt mein Auto nie schneller als die von ihm auf dem letzten Schild gelesene Geschwindigkeit, auch wenn ich das Gaspedal drücke. Da sich mein Auto aber beim Schilderlesen noch oft vertut, habe ich das Knöpfchen noch nie gedrückt.

Ferdinand Dudenhöffer, Deutschland Auto-Professor, der jeden zweiten Abend was Schlaues zum Auto in den Fernsehnachrichten sagt, sagt, die Automobilbranche stehe vor einer Revolution. Er meint damit nicht den Trend zur e-Mobilität, also zu immer mehr Elektroautos. Er meint den Fortschritt hin zum selbstfahrenden Auto. Selbständig einparken kann mein Auto auch schon. Ich glaube, es könnte noch mehr allein, wenn man es ließe. Die Autobauer der Zukunft heißen nicht mehr VW und Mercedes. Die Autobauer der Zukunft heißen Google und Amazon. Tesla mischt auch mit. Ein gut fahrendes Elektroauto zu bauen ist kein Kunststück mehr. Ein selbstfahrendes Auto zu bauen, das ist das, worauf es jetzt ankommt. Und das kommt, meint Ferdinand Dudenhöffer, der Autoprofessor. Wenn es ausgereift ist, kommt es. Es ist dann ausgereift, wenn das Auto beim Fahren weniger Fehler macht als der Mensch hinterm Steuer. Das selbstfahrende Auto beachtet alle Verkehrsregeln. Für eine Übergangszeit, in der selbstfahrende Autos und herkömmliche Autos auf den Straßen fahren, wird es noch Verkehrsschilder geben. Wenn nur selbstfahrende Autos erlaubt sind, weil sie einfach viel besser und sicherer und umsichtiger fahren, dann wird man auch die Verkehrsschilder abmontieren. Vielleicht werden wir beide das noch erleben, Michael, das intelligente Auto.

Ob wir auch noch den intelligenten Menschen erleben werden? An dem wird auch geforscht. Der Mensch, der keine Fehler mehr macht, bei dem die Störquellen ausgeschaltet sind, die Emotionen, die Angst, die Furcht, die Verzweiflung, auch die Freude und das Glück, denn auch die beeinflussen uns und könnten Störfaktoren im perfekten Funktionieren sein.

Wenn man die Schnittstelle in unserem Gehirn gefunden hat und weiß, wie der Anschluss, die Datenbrücke funktioniert, dann wird man uns einen Computerchip ins Hirn hineinoperieren und uns über Algorithmen steuern. Das klingt noch wie Science-Fiction, aber daran wird geforscht. Zunächst wird man so einen Chip nur einpflanzen, um Krankheiten zu heilen oder Defizite zu beheben, etwa Blinde sehend zu machen oder Epileptiker zu heilen oder die Wachheit zu erhöhen. Aber wenn die Technik mal funktioniert, ist alles möglich, bis hin zur Steuerung des Menschen durch einen Zentralrechner. Der intelligente Mensch, der keine Fehler mehr macht.

Der israelische Autor Yuval Noah Harari ist in seinem Buch „Homo Deus“, eine Geschichte von morgen, dieser Aussicht nachgegangen. Er schreibt: Die Menschen werden „zwar als Kollektiv weiterhin von Wert [sein], sie [werden] aber ihre individuelle Macht verlieren und stattdessen von externen Algorithmen gelenkt werden. Das System wird Sie immer noch brauchen, um Symphonien zu komponieren, Geschichte zu unterrichten oder Computerprogramme zu schreiben, aber das System wird Sie besser kennen als sie sich selbst und deshalb die meisten wichtigen Entscheidungen für Sie treffen - und Sie werden damit vollkommen zufrieden sein.“ (531) Soweit Harari.

Wir werden damit vollkommen zufrieden sein. Das System wird uns kontrollieren, aber um uns zu optimieren. Es verhindert unsere Fehler, es macht, dass wir uns nicht mehr ärgern oder fürchten, es macht, das wir immer gelassen und freundlich sind, es lässt uns immer lächeln, es blockiert die Wut und den Hass. Niemand wird mehr aggressiv. Es sorgt dafür, dass wir tolerant sind. Niemand wird mehr AFD wählen. Jeder wird vernünftig sein, keiner wird mehr an Verschwörungstheorien glauben. Alle werden in Pandemiezeiten die Abstandsregeln bewahren. Man braucht keine Hinweis- und Verbotsschilder mehr, und wir müssten uns überlegen, ob wir im Gottesdienst weiter die Zehn Gebote lesen – nötig wäre es nicht mehr. Fernsteuerung durch einen Computerchip im Hirn – das klingt nach einem Horrorszenario, aber das ist es nicht.

Endlich könnte wahr werden und sich realisieren, was wir seit Jahrhunderten predigen: der gute Mensch, der friedliche, angst- und sorgenlose Mensch, der freundliche und hilfsbereite Mensch, der altruistische Mensch, der die anderen im Auge hat und nicht vor allem sich selber, weil er eben so programmiert wird durch das System.

Wird damit endlich die alte Verheißung in Erfüllung gehen, die beim Propheten Jeremia steht?

Sieh, es kommen Tage, Spruch des HERRN, da schließe ich einen neuen Bund mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe an dem Tag, da ich sie bei der Hand nahm, um sie herauszuführen aus dem Land Ägypten; denn sie, sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl doch ich mich als Herr über sie erwiesen hatte! Spruch des HERRN.

Dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schließen werde nach jenen Tagen, Spruch des HERRN: Meine Weisung habe ich in ihr Inneres gelegt, und in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben. Und ich werde ihnen Gott sein, und sie, sie werden mir Volk sein.

Dann wird keiner mehr seinen Nächsten und keiner seinen Bruder belehren und sagen: Erkennt den HERRN! Sondern vom Kleinsten bis zum Größten werden sie mich alle erkennen, Spruch des HERRN, denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken.

Wird also endlich diese uralte Verheißung in Erfüllung gehen? Nicht nur an Israel, sondern an der ganzen Menschheit? Vielleicht zuerst an Israel, weil die Israelis gerade in solchen IT-Dingen sehr weit sind und ihnen offener gegenüberstehen als wir Deutschen. Nur eben mit dem Unterschied, dass Gott seine Weisungen ins Herz schreiben will, während man die Handlungsanweisungen per Chip eher ins Hirn schreiben würde. Und statt durch den Heiligen Geist, der sich zwar an Pfingsten feiern lässt, dessen technische Zuverlässigkeit aber schon immer zweifelhaft war, denn er weht, wo er will, werden die Daten durch Bluetooth oder G5 oder etwas Höheres übertragen. Das würde vielleicht sogar in Deutschland mal zuverlässiger und vor allem flächendeckender funktionieren als der Heilige Geist.

Wird sich also die alte Prophezeiung des Propheten endlich erfüllen, nicht durch verbale Kommunikation und Predigt und die Entschlüsselung durch den Heiligen Geist, sondern direkt und digital, per Funk und Chip im Hirn?

Es ist nicht auszuschließen, liebe Gemeinde, dass das so kommen wird. Aber der Gott, den wir dann erkennen, wird nicht mehr der Gott sein, den wir aus der Bibel kennen. Und der neue Mensch wird auch nicht mehr der Mensch sein, den wir aus der Bibel kennen. Der intelligente, der fehlerfreie, der perfekte Mensch, der ewig süß lächelt und nie mehr sauer ist, ist nicht der Mensch, den Gott vor Augen hat. Nicht der Mensch, der von Gott geliebt werden kann. Weil es nicht mehr der Mensch ist, der Fehler macht.

…denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken. Spruch des Herrn.

Die Tageslosung für heute lautet: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte! (Ps 130,4)

Zum neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließt, gehört es doch gerade, dass die Menschen nicht perfekt sein müssen. Fehler sind eingerechnet. Gott wird verzeihen. Gerade das ist das Verbindende an diesem Bund.

Zum Menschsein gehört das Fehlermachen. Und zum Gottsein gehört das Vergeben. Und zur Liebe gehört beides. Du kannst nur lieben, wenn du verzeihen kannst. Und du bist nur ein Mensch, wenn du Fehler machst. Und Gott ist nur ein Gott, wenn er dir vergibt.

Die selbstfahrenden Autos werden kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Der fehlerfreier ferngesteuerte Mensch hoffentlich nicht. Jedenfalls nicht, solange wir leben!

Amen.