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Predigt über Hiob 14,1-17 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 17.11.2019

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November-Blues.

Wenn die Blätter welken und die Nebel fallen und der Moderdampf aus dem Laubhaufen gen Himmel steigt, dann ist Depressions-Saison.

Man kann sich in der Niedergeschlagenheit fast behaglich einrichten. Die Natur führt das Spiel ihrer Sterblichkeit auf. Das kann sogar Poesie haben.

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Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Schöne Poesie und viel traurige Wahrheit. Der Mensch, ein Stück Natur. Viel Stoff, wenig Geist. Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, ein paar Spuren anderer Elemente, kaum Spuren von Geist, eher Säuren, Aminosäuren, auch ein bisschen Phosphor und Schwefel. Aber die Säuren machen dich nicht sauer, der Schwefel macht dich nicht böse. Es sind doch alles nur die Spuren der Natur.

Die Gene befehlen deine Wege, das Programm deiner Natur zeichnet Lauf und Bahn, da dein Fuß gehen muss, ohne Freiheit, ohne Ausbrechen. Du kommst aus der Erde und du wirst zu Erde. Dein Leben und dein Lieben, dein Glück und dein Elend, dein Hoffen und dein Glaube, die Kinder, denen du Leben gegeben hast, die Bäume, die du gepflanzt hast, deine Erinnerungen, deine Erlebnisse, der ganze Reichtum deiner Werke, die ganze Armut deines Leidens, alles, was einmal der Pfarrer zur Sprache bringt, bevor er eine Handvoll Erde in deine Grub wirft, das alles, was du gewesen bist, ist am Ende nur Stoff der Erde, ein bisschen Sauerstoff, ein bisschen Kohlenstoff, ein bisschen Wasserstoff und ein paar Spurenelemente von Aminosäuren, denn selbst das Programm deines Lebens zerfällt zur Natur. Ach, könnte man wenigstens auf dem Grabstein zu deinem Namen ein Reagenzgläschen mit deinem Gen für die Nachwelt ausstellen und vielleicht noch eine Rose darin baden. Aber auch das Gen wird zerbröseln und die Rose wird welken.

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Ich bin müde. So müde, müde von allem. Es alles so mühsam. Ich will schlafen. Endlich schlafen. Ewig schlafen. Schlafen und nicht mehr aufwachen. Da ist nichts mehr, für das es sich lohnt wieder aufzuwachen. Ich will meine Ruhe, Ewige Ruhe. Ich habe nichts dagegen, wenn ich mich auflöse, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub, Stoff zu Stoff, Kohle, Wasser, saure Erde und ein bisschen Sondermüll. Das eine oder andere von mir wird wieder neues Leben. Moleküle vom Darm frisst der Wurm, den Wurm frisst der Vogel, der Vogel fliegt in den Himmel, und die Milz wird zu Gras, das Gras verdorrt. Ich habe nichts gegen den Kreislauf der Natur. Ich bin Natur, ein Mensch, vom Weibe geboren, voller Unruhe. Ich will meine Ruhe. Endlich. Ewig.

November-Blues.

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Auch Hiob will seine Ruhe. Kennt ihr Hiob? Ja, ihr kennt ihn. Jeder kennt einen Hiob. Menschen, die ein Abo auf Unglück haben. Ohne je solch ein Abo bestellt zu haben. Menschen, die Hiobsbotschaften erhalten, jeden Tag eine, das eine Unglück ist noch nicht verdaut, da kommt schon das nächste. Der Mann liegt mit Herzinfarkt im Krankenhaus; das Altersheim ruft an, die demente Mutter ist abgehauen; die Polizei klingelt, der Sohn ist beim Dealen erwischt worden; die Tochter ist nach Neuseeland ausgewandert und hat den Kontakt abgebrochen; da kommt ein Brief vom Arzt und teilt nüchtern mit: Sie haben Krebs. So was gibt es. Highspeed-Flatrate aufs Pech. Diese Menschen heißen alle Hiob. Jeder kennt Hiob.

Der biblische Hiob verlor all seinen Besitz, dann all seine Kinder, dann seine Gesundheit. Er war der gottesfürchtigste und treuste von allen Knechten Gottes. Er wurde Proband einer wahnsinnigen Versuchsreihe. Ein extremer Stresstest des Glaubens. Hält sein Glaube extremen Belastungen stand oder reißt er?

Aber davon weiß Hiob nichts. Er weiß nicht, dass er ein theologisches Versuchskaninchen ist. Er hatte sich nicht freiwillig gemeldet.

Welcher Hiob weiß das schon? Niemand weiß das, niemand ahnt so was, niemand glaubt so was.

Wir wollen es auch nicht wissen, nicht heute, nicht im November. In der Passionszeit, an Invokavit oder am Sonntag Judica - Richte mich! -, da wird Zeit sein, zu fragen: Gott, wieso tust du so was? Aber nicht heute, nicht im Nebel-November mit seinem ewig verschleierten Himmel. Heute wissen wir nichts davon, heute bleiben wir ganz bei Hiob, der so müde ist vom Klagen und Schreien, vom Fragen und Rufen, so müde.

Hier ist Hiobs November-Blues:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! Meinst du, einer stirbt und kann wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Hiob, hör mir zu, ich bin dein Freund. Du hast schon drei, vier Freunde und traust ihnen nicht, ich weiß. Sie kamen, dich zu trösten, doch ihr Trost war vergiftet. Elifas, Bildad und Zofar, deine Freunde, alles schlechte Pfarrer. Sie trösten mit Dogmen. Das funktioniert nie. Dir ginge es schlecht, weil du gesündigt habest, wollten sie dir einreden, weil es anders nicht sein könne.

Hiob, jetzt hör mir zu, ich bin auch dein Freund, ich bin auch Pfarrer, aber ich habe eine bessere Theologie, eine bescheidenere, eine, die weiß, dass weder Gott noch das Leben sich immer an meine Theologie halten. Das Leben ist reicher, als dass eine Theorie es fassen könnte. Gott ist größer als mein Denken von ihm. Und auch das ist bloß ein Gedanke und könnte unzulänglich sein.

Also Hiob, hör mich an. Ich werde nicht versuchen, dir eine Sünde einzureden, wo keine ist. Ich akzeptiere es, wenn du beteuerst, dass du gerecht und treu warst, dein ganzes Leben lang. Warum sollte es solche Menschen nicht geben?

Hiob, ich sage dir nur eines: Halte durch! Gib nicht auf! Gib dich nicht auf!

Du bist müde, Hiob. Du willst, dass Gott dich in Ruhe lässt. Du willst tot sein. Aber der Tod ist keine Ruhe. Der Tod ist nur der Tod und nichts als der Tod. Die Ruhe gehört zum Leben. Wenn du deine Ruhe willst, musst du leben, Hiob.

Wenn du Ruhe willst, darfst du dich nicht aufgeben. Und du darfst Gott nicht aufgeben. Liege Gott weiter in den Ohren. Du willst deine Ruhe? Dann lass Gott keine Ruhe! Du wirst erst deine Ruhe finden, wenn du von ihm eine Antwort hast. Kein Mensch kann deine Fragen beantworten. Keine Theologie ist deinem Leiden gewachsen. Nur Gott kann dich beruhigen. Darum lass ihm keine Ruhe, bis er antwortet.

Tu es für alle, die Hiob heißen, für alle, die eine Flatrate aufs Unglück haben.

Denn du bist mehr als Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff, mehr als die Erde, zu der du wirst. Du bist auch mehr als ein alter Baumstumpf, aus dem es wieder keimt. Du bist Geist, du bist Seele. Du bist nicht geschaffen, um die Würmer zu ernähren. Du bist geschaffen, um Gott zu antworten und Gott zu fragen. Du bist nicht nur Natur, du bist vor allem Gnade. Du bist das Wesen, das Gott sich geschaffen hat, damit er antworten kann, damit er gnädig sein kann.

Schiel nicht nach dem Grab, Hiob! Erheb dein Haupt und blick auf zum Himmel. Grau ist er im November, undurchdringlich. Aber warte nur, Es kommt die Zeit…

Hoff, o du arme Seele,

hoff und sei unverzagt!

Gott wird dich aus der Höhle,

da dich der Kummer plagt,

mit großen Gnaden rücken;

erwarte nur die Zeit,

so wirst du schon erblicken

die Sonn der schönsten Freud. (P. Gerhardt, EG 361,6)

***

Hiob hielt durch, liebe Gemeinde. Der Himmel öffnete sich nicht, aber die Nebel schwanden. Schwere Wolken brauten sich zusammen und Gott sprach aus dem Unwetter (Hi 38,1). Gott wetterte in einem Sturm der Entrüstung. Er stellte Hiob in den Senkel, er verurteilte seinen Hochmut.

Musste dies am Ende auch noch sein? Wo bleibt die Sonn der schönsten Freud für diesen Gequälten? Man ist versucht, für Hiob in die Bresche zu springen gegen einen Gott, der sehr vom hohen Ross herab spricht.

Da nimmt Hiob mich beim Arm und hält mich zurück. Lass gut sein! Hiob wirkt mit einem Mal ganz ruhig. Er scheint zufrieden. Es genügte ihm, dass Gott mit ihm sprach – endlich. Wie auch immer, aber endlich.

Ich blicke noch dem Unwetter hinterher. Hiob aber entdeckt den Sonnenstrahl und legt seine Hand auf den Mund. (Hi 40,4).

Ich weiß nicht, welche Antworten wir einmal von Gott bekommen werden. Wahrscheinlich wird uns klarwerden, dass wir die falschen Fragen gestellt haben. Aber Gott wird reden – endlich. Direkt. Zu uns. Zu mir. Ich werde hören. Ihn hören. Ihn sehen. Ich werde staunen und leben und meine Ruhe haben und meine Hand auf den Mund legen. Und sie nur noch wegnehmen und den Mund öffnen, um zu singen.

Amen.