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Predigt über Hebr 1,1-4 (Pr. Dr. J. Kaiser) vom 26.12.2020

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Nachdem Gott vor Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hatte durch die Propheten, 2hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben aller Dinge und durch den er die Welten geschaffen hat. 3Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens ist, der das All trägt mit dem Wort seiner Macht, der Reinigung von den Sünden geschaffen hat, er hat sich zur Rechten der Majestät in den Höhen gesetzt, 4weit erhabener geworden als die Engel, wie er auch einen Namen geerbt hat, der den ihrigen weit überragt.

Es gab einmal eine Zeit, liebe Gemeinde, da hat Gott viel geredet. Der Herr redete zu den Vätern wie Abraham und Mose, zu Königen wie David und Salomo. Der Herr redete mit den Propheten, wie Elias und Jesaja. Und dann zu uns allen durch seinen Sohn Jesus Christus.

Wann hat Gott eigentlich reden gelernt? Und: Wann er hat es wieder verlernt?

***

Gelernt hat Gott das Reden vor Zeiten, ganz am Anfang. Als ihm eingefallen ist, die Welt ins Dasein zu rufen. Als er alles in sein Wesen rief, das All und alles, was darinnen ist. Er rief: Es werde, und es wurde.

Am Anfang rief er nur. Dann berief er die Menschen, einzelne, die er mit Namen rief. Es begann mit Abraham. Zu dem sprach er. Erklärte, was er mit ihm vorhabe. Da lernte er das Reden. Dann zu Isaak, dann zu Jakob und seinen Söhnen. Er lernte sprechen und sprach beredt. Hebräisch, wie es scheint. Und die er mit Namen rief, die lernten Hören.

Beides muss man erst lernen: Das Reden und das Hören.

Es gab welche, die das Hören besonders gut gelernt haben, Meister im Hören. Man nannte sie Propheten.

Und dann hat Gott geredet durch seinen Sohn. Der musste das Hören nicht lernen, der hatte es von Anfang an in sich. Das Wort. Er war das Wort in Fleisch und Blut. Von Anfang an. Irgendwie schon immer. Und bis zuletzt.

Als der Mensch den Text schrieb, den ich eben vorgelesen habe, war das noch ziemlich frisch. Gott habe am Ende dieser Tage durch seinen Sohn geredet – am Ende dieser Tage! Am Ende der Redezeit Gottes. Und als die Redezeit Gottes zu Ende war, hat Gott aufgehört zu reden. Aber die Uhr lief weiter, die Zeit war nicht zu Ende, die Welt, die er durch sein Rufen ins Dasein brachte, schrieb weiter Geschichte, indem sie Zeit hinter sich schaufelte und Zukunft aufsaugte. Und es ist immer noch viel Zukunft da. Sie wird nicht alle.

Doch Gott hörte auf zu reden. Vor langer Zeit schon. Damals. Als er durch seinen Sohn sprach, den Erben, den Abglanz seiner Herrlichkeit, das Abbild seines Wesens.

Viele werfen ihm das vor. „Warum sagst du nichts“, fragen sie ihn. Oder sie fragen es gar nicht ihn, weil sie nicht mehr mit ihm sprechen, denn er spricht ja auch nicht mit ihnen. Dann fragen sie es Leute wie mich. „Was sagt denn dein Gott dazu“, fragen sie. Es ist schon gar nicht mehr ihr Gott, es ist mein Gott. Und ich bin dann regelmäßig um eine Antwort verlegen. „Na dann schauen wir mal in der Bibel nach“, sage ich. Und muss erstmal suchen, bis ich dort ein Wort finde, das eine gute Antwort auf die brisanten Fragen abgäbe.

Gott hat aufgehört zu sprechen. Für die Kirchen ist das gar nicht so tragisch. Sie haben ja ein Buch. Gottes Worte wurden aufgeschrieben. Man hat sie also. Sie werden immer wieder vorgelesen. Das reicht doch, sagen die Kirchen. Es ist ja ein dickes Buch. Da steht alles drin. Mehr braucht man nicht. Nicht alles darin ist von Gott, zugegeben. Da ist auch vieles drin, was Menschen gedacht und gesagt haben. Aber das Wesentliche, das ist von Gott. Auf vielerlei Weise hat Gott geredet, zu den Vätern, zu den Propheten und dann durch Jesus Christus, seinen Sohn.

Doch all das ist lange her. Rührend, engagiert und bisweilen auch verzweifelt sind die Bemühungen der Predigerinnen und Prediger, immer wieder zu beteuern, dass die alten Worte noch geradeso aktuell seien, wie sie es damals waren.

Es scheint, als hätte sich die Welt von diesen Tagen, in denen Gott noch redete, sehr weit wegbewegt. Die Worte von damals sind vielen fremd geworden. Viele haben den Kontakt zu Gott verloren. Sie fragen: Warum spricht er nicht mehr? Sie erwarten, er solle direkt zu ihnen sprechen. In einer klaren Botschaft.

Hätte er nicht viel zu sagen, gerade in dieser Zeit? Müsste er sich nicht fortwährend erklären, indem er uns erklärt, was das Ganze soll, mit diesem Virus, mit der Pandemie? Ist es eine Bestrafung? Wenn ja, für was genau? Ist es eine Warnung? Wenn ja, vor was genau? Aber jede Antwort provoziert sofort die Gegenfrage: Wieso so viele unschuldige Tote? Diese Gegenfrage kommt immer, wenn einer Menschen wie mich fragt: „Was sagt nun dein Gott dazu?“

Es gibt Fragen, die will er offenbar nicht beantworten. Gott stellt sich nicht unseren Fragen. Nicht heute und früher tat er es auch nicht.

Als noch Gottes Redezeit war, da hat er geredet. Aber auch da hat er nicht unsere Fragen beantwortet. Es gab während seine Redezeit keine allgemeine Fragestunde.

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Nun leben wir schon 2000 Jahre mit einem Gott, der nicht mehr redet. Der seinen Erben eingesetzt hat und wir deuten seinen Willen aus seinen beiden Testamenten heraus. Für viele ist Gott tot und ist so, als hätte es ihn gar nie gegeben.

Aber Gott lebt noch. Er ist nicht tot. Er macht sich noch bemerkbar. Gott hat geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben aller Dinge und durch den er die Welten geschaffen hat.

3Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens ist, der das All trägt mit dem Wort seiner Macht,

Seine Worte tragen immer noch. Das All und dich und mich. Da ist noch viel Glanz drin.

Das griechische Wort, das mit Abglanz übersetzt wird, heißt doxa. doxa kann auch ‚Meinung‘ und ‚Glaube‘ bedeuten.

Gemeint und geglaubt wird viel. Und was Christen sagen, ist doch auch nur Meinung und Glaube.

Aber manchmal passiert es, dass eine Meinung oder ein Glaube Glanz bekommt.

Als die Hirten in jener Nacht auf dem Feld waren und der Engel des Herrn zu ihnen trat, da leuchtete die Klarheit des Herrn um sie. Es ist wieder diese doxa, die da leuchtet. Die Züricher Bibel übersetzt es mit Glanz des Herrn, Luther übersetzt es mit: die Klarheit des Herrn.

Manchmal bekommen die alten Worte wieder Glanz. Dann nämlich, wenn dir etwas ganz klar wird. Wenn du weißt, was zu tun ist und wohin der Weg geht.

Es gibt ja diese Augenblicke. So vieles ist oft unklar. So oft fragen wir uns, was jetzt das Richtige ist. Aber manchmal passiert es, dass dir auf einmal etwas völlig klar wird, eindeutig, gewiss. Plötzlich weißt du, dass es gar nicht anders sein kann und gar nicht anders gehen kann.

Es ist diese plötzliche Gewissheit. Gott redet noch.

Das ist manchmal beglückend und manchmal unheimlich. Die Hirten fürchteten sich sehr, als die Klarheit des Herrn um sie leuchtete. Aber sie wussten dann, was zu tun war. Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist.

Es gibt sie noch, diese großen Gewissheiten, diese Klarheit, die plötzlich da ist. Wenn in einer Welt von Unklarheiten, Ungewissheiten, Relativitäten, in einer Welt des Einerseits und des Andererseits, und des „je nach dem“ plötzlich eine Gewissheit aufkommt, eine Klarheit dich umleuchtet, wie du es eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hattest. Das kommt von Gott.

***

Es sind keine neuen Worte. Es ist ja alles gesagt. Es gibt neue Viren und Krankheiten, neue Mutationen und Impfstoffe, es gibt neue Sterne und neue schwarze Löcher, aber über Leben und Tod ist alles gesagt, über die Liebe und das Woher und das Wohin ist alles gesagt. Es braucht nur manchmal ein bisschen neuen Glanz, eine Klarheit, eine Gewissheit. Aber dafür wird Gott schon sorgen.

Amen.