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Predigt über Ez 37,1-14 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 31.05.2020

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Des Herrn Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des Herrn und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, mein Gott, du weißt es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des Herrn Wort! So spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin.

Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der Herr: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der Herr.

Geist ist Wind. Wind ist Hauch. Hauch ist Atem. Leben und Tod, Tod und Leben. Atem ist Odem. Odem ist Geist. Geist ist Gott.

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Pfingsten 2020, liebe Gemeinde, Corona-Pfingsten, Pfingsten mit einem Hauch von Tod in der Luft.

Am Abend vor dem Fernseher. Des Herrn Hand kam über mich, und er führte mich hinaus … und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Särge. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, ein Grab neben dem anderen, dicht gedrängt, der Bagger kommt nicht hinterher, die Toten warten ungeduldig. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, mein Gott, du weißt es.

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Corona-Pfingsten. In diesem merkwürdigen Jahr werden wir an die Ursprünge, an das Elementare des Heiligen Geistes erinnert. Wir feiern heute nicht einen fröhlichen und bunten Kirchengeburtstag, wir feiern heute nicht das Wunder, dass Menschen unterschiedlicher Provenienz, Sprache und Kultur sich verstehen, wenn sie von dem einen Geist des Glaubens erfüllt sind. Wir feiern in diesem Jahr nicht den Heiligen Geist als Vermittler und Übersetzer göttlicher Botschaften, nicht als Versöhner und Tröster menschlicher Wunden.

In diesem Corona-Pfingsten können wir uns höhere geistige Sphären ebenso wenig leisten wie sublime Geistlichkeit. Wir werden zurückgeworfen auf die elementarste Vitalität. Leben heißt Atmen können.

Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde. (Ps 104,29-30)

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Odem übersetzte Luther. Das Wort gibt es nicht mehr. Es lebt nur noch in der Lutherbibel und auch aus der wird es von Revision zu Revision verdrängt und durch Atem ersetzt. In der jüngsten Ausgabe der Lutherbibel steht es aber noch, wenigstens für den Atem Gottes, für diesen Heiligen Atem, für den Geist in seiner elementaren Form, der, bevor er alles Feingeistige inspiriert, das Leben haucht, das reine, pure, das nackte Leben und nichts als das Leben.

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Ludger Verst hustet und hat Fieber. Nein, er doch nicht! Er kommt ins Krankenhaus. Er wird getestet. Doch er! Er kommt auf die Intensivstation. Er wird isoliert. Er wird beatmet. Wochen später schrieb er in der Frankfurter Rundschau:

Das Virus „frisst sich in die Lunge und verklebt ihr die Flügel. Tief einzuatmen gelingt mir nicht mehr. Immer öfter röhrender, blutiger Husten. Auch das Fieber steigt wieder. Und unter der Maske zerspringt mir der Schädel. … Eines Morgens, halb im Schlaf, halb noch im Fieber, träume ich, dass mir der Atem stockt, dass er mir ausgeht, es nicht mehr weitergeht. Und keiner mich hört bei diesen letzten Versuchen. „Do you hear me?“ — Hörst du mich?“, sende ich meiner Frau eine Nachricht aufs Handy. … meine Frau organisiert ein Bündnis fürs Atmen. Unsere Familie, unsere Freunde, Kollegen und Nachbarn, alle, die sich in Anrufen, über SMS oder Whats-App nach meinem Zustand erkundigen, werden um ihr solidarisches Mitatmen gebeten: „Breathe in … breathe out!“ - „Atmet für Ludger!“ - Aus einer symbolischen Aktion erwächst ein gemeinsamer Atem, ein Rückenwind, der mich aus einem tagelang drohenden Stillstand ins Leben zurückträgt, mir den Willen zum Selberatmen wiederschenkt. Vielleicht ist dies die wichtigste, die nachhaltigste Erfahrung aus meinem Kampf gegen das Coronavirus: Du bist, wenn es ums Ganze geht, nicht allein. Wenn dir die Luft ausgeht, wirst du von anderen ins Leben hineingeatmet, „in-spiriert“. Atmen und Inspiriert-Werden gehören zusammen.“ (FR online vom 25.5.20)

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Geist ist Wind. Wind ist Hauch. Hauch ist Atem. Leben und Tod, Tod und Leben. Atem ist Odem. Odem ist Geist. Geist ist Gott.

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Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, mein Gott, du weißt es.

Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des Herrn Wort! So spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. …

Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der Herr: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

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Pfingsten 2020. Ruach, Odem, Geist, Leben.

Du bist nicht allein. Wir alle atmen. Wir atmen füreinander. Wir atmen für die Kranken.

Und irgendwann wird der Odem Gottes unseren Atem so rein machen, dass wir uns wieder anfassen und umarmen dürfen, dass wir den Atmen des anderen einatmen und uns küssen dürfen, dass wir singen und Gott mit lauter Stimme loben dürfen. Halleluja: Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen und du machst neu das Antlitz der Erde. (Ps 104,30)

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Geist ist Wind. Wind ist Hauch. Hauch ist Atem. Leben und Tod, Tod und Leben. Atem ist Odem. Odem ist Geist. Geist ist Gott. Gott ist Leben.

Amen.