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Predigt über Ez 2,1-3,3 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 16.02.2020

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Vogel als Prophet, sprach er, setzte sich und ließ die Finger leicht und leise über die Tasten des Steinways huschen, Dreiklänge, nach oben überdehnt, nach unten gestaucht, schwebende Dissonanzen, ein wirres und witziges Klangbild. Das war vor 2 Wochen, am Sonntag der Pfarrwahl, hier nebenan in der Philharmonie. Martin Helmchen, Berliner Pianist, spielte die Zugabe: Schumann, „Vogel als Prophet“, hieß das kleine zarte und witzige Stück.

Und heute, liebe Gemeinde: Prophet als Vogel, als komischer. Propheten sind komische Vögel. Ezechiel einer der komischsten. Schon seine Berufung zum Propheten ist irgendwie komisch.

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Und [Gott] sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.

Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

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[Schumann: Vogel als Prophet https://www.youtube.com/watch?v=hQVcXUSlJhs ]

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Liebe Gemeinde,

wir müssen heute nicht nur über dieses Menschenkind, den komischen Propheten-Vogel Ezechiel reden. Wir müssen auch über alle komischen Vögel reden, die sich auf die Füße und vor die Leute stellen und sagen, ihre Worte seien die Worte Gottes. Es ist mir ein bisschen peinlich, aber wir müssen daher auch über mich reden. Wir müssen heute über das Predigen predigen. Das Wort Gottes ist das Thema dieses Sonntags. Ob es gehört wird oder nicht, ob es wirkt oder nicht, ob es Frucht bringt oder nicht. Und ob uns das „Oder-nicht“ übel aufstößt oder nicht.

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Was sind das doch für komische Vögel, die Pfarrer und die Pastorinnen, die Priester und die Propheten. Ziehen sich sonderbare Umhänge um, manche schwarze wie die Raben, manche bunte wie Paradiesvögel und stellen sich auf die Füße vor die Leute und reden merkwürdige Worte.

Die Propheten wurden meist gegen ihren Willen berufen, von Gott dazu gezwungen und machten das daher ausgesprochen ungern. Ich hingegen mach das sehr gern. Freiwillig. Es hat mich niemand gezwungen, Pfarrer zu werden.

Es ist mir nicht unangenehm, hier zu stehen. Es ist eine komfortable Situation: Ich rede und ihr hört zu. Vielleicht hört ihr auch nicht zu. Aber ihr seid kein Haus des Widerspruchs. Das ist auch nicht so vorgesehen in der Kirche. Also viel angenehmer als im Parlament oder vor Gericht, den Häusern des Widerspruchs.

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Vogel als Prophet, überdehnte Dreiklänge nach oben, gestauchte nach unten. Das reizvolle des Stückes von Schumann liegt gerade darin, dass der Zielpunkt dieser raschen Dreiklänge immer haarscharf danebenliegt, mal eine halbe Note zu hoch, mal eine ganz zu tief. Der Vogel zwitschert schief und munter daneben.

Was sind das doch für komische Vögel, die Pfarrer und die Pastorinnen, die Priester und die Propheten. Und manchmal liegen sie daneben. So ist das: Der Vogel zwitschert, ein paar Töne gehen daneben. Der Sämann sät, einiges geht daneben, auf Fels und in die Dornen. Der Prophet prophezeit und manches kommt doch anders. Der Prediger predigt und wer hört zu?

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Empirische Studien zeigen: Predigen ist ziemlich ineffektiv. Erwiesen ist, dass Reden nichts bewirkt, wenn es länger als drei Minuten dauert. Nach drei Minuten schalten die Ohren der Menschen in Standby. Drei Minuten sind die Schallgrenze im Radio für Redebeiträge. Man müsste also Dreiminutenpredigten machen. Wie Dreiminutensuppen und Dreiminuteneier: Hartgekocht und weichgespült. Man könnte – um dem Predigen mehr Effizienz zu sichern - die Lernziele, den Wissensstoff, die Gesinnungs- und Verhaltensänderung definieren, applizieren und visualisieren mit Beamer und Power-Pointe, dann in der Gemeinde in Gruppenarbeit und kleinen Gesprächsrunden vertiefen, und schließlich den Lernerfolg in einer Aktion sichern, damit sich das Gepredigte körperlich oder ganzheitlich verfestigt.

Wollen wir das tun? Wollte ihr das tun? Nein? Ich auch nicht.

Das Säen hat man verbessert. Bei den modernen Sämaschinen hinterm Trecker geht nichts mehr daneben. In der Schule ist der Frontalunterricht längst Geschichte, man kontrolliert den Lernerfolg und passt die Methoden fortwährend an. Nur die Vögel zwitschern noch schief. Was wäre das für ein fürchterlicher Gesang, wenn die Vögel nur noch in treffsicheren Dreiklängen trällerten! Und die Prediger predigen noch drauflos und nicht selten daneben. Mit null messbarem Effekt.

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Gott stellt Ezechiel auf die Füße und sagt zu ihm:

Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« Sie gehorchen oder lassen es …, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

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Wenn von einer Predigt nicht alles ankommt, was ankommen soll, kann es daran liegen, dass manches danebengeht. Es kann aber auch daran liegen, dass manches auf harte Köpfen und verstockte Herzen fällt.

Dennoch muss gepredigt werden. Dennoch sollen sie wissen, dass Prediger und Predigerinnen unter ihnen sind, die wenigstens versuchen, Gottes Wort zu sagen, auch wenn viel danebengeht oder auf Betonköpfe trifft.

Denn, liebe Gemeinde, die Predigt des Evangeliums öffnet den Himmel. Methodisch kaum kontrollierbar und schon gar nicht zu evaluieren, aber er öffnet sich. Die Predigt des Evangeliums öffnet den Himmel.

Heidelberger Katechismus Frage 83

„Was ist das Amt der Schlüssel?“ Antwort 83:

„Die Predigt des heiligen Evangeliums und die christliche Bußzucht. Durch diese beiden wird das Himmelreich den Gläubigen aufgeschlossen.“

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Wenn ich ein Vöglein wär'
Und auch zwei Flüglein hätt',
Flög' ich zu dir.
Weil es aber nicht kann sein,
Bleib' ich allhier.

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Komischer Vogel Prophet. Ach, wenn ich ein Vöglein wär… Aber es kann nicht sein, denn ich bin ja ein Beamter. Das ist kein schwarzes Federkleid, das ist ja eine Amtstracht. Ich habe ein Predigtamt. Mir wird ganz flau im Magen. Ein Predigtamt. Mit einer Schlüsselqualifikation. Ein Schlüsselamt. Ich schließe mit dem Predigen den Himmel auf und zu.

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Ja, die Predigt des Evangeliums schließt den Himmel auf. Das Evangelium, das ist dieser feste Choral in der Mitte und der geht in etwa so: Gott liebt dich. Darum ist Gott dir nicht gram, kann es gar nicht sein, hat dir durch Jesus Christus alle deine Sünden vergeben, dein Nicht-Können, dein Nicht-Wollen, deine Bockigkeit und Sturheit, deine Ängstlichkeit und Dummheit, alles, was dich davon abhält, dich selbst zu lieben und ihn zu lieben und deine Nächsten zu lieben.

„Ich will gedenken an meinen Bund, den ich mit dir geschlossen habe zur Zeit deiner Jugend, und will mit dir einen ewigen Bund aufrichten“ (Ez 16,60), spricht Gott, sagt Ezechiel.

Predigt des Evangeliums. Wenn du das hörst, wenn du das glaubst, wenn du das für dich realisierst – bist du eigentlich schon im Himmel. Dann liebst du Gott und den Nächsten wie dich selbst.

Die Predigt des Evangeliums schließt dir den Himmel auf. Nichts Anderes.

Das tut die Predigt des Evangeliums. Aber nicht ich. Ich bin kein Himmelspförtner, ich habe diesen Schlüssel nicht in der Hand. Ob du es hörst, ob du es glaubst, ob du es für dich realisierst und dann auch für die anderen, das habe ich nicht in der Hand.

Ich versehe hier nur mein Amt, tu hier nur meine Pflicht, stehe hier und rede Worte, die ich mir zurechtgelegt habe.

Was bin ich für ein komischer Beamter, rede Worte, die ihr hört oder nicht hört, von denen keiner weiß noch wissen kann, ob sie ankommen und etwas wirken? Mache hier am Sonntag etwas, das alles Mögliche ist nur gewiss kein Beitrag zur Hebung des Bruttosozialprodukts. Und andere Werte habe ich auch noch nie vermittelt. Bin ein Beamter, dessen Dienstpflicht es ist, mit Worten zu spielen. Bin doch ein komischer Vogel, der in Gottes Schriftrollen rumpickt und Körner sucht.

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Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.

Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Das also sollen wir tun, wir bunten Propheten und schwarzen Pfarrer: Bücher fressen, sein Buch fressen und es uns schmecken lassen. Die Bibel lesen und studieren, sie garen, dünsten, kochen, backen, braten, tranchieren und blanchieren, würzen, kosten, anrichten und kredenzen.

Büchervögel sind wir, Bibelwirte, Wortköche. Mit Buch im Bauch. Sagen vieles aus dem Bauch heraus, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Sie hören es oder sie lassen es, manchmal auch im Haus des Widerspruchs. Damit muss man rechnen, wir haben es nicht in der Hand, den Himmel aufzuschließen, aber wir haben das Evangelium im Bauch und wenn wir alle es uns schmecken lassen, wird der Himmel aufgehen.

Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. … (Lk 8,5)

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. (Mt 6,26)

Was sind wir doch für komische Vögel, wir Evangeliumsbeamte! Von Gott genährt mit Heilige Schrift.

Gott nennt uns übrigens nicht Pfarrherr und nicht Pastorin, nicht Predigtbeamter mit Schlüsselqualifikation und Seelsorgekompetenz. Gott sagt „Menschenkind“, „Du, Menschenkind“, sagt er. Ist das nicht schön? Das bin ich am liebsten und mehr nicht: Menschenkind. Das schmeckt mir.

Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit diesem Buch, das ich dir gebe. Da aß ich es, und es war in meinem Munde so süß wie Honig.

Amen.