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Predigt über Eph 4,22-32 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 18.10.2020

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Dass ihr ablegen sollt, was euer früheres Leben geprägt hat, den alten Menschen, der zugrunde geht wie die trügerischen Begierden!

Lasst einen neuen Geist euer Denken bestimmen, und zieht an den neuen Menschen, der nach dem Willen Gottes geschaffen ist: in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit.

Darum: Legt ab die Lüge! Jeder von euch sage, wenn er mit seinem Nächsten spricht, die Wahrheit, denn wir sind ja untereinander Glieder.

Wenn ihr zürnt, versündigt euch nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und dem Teufel gebt keinen Raum! Wer stiehlt, stehle nicht mehr, sondern arbeite und tue etwas Rechtes mit seinen Händen, damit er etwas hat, das er dem Notleidenden geben kann. Kein hässliches Wort komme über eure Lippen, sondern wenn ein Wort, dann ein gutes, das der Erbauung dient, wo es nottut, und denen, die es hören, Freude bereitet.

Betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung hin!

Alle Bitterkeit und Wut, Zorn, Geschrei und Lästerrede sei verbannt aus eurer Mitte, samt allem, was böse ist! Seid gütig zueinander, seid barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.

 

Ich will ein neuer Mensch werden.

Legt ab die Lüge! Jeder von euch sage, wenn er mit seinem Nächsten spricht, die Wahrheit, denn wir sind ja untereinander Glieder.

Ich will ein neuer Mensch werden. Ich will nicht mehr lügen. Ich will die Wahrheit sagen. Wenn mir jemand kommt mit „Wie geht’s?“, will ich sagen: „Beschissen!“, wenn es mir beschissen geht. Und nicht mehr: „Ja, geht gut.“ Und sagen, dass ich Angst habe vor dem verdammten Virus und sagen, dass du mir so auf die Nerven gehst, schon seit vielen Jahren und dir, dir will ich endlich sagen, dass ich dich so mag.

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Wenn ihr zürnt, versündigt euch nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und dem Teufel gebt keinen Raum!

Ich will ein neuer Mensch werden. Ich will nicht mehr zornig werden und wenn doch, weil es unvermeidlich ist, mich entschuldigen, dass ich zornig war, bevor die Sonne untergeht, bevor es zu spät ist und sich der Zorn über Nacht festgefressen hat in meiner Seele und wie Rost an ihr haften bleibt und die Seele hässlich macht und mich auch und ich zu einem verbiesterten Etwas werde, das von allen gemieden wird, weil es immer noch zornig ist und über alles schimpft und nichts Gutes und nicht Schönes mehr sieht.

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Wer stiehlt, stehle nicht mehr, sondern arbeite und tue etwas Rechtes mit seinen Händen, damit er etwas hat, das er dem Notleidenden geben kann.

Ich will ein neuer Mensch werden. Ich will nicht mehr stehlen, ich will nicht mehr auf Kosten anderer leben, ich will mich bescheiden und will auf alles Unnötige verzichten, auf den Urlaub in Dubai, auf die 200 qm zum Wohnen, auf den Mercedes, auf das neue Smartphone, das alte tut es auch noch. Und was ich spare, will ich spenden. Und will die Steuern nicht mehr als Diebstahl ansehen, sondern den Staat bitten, mir noch mehr Geld abzunehmen und es für Entwicklungshilfe zu verwenden und für den Nobelpreisträger Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen oder Brot für die Welt.

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Kein hässliches Wort komme über eure Lippen, sondern wenn ein Wort, dann ein gutes, das der Erbauung dient, wo es nottut, und denen, die es hören, Freude bereitet.

Ich will ein neuer Mensch werden. Ich will nicht mehr so viel von mir selber reden, meine Heldentaten preisen und jedem erzählen, was ich wie toll gemacht habe. Ich will keine schlauen Vorträge mehr halten, um meine Bildung zu demonstrieren und will die anderen nicht mehr durch meine gründlichen Bedenken beeindrucken. Ich will stattdessen nur noch sagen, was mir am anderen gefällt. Und weil ich die Wahrheit sagen will, will ich mich mühen, herauszufinden, was mir am anderen gefällt, vor allem bei denen, bei denen mir schon lange nichts mehr gefällt. Ich will ein neuer Mensch werden, ein Entdecker des Guten im Nächsten, ein Gutmenschentumserforscher und Gutmenschentumspropagandist.

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Ich will ein neuer Mensch werden, ein guter Mensch, will alle Bitterkeit und jede Wut und allen Zorn aus mir austreiben, will mir das dumme Geschrei und das ewige Lästern verbieten, will überhaupt alles sein lassen, was böse ist. Ich will mich weigern, mir Aufmerksamkeit und Achtung zu verschaffen durch Wut und Ernst, durch permanenten Pessimismus und ewige Kritik, durch harte Meinungen und brutale Äußerungen. Ich will ein neuer Mensch werden, kein Wutbürger, sondern ein Gutmensch und keine Angst davor haben, dass die Lästermäuler milde mich belächeln.

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Der Heilige Geist wird mich nicht belächeln, wenn ich ein neuer, ein guter, ein Gutmensch geworden bin. Er wird sich freuen, nachdem ich ihn so lange betrübt habe.

Ich will ein neuer Mensch werden. Aber es ist so schwer, ein neuer Mensch zu werden. Ich kann nicht aus meiner Haut fahren. Ich kann aus den eingespielten Mustern nicht ausbrechen. Ich tappe in den gleichen Situationen immer wieder in die gleichen Fallen.

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Kann man sich ändern, liebe Gemeinde?

Ja, sagen die Ideologen. Ja, sagten die Nazis und versuchten, den deutschen Herrenmenschen zu formen mit aller Gewalt. Ja, sagten die Kommunisten, und versuchten, den solidarischen Genossen zu bilden, mit viel Druck. Doch der alte Mensch war zäh, er entwand sich den Ideologen – Gott sei Dank, möchte man sagen.

Ja, sagen die Psychologen und Therapeuten, ja, es geht, aber nicht mit Propaganda, Parolen und staatlicher Gewalt, sondern nur in individueller Zuwendung und intensiven Gesprächen, sagen die Psychologen und leben gut davon. Menschen können sich ändern, aber es ist harte Arbeit und braucht viele Sitzungen.

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Ja, es ist möglich, sagt auch die Bibel. Aber den neuen Menschen kann man nicht züchten, nicht durch Umerziehung, nicht durch eine Genmanipulation, auch nicht durch Kirchenzucht. Aber durch eine neue Garderobe. Legt ab den alten Menschen, zieht an den neuen Menschen, sagt die Bibel. Ausziehen und Anziehen. Es ist eine Frage der Kleidung.

Weil du nicht aus deiner Haut fahren kannst, musst du dich schön anziehen. Musst dich schöner machen als du bist. Fein herausputzen, dich in Schale werfen, ein bisschen Makeup, ein bisschen Rouge, ein feiner Zwirn.

Du stehst morgens auf und stehst nackt und ungeschminkt vor dem Spiegel. Da verlierst du alles Selbstvertrauen. Alle Kurven zeigen nach unten. Dann ziehst du dich an, holst dein schönstes Kleid aus dem Schrank, ziehst die schicksten Schuhe an, den neusten Anzug, eine leuchtende Krawatte. Damit gehst du in deinen Tag und erntest Komplimente. „Du siehst ja toll aus!“ Und weil’s die anderen sagen, glauben sie es. Es geht dir gut, und weil es dir gut geht, kannst du es auch anderen gut gehen lassen.

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Zieht an den neuen Menschen!

Glauben ist nichts anderes, als sich schön anziehen. Die Worte an dich heranlassen, mit denen Gott dich gut und schön macht. Er sagt, du seist ein guter Mensch – obwohl du’s wohl gar nicht bist. Er sagt, du seist ein liebeswerter Mensch – obwohl du, wenn du in den Spiegel guckst, das gar nicht findest. Er sagt, du seist ein Heiliger, was du nur für einen Irrtum halten kannst. Aber kann sich Gott irren?

„Wie kann das sein“, fragst du deinen Gott. „Du machst dir Illusionen über mich!“ Da antwortet er dir: „Ich schaue gar nicht auf dich, ich seh dich mir nicht zu genau an. Ich schau auf meinen lieben Sohn, der all das Gute hat sich hat, das du nicht hast und nehm es für dich und zieh es dir an. Nun las du dir seine schönen Kleider gefallen, die ich dir anlege!“

Das mit dem neuen Menschen ist also eine Kleiderfrage oder eine Ansichtssache. Mit Blick auf dich selber kannst du nur verzweifeln. Glaube Gott und ändere die Perspektive, sieh auf dich mit dem Blick, mit dem Gott auf dich hat. Für Gott bist du ein Heiliger. Dieser Blick wird dich schön machen. Lass all das gute an ich heran, das Gott dir sagt, und du wirst ein neuer Mensch. Jeden Tag aufs Neue.

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Ich will ein neuer Mensch werden. Ich werde ein neuer Mensch werden. Der neue Mensch, der ich in Gottes Augen schon bin.

Es geht, aber es braucht viel Zeit und viel Zuspruch und ein ganzes Leben. Ich werde ein neuer Mensch werden, die Kleider, die Gott mir anzieht, werden mir zur zweiten Haut. Und dann werde ich kein dickes Fell mehr haben, sondern freundlich sein zu allen und auch zu mir selber und herzlich sein und vergeben, wie auch Gott mir vergeben hat in Christus.

Amen.