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Predigt über 2. Mose 33,18-23 (Pfr. Dr. K.F. Ulrichs) vom 19.01.2020

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Und Mose sprach [zu Gott]: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und Gott sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.

1.      Gott sehen wollen

 Ein langer Weg, unterwegs zu sein durch das Leben. Statt mit klarer Richtung laufen wir manchmal im Kreis und stehen dann da, wo wir vor Tagen und Wochen, vor Jahren schon einmal waren und sind keinen Schritt weiter. Durststrecken müssen wir durchwandern. Wir brauchen zu trinken, um munter zu bleiben, wach und kreativ. Wo finden wir eine Quelle? Bei diesem Stein dort, so unmöglich das erscheint? Und zu essen brauchen wir, brauchen Energie. Jeder Tag verlangt nach neuen Kräften. Und wir brauchen Orientierung: Wohin soll die Reise gehen? Wem folgen wir? Und es ist nicht selbstverständlich, wie wir auf diesem Weg gehen, wie wir uns verhalten auf unserem Lebensweg. Zwei Handvoll Gebote – das hilft zum Leben.

Gottes Leute haben das erfahren auf ihrem Weg durch die Wüste, auf dem Weg des Glaubens: Vor Unfreiheit und Unterdrückung sind sie geflohen. Unfreie wurden Freiheitsversucher, Sklaven wurden Migranten. Mit zerrissenen Kleidern sehen wir sie da in der unwirtlichen Landschaft, eine Landschaft, in der Menschen an den Rand ihres Lebens geraten und zu seinem Grund vorstoßen. Wir kennen diese Landschaft so nicht um uns herum, aber in uns. Gottes Leute haben alles hinter sich gelassen – mit dem Schlimmen auch die Sicherheit – und wussten nicht, was vor ihnen liegt. Schaffen wir das, kommen wir an? Zuversichtlich wollen sie gehen, durch die Wüste und die Jahre, einmal ankommen, eine Heimat finden. Ach, wie Gott sie herausgeführt hat aus dem Land und der Zeit der Sklaverei – ein Wunder, als würde man über den Grund des Meeres gehen. Und was sie erfahren haben, darauf vertrauen sie auch: Gott geht uns voraus.

Was aber, wenn mit der Landschaft, durch die man geht, auch die innere Landschaft des Glaubens dürr wird und steinig? Nicht einmal Mose gelingt es, in diesem Vertrauen stark zu bleiben. Wenn ich meine Gottesgeschichte mit der des Mose vergleiche, denke ich: Da jammert aber jemand auf hohem Niveau! Was hat Mose nicht alles erlebt mit Gott: von der Bewahrung im Schilfkörbchen, über den geheimnisvoll brennenden Dornbusch, die Befreiung aus Ägypten, die Rettung am Roten Meer, die Wunder in der Wüste, das Geschenk der Zehn Gebote. Einmal ehrlich: ein, zwei Sachen von dieser Größenordnung und ich hätte es wohl leichter mit dem Glauben. Mose tut sich schwer damit, dass er Gott in der Wüste nicht sehen kann. Auch der Frömmste kommt mit Mose an den steinigen Ort, an dem Gottes frühere Taten und die uralten Worte nicht mehr genügen. Was stärkt uns in dieser Wüste, in der wir Gott sehen wollen?

Mose fragt nach Gottes „Herrlichkeit“, nach dem, was Glanz hat und Gewicht. Mose fragt, ob Gott wichtig ist. Und das ist doch auch unsere Frage. Mose bittet darum, dass Gott sich machtvoll und imposant in Szene setzt – wie zuletzt am Roten Meer. Das Meer teilte sich, gab einen Weg frei. Da hatte der Glaube keinen Durst und keinen Hunger. Aber wenn du Tag um Tag, Woche für Woche, Jahr nach Jahr unterwegs bist, wirst du durstig nach Gottes Macht und Pracht, würdest du gerne einmal etwas von ihm sehen. Könnte Gott sich doch einmal blicken lassen! „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“, bittet Mose. Und Gott? Der antwortet nicht mit „Herrlichkeit“, sondern mit „Güte“. Und statt etwas zu „sehen“, ist etwas zu hören; Gott nennt seinen Namen durch die vorgehaltene Hand, da ruft Gott, dass er gnädig ist und sich erbarmt. „Gnade“ und „Erbarmen“ sind zwei Namen Gottes.

Mit Gott gehen bedeutet nicht, von einer Gottesbegegnung zur anderen zu stolpern. Unser Leben ist keine Kette spektakulärer Glaubensevents. Mose lernt für seinen langen Weg: Gott ist da, auch wenn ich seine Herrlichkeit nicht vor Augen habe. Kinder lernen dieses Urvertrauen ja auch: dass die Mutter, der Vater nicht weg sind, wenn sie hinter einer Tür verschwinden. Und wenn Kinder das gelernt haben, dann schreien sie nicht mehr, wenn die Eltern nicht zu sehen sind, sie spielen munter oder schlafen ruhig ein. Diesen Entwicklungsschritt geht Mose hier, er wird munterer und ruhiger, weil Gottes Güte ihn streift.

Gott will und kann nicht von uns in den Blick genommen werden, festgelegt und bestimmt. Gott alleine sagt, wer er ist und wie. Damit entzieht er sich auch dem religiösen Streit der Meinungen über ihn. Was Gott sagt, darauf können wir uns verlassen. Mose hat darum genau zugehört, als Gott seinen Namen ausruft. Sein Name gibt sein Handeln an seinen Menschen wieder. Im Hebräischen stehen da nämlich Verben: gnädig sein und sich erbarmen. Nichts sonst tut er. Und alles ist damit gesagt. 

2.      Siehe, ein Raum bei Gott und ein Wort

Und der HERR sprach: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.

Die Herrlichkeit Gottes beginnt schon damit, dass er Mose in die Felskluft stellt, um ihn zu schützen. Gottes „Herrlichkeit“ ist seine Achtsamkeit, seine Zärtlichkeit, seine Fürsorge für seinen Menschen. Wie Gott ihn in seine Hand nimmt, vorsichtig in die Höhle stellt, dann seine Hand vor ihn hält wie einen Schutzschirm, daran kann Mose die Güte Gottes spüren – wie eine Hand leicht auf meiner Schulter liegt, wenn ein vertrauter Mensch mich tröstet. 

Eine Felskluft mit ihren scharfen Kanten, schiefen Wänden, dem unebenen Boden ist nicht eben komfortabel, bietet aber Schutz vor Unwetter. Hier findet Mose bei Gott einen Raum: er steht auf festem Boden, wird geschützt durch Höhlenwand und Gottes Hand. Durch sie hindurch spürt er, wie Gottes Güte vorüberzieht, wie wir in der U-Bahn spüren, wenn jemand uns fast streift.

Eine Felskluft mit ihrer Dunkelheit ist nicht eben komfortabel, ins Helle hinaus kann Mose gar nicht sehen. Und diese Felskluft ist doch ein Ort des Glaubens! Mose findet sich im Dunklen, Kantigen und Schiefen wieder, als ihm Gottes Name aufgeht. Er steht nicht vor einer überwältigenden Naturkulisse und erst recht nicht in einem prächtig geschmückten Tempel. In einer Felskluft hört er, was er von Gott wissen muss und glauben kann: „Gnade“ ist dessen Name und „Erbarmen“.

3.      Gott geht voraus 

Felsklüfte gibt es in ihrer Landschaft auch. Die Menschen aus den Cevennen, aus dem Midi waren stille Leute, die ganz aus der Bibel heraus glaubten, wie ihre feineren Schwestern und Brüder aus der Umgebung von Bordeaux. Als man sie mit ihrem Glauben und ihrer Lebensweise nicht mehr duldete, wandelte sich ihnen Gottes bergende Hand in einen Wink. Sie flohen vor Unfreiheit und Unterdrückung. Sie wurden Freiheitsversucher, Migranten. Sie haben dabei nach Gott gefragt wie Mose und seine Leute: Ist Gott bei uns, ist er wichtig? Sie hatten auch Gottes Worte gehört, kannten seine Namen „Gnade“ und „Erbarmen“. Sie hatten das nicht wie Mose in einer Felskluft gehört, sie hatten es in ihrer Bibel gelesen und sie fanden, das sei gleich viel. Sie erlebten sich wie das alte Israel auch in der Wüste und nannten sich die Église du Désert. Gottes Leute unterwegs, sie vertrauten auf diesen Gottesgrundsatz: „Je fais grâce à qui je veux faire grâce, et j’ai compassion de qui je veux avoir compassion.“ – „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Gott geht uns voran, auch wenn wir ihn nicht sehen können in der mondlosen Nacht unserer Angst. Wir kennen doch seine Namen: „Gnade“ und „Erbarmen“ – „grâce“ et „compassion“. Gott geht uns voraus, selbst dahin, wo man eine andere und rau klingende Sprache spricht, wo der April noch im Winter liegt – so erzählte man sich unter den Hugenotten – und wo auch die Menschen Rüben essen. Wenn Gott uns vorausgeht, wenn wir dem Gott namens „Gnade“ und „Erbarmen“ nachsehen und nachgehen, dann können wir uns auf den Weg machen, sagten sie sich.

„Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.“ Bei Gott haben wir das Nachsehen! Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Indem Mose Gott hinterhersieht, kann er sich sicher sein: Wir sind nicht auf dem Holzweg, schlagen keine falsche Richtung ein. Wir haben Gott vor uns, auf unserem langen Weg durch das Leben und gewiss auch über diese Strecke hinaus. Leben bedeutet, sich nach Gott zu strecken. Was vor uns liegt, was auf uns in der Zukunft wartet, es steht in dem Glanz, den der Vorausgehende in der Welt, auf unserem Weg hinterlässt.

Gott geht an uns vorüber, wir schauen hinterher: Wir haben Gott nicht, verfügen nicht über ihn. Gott ist uns voraus, er geht mit, ist aber uneinholbar. Wir haben Gott niemals hinter uns. Es gibt viele, hier bei uns in Berlin besonders viele Zeitgenossen, die glauben das: wir hätten Gott hinter uns. Gott bleibe gleichsam als tragische Figur auf den gedanklichen und gesellschaftlichen Wegen des Menschen zurück und schaue staunend auf den immer fortschreitenden Menschen, staunend und mit stetig sich vergrößerndem Abstand. Das ist unter allem Unfug, den sich Menschen zurechtlegen, ein besonders trauriger Unfug, weil es ein Missverständnis Gottes ist. Als ob wir Menschen Gott so nahe kommen könnten, ihn festhalten, ihn in den Blick nehmen, ihn damit zu fassen kriegen und dann nach hinten stellen könnten.

Gott unterwegs verloren zu haben – dieser Gedanke, diese Furcht ist uns selbst nicht fremd. Verharrt Gott an den Orten und Zeiten großer Ereignisse? Kommt er mit unserem hohen Tempo eigentlich noch mit? Ist er nicht eine Gestalt der Vergangenheit? Oder sind es unsere kleinen Schritte und unsere Irrwege, die ihn wie uns selbst ja auch verwirren? Hängen wir ihn auf die eine oder andere Weise ab? Gott geht uns voraus – das heißt über Gott: er sieht unseren Weg vor uns. Er sieht auch die Steine und Abgründe, er sieht die Menschen, denen wir noch begegnen werden, die uns begleiten werden, mit denen wir kämpfen werden. Gott weiß, was auf uns zukommt. Gott geht uns voraus – das bedeutet für uns: Unsere Zukunft ist genau die Strecke zwischen jetzt und Gott.

4.      Moses Gott vor uns

Es ist eine biblische Eigenart, dass erzählt wird, was gesagt wird – vor allem von Gott. Nicht erzählt wird, dass das dann auch so stattgefunden hat. Was Gott spricht, das ist schon die Wirklichkeit. Das ist ja bei der Schöpfung auch so: Gott spricht etwas aus und es ist da. Was hier vom Menschen erzählt wird, ist Moses Bitte. Und in der geht es um uns: Moses Bitte ist unser Wunsch nach Glaubensgewissheit. Und mit Mose erfahren wir: Im Glauben gewiss sein können wir, wenn wir gespürt haben, wie Gott vorübergeht. Im Glauben gewiss sein können wir, wenn wir das Nachsehen haben. Mit dieser Erfahrung und Gottes Wort über sich selbst, jenem darüber, dass er gnädig ist und sich erbarmt, mit diesem Glauben und der darin gewonnenen Gewissheit gehen wir weiter, wie Mose weitergeht und Gottes Leute in der Wüste und die Église du Désert.

Wenn Gott vorübergegangen ist, sehen wir, was wir Menschen überhaupt von Gott sehen können, und wir wissen: Gott hat uns hier berührt. Wenn wir ihm nachsehen, sehen wir: Gott geht mit uns. Mehr als den vorübergegangenen Gott können wir nicht sehen. Mehr müssen wir nicht sehen – das ist genug, es ist unendlich viel für unser Leben.

Amen.