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Predigt über 2. Mose 2,4-9.15 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 20.09.2020

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Die Stadt hat sich breit gemacht in dieser Kirche.

Vor 100 Jahren, am 1. Oktober 1920 wurde aus 94 Land- und Stadtgemeinden Groß-Berlin geschaffen. Diese hundert Jahre sind der Ausgangpunkt einer Installation von Berliner Modellen mit dem Titel: „Modell Berlin, ein Paradies von einer Stadt“, die jetzt für 2 Wochen in der St. Matthäus-Kirche zu sehen ist.

Wir sehen Elemente dieser Stadt aus den vergangenen 100 Jahren und Ausblicke auf die Zukunft: Ernstes, Lustiges, Spielerisches, Utopisches, Ironisches, Phantastisches.

„Modell Berlin, ein Paradies von einer Stadt“.

Über das Paradies soll heute auch gepredigt werden. Phantastischer, ironischer, lustiger oder höchst bedeutsamer Zufall?

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. […]

Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Es gibt keinen Weg zurück, liebe Gemeinde. Das, was am Anfang der Bibel gemalt wird, war nie, und es wird deshalb auch nie wiederkommen. Nicht, dass es nicht Flüsse und Ströme gäbe auf Erden und grüne Auen um sie herum; nicht, dass es Gott nicht regnen ließe; nicht, dass es auf dieser Erde nicht herrliche Gärten gab und immer noch gibt, Gottes Gärten, Gärten, die der Mensch mit alle seiner Gartenkunst nicht einmal annähernd imitieren kann; nicht, dass es nicht Bäume gäbe, deren Früchte verlockend anzusehen und gut zu essen wären; nicht, dass wir Menschen nicht sehr wohl eine ziemlich genaue Ahnung davon haben, was gut und war böse ist. All dies ist wahr und wirklich. All dies ist unsere Welt, der blau-grüne Planet Erde, unser Zuhause.

Nur eines stimmt nicht, stimmt in fataler Weise nicht: Dass Gott den Menschen in seinen Garten setzte, damit der ihn bebaute und bewahrte.

Das mit dem Bebauen haben wir hingekriegt, das mit dem Bewahren nicht. Wo wir unseren Fu0ß hineingesetzt haben, um ihn zu bebauen, haben wir ihn kaputt gemacht. Haben Regenwälder abgeholzt, um Palmenplantagen zu pflanzen. So viele Palmen, das sieht paradiesisch aus, sagt der Europäer, der mit dem Öl seinen Reibach macht. Doch außer den Palmen verließ alles Leben die Plantage. Unsere Agrarindustrie hat mit Natur nichts zu tun. Man darf sich nicht täuschen: Nicht alles, was grün ist, ist Natur.

Nein, den Garten bebauen und ihn bewahren – das hat nicht funktioniert. Deshalb müssen wir nüchtern feststellen: Die wirkliche Geschichte der Menschheit beginnt in der Bibel erst irgendwo im 3. Kapitel der Genesis.

Sie hat ihren Anfang nicht in der Geschichte vom Paradies. Die Geschichte unserer Wirklichkeit beginnt in dem Moment, als wir uns außerhalb dieses Gartens wiederfanden, als wir gehen mussten, immer weiter wandern auf der Suche nach dem Ort, wo es sich einigermaßen gut leben ließe, wo Adam sein Brot zwar im Schweiße seines Angesichtes essen musste, wo er aber wenigstens Brot essen konnte. Der Mensch, der lebt, um zu überleben, der Mensch in steter Sorge auf der Suche nach dem Garten, den er mit Schweiß auf der Stirn und Schwielen an den Händen kultivieren konnte, damit er ein karges Mahl für die Kinder hergab.

Und in dieser Geschichte, lieber Gemeinde, haben wir es weit gebracht, sehr weit. Wir stehen an der Schwelle einer Zeit, in der die Mehrheit der Menschen keinen Schweiß mehr auf der Stirn hat und in der die Geburt eines Menschen nicht mehr ein lebensgefährliches Unterfangen für Mutter und Kind ist, in der wir es gelernt haben, uns vor wilden Tieren und vitalen Viren zu schützen, und eine Mehrheit der Menschen nicht nur Arbeit und Schlaf kennt, sondern auch einen Sabbat und Ruhetag, Freizeit und Urlaub. Fast stehen wir wieder an der Schwelle zum Paradies. Wenn wir nur das mit dem Bewahren noch hinbekämen!

Doch je mehr wir uns dieser Schwelle zu einem Paradies nähern, in dem wir nie wirklich gewesen sind, desto mehr wird die Ahnung zur Gewissheit:

Wir werden es nicht erreichen. Es fällt zusammen wie ein Kartenhaus, von Stürmen weggepustet, von Fluten weggerissen, von Hitze und Dürre verbrannt. Der Preis für den Bau des Paradieses, für die Errichtung des Sorgloslandes ist die Zerstörung dieses großen Weltgartens mit seinem Klima und seinem Eigenleben.

Es führt kein Weg zurück. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen. Das war vielleicht ein Fehler. Aber die Erkenntnis, die man hat, hat man. Es gibt keinen Weg zurück. Es gibt nur Fortschritt.

Das sieht die Bibel auch so und zwar ganz realistisch. Die Bibel ist kein Buch der Ökoromantiker. Sie kehrt am Ende nicht wieder ins Paradies zurück. Am Ende der Bibel sind die Menschen nicht wieder dort, wo sie am Anfang waren, nicht wieder im Garten, sondern in der Stadt. Am Ende der biblischen Menschheitsreise seht die Vision eines Jerusalem, das vom Himmel herab auf die Erde kommt. Wir sehen in ihr einen klaren Strom, wir sehen Bäume, die immer Frucht tragen und Bäume des Lebens heißen. Es ist eine menschliche Stadt, in der es keine Tempel und keine Kirchen gibt, weil Gott dort im Zelt wohnt, auf Tuchfühlung mit den Menschen.

Berlin war in den letzten 100 Jahren sicher kein Paradies. Und davor auch nicht. Es war laut und schrill und lebendig, Schauplatz von Straßenkämpfen und militärischen Aufmärschen, Ort ungeheurer Zerstörungen und enormer Neubauwut, hat viel Großes und viel Schräges gesehen und viel Stümperhaftes. Eine Stadt, die nicht mal einen Flughafen zum Fliegen bringt, kann ja kein Paradies sein. Oder doch? Denn ein Paradies braucht keinen Flughafen, weil keiner schnell weg will. Und obwohl sie es noch nie hingekriegt haben, halbwegs anständige Radwege zu bauen: Auch Berlin wird einmal eine autofreie und eine Klimaneutrale Stadt werden. Die Menschheit wird in den Städten leben und die Städte werden menschlich werden. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, wir erkennen Gutes und Böses, Menschliches und Unmenschliches. Wir können verantwortlich handeln und wir werden es tun. Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann, dass in der Politik und bei den Verantwortlichen doch am Ende nicht immer nur die wirtschaftlichen Erwägungen das letzte Wort haben. Das macht mir Hoffnung.

Zurück führt der Weg nicht. Berlin wird kein Paradies werden. Auch nicht als klimaneutrale und autofreie Stadt. Und bis dahin ist es noch ein Stück Weg.

Aber jetzt schon gibt es in Berlin so viele kleine Gärten wie in keiner anderen Stadt, Lauben, Datschen, Schrebergärten. Früher Rückzugsgebiete für Kleinbürger und Gartenzwerge, heute immer mehr begehrte Ökogärten für hippe Prenzel- und Kreuzberger.

Die ganzen Gartenkolonien und die Gartenstädte am Stadtrand und im Speckgürtel weisen eine viel höhere Biodiversität aus, als das entvölkertste Flachland im tiefsten Brandenburg. So gut wie in der Stadt haben es die Vögel, die Insekten, die Bienen und die Kleinsäugetiere auf dem Land nicht. Die grüne Stadt wird kommen, die autofreie Stadt wird kommen, die klimaneutrale Stadt wird kommen, die menschenfreundliche Stadt wird kommen.

Es führt zwar kein Weg zurück. Aber der Weg nach vorne ist hoffnungsvoll. Obwohl wir vom Baum der Erkenntnis, von der verbotenen Frucht gegessen und uns mit Fürwitz und Neugier das Paradies verscherzt haben – aber so sind wir eben – steht in der Stadt, die unser Ziel ist, der Baum des Lebens. Von einem Gott, der nicht beleidigt war, sondern das Beste daraus machte, wurde der Baum des Lebens vom Garten in die Stadt verpflanzt. Machen auch wir das Beste daraus, für uns und unsere Städte und für alle Umwelt. Wir wissen, wie es geht und wir können es. Für diesen Weg öffnet Gott uns Tor und Tür.

Amen.