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Predigt über 1.Mose 18,1-2.9-15 (Pfr. Dr. K.F.Ulrichs) vom 20.12.2020

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1.      Das alte Paar

Ein herziges altes Paar sitzt stundenlang zusammen, tagelang, Woche für Woche, Monate und Jahre, und wartet und weiß nicht mehr worauf. Und nein – es geht nicht um Elisabeth II. und Philip, Duke of Edinburgh, obwohl der exakt so alt ist wie jener Mann, von dem ich erzählen will. Morgens zusammen zu sitzen ist schön, viel zu tun ist ja nicht im Alltag von Alten, und dann die schönen langen Abende – Abendmenschen sind die beiden, weil ihr Leben nun auch am Abend angekommen ist. Nur wenn es heiß wird und die Bäume kaum Schatten spenden, sitzt er allein vor dem Zelt, sie legt sich dann für die Mittagsstunde hin.

Viel haben sie miteinander gewagt, sind aufgebrochen ins Unbekannte, haben sich durchgeschummelt, sind bewahrt geblieben und zu Reichtum gekommen. Eine große Zukunft haben sie sich versprochen, war ihnen versprochen. Der Reichtum hatte sich als erstes bewahrheitet. Mit der Familie – nun, die Geschichte holperte und war nicht das Wahre geworden. Und die Sache mit dem Landbesitz – wie sollte das werden bei Leuten wie ihnen, die umherzogen? Und dann war da noch das große Wort vom Aufbruch: Segen sollten sie empfangen und selbst anderen zum Segen werden. Turbulent war es zugegangen mit anderen Menschen, und Gott hatten sie auch erfahren. Ein langes Leben, die langen Wegen haben sie geteilt und auch ihren Glauben einander anvertraut.

Nur die eine Begegnung vor kurzem behielt Abraham für sich: Er hatte lachen müssen über die Ankündigung, er würde noch einen Sohn bekommen. Er war geradezu umgefallen vor Lachen, lag auf Knien, berührte mit der Stirn den Boden, sein Lachen verborgen durch das spärliche Gras, die langen Haare, den Bart, das Palästinensertuch. Es war ohnehin alles merkwürdig genug – dass als ein Zeichen für Gottes Bund alle Männer seines Clans … nun ja: beschnitten wurden, auch er selbst mit neunundneunzig Jahren.

Wochen später dann, als der Schmerz nachgelassen hatte, die Wunde leidlich verheilt war, und er wieder alleine dasaß in der Mittagsstunde, passierte dies:

1 Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde […] 9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht. 

2.      Hoffnung kann zu kurz springen

Eine Geschichte von guter Hoffnung. Eine gute Geschichte von Hoffnung. Was es mit unserer Hoffnung auf sich hat, das interessiert mich in der Adventszeit und in dieser Adventszeit besonders.

Was ich mir erhoffe? Dass das kommende Jahr besser wird, einfach normaler, dass wir die Pandemie hinter uns haben und alles wird wie zuvor – diese Leichtigkeit, die charmante Leichtfertigkeit, die wir uns leisten konnten, die Begegnungen, das gemeinsame Essen, die Umarmungen. So soll es wieder sein, hoffe ich. Normalität – das ist mein großer Wunsch. Und doch: Gerade mit diesem Wunsch bleibe ich mächtig unter dem, was wünschenswert wäre. Denn wie es vor Corona war – das war nun weiß Gott kein wunschloser Zustand. Meine Hoffnung ist zu klein, will nur die Reparatur des Schadens, die Füllung der Lücken, die Erfüllung meiner Wünsche. Hoffnung kann zu kurz springen, meine Hoffnung in der Pandemie ist kleinmütig.

3.      Hoffnung kann sich überschlagen

Hoffnung kann aber auch zu große Sprünge machen und sich geradezu überschlagen. Die Erfüllung jedes Wunsches ist dann wie Treibstoff für einen neuen Wunsch, was sich bis zum Absurden steigern kann. Wir kennen das aus dem Märchen vom „Fischer un siene Fru“. Vom Butt, der dankbar dafür ist, vom Fischer wieder ins Meer zurückgeworfen worden zu sein, wünscht sich die Fischersfrau immer mehr Wohlstand, Reichtum, Pracht. Nie ist sie zufrieden – bis sie König, Kaiser, Papst ist und schließlich Gott sein will. Und schon sitzt sie wieder vor der ärmlichen Fischershütte. Ihre Hoffnungen haben sie maßlos gemacht, die Erfüllung ihrer Wünsche hat sie hungrig gelassen, nicht genährt und dankbar gemacht.

4.      Gott verhilft der Hoffnung auf die Sprünge

„Sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.“ Die Hoffnung, selbst ein Kind zu bekommen, war von Monat zu Monat geschrumpft – vor vielen Jahren schon. Bis sie die Hoffnung auf Kinder vollends aufgegeben hatte, auch wenn die sich immer wieder einmal als Schmerz in ihrem Inneren bemerkbar machte. Sie hatte bitter gelernt, dass die Hoffnung nicht zuletzt stirbt, sondern auf der Strecke bleiben kann.

„Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“ Saras Hoffnungslosigkeit wird unterbrochen. Gott hilft der Hoffnung auf die Sprünge und das Leben wird um und um gekrempelt. Ich denke zunächst: Sara lernt hoffen, wo nichts mehr zu hoffen ist. Gott nährt nicht einfach unsere Hoffnung, er lehrt uns Hoffnung; und die kann nicht verrückt genug sein. Und weil Hoffnung so ernst ist, wirkt diese unterbrochene Hoffnungslosigkeit lächerlich. „Darum lachte Sara bei sich selbst.“ Gott hat ihr ihre auf der Strecke gebliebene Hoffnung zurückgegeben.

5.      Hoffnung und Gottes Verheißung

Was haben Abraham und Sara, einander vertraut seit Jahrzehnten, gesprochen, als der Besuch dann wieder weg war? Abraham beginnt mit einem Vorwurf: „Musste das sein, Sara?“

„Was denn?! Hast du schon einmal so einen Stuss gehört?“

„Ja“, sagt Abraham kleinlaut, „vor einigen Wochen, bei der Angelegenheit mit der Beschneidung … ich habe es dir nicht gesagt, weil es einfach zu lächerlich ist: Wir beiden und ein Kind! Und gelacht habe ich tatsächlich auch – wie du, Sara. Wie gleich wir sind! Wie gut wir uns verstehen! Darum ist es auch so schade, dass das mit dem gemeinsamen Kind nicht geklappt hat. Das wäre wirklich ein Kind unseres langen Lebens, der langen Wege und unseres gemeinsamen Glaubens.“

Und darum denke ich: Da ist noch mehr passiert mit der Hoffnung. Sie ist überholt worden (hier stimmt einmal die alte DDR-Parole [Walther Ulbricht bzw. Peter-Adolf Thießen], dass die ostdeutsche Wirtschaft die westdeutsche überholt, ohne sie einzuholen). Denn Saras Lachen zeigt ja, dass sie die Ankündigung des Kindes nicht ernst nimmt, sie gar nicht als Hoffnung in sich aufnimmt. Sie wird nicht mit der Hoffnung schwanger gehen. Sara und Abraham bleiben hoffnungslose Greise. Aber genau darin werden sie die Erfahrung mit Gott machen, dass dessen Verheißung sich gerade ohne ihre Hoffnung, ja gegen menschliche Hoffnung durchsetzt. Aber diese Erfahrung machen sie erst später.

Dazu malen wir uns aus, was Sara gedacht hat bei ersten Ziehen in der Brust. Und diese leichte Wölbung des Bauches! Als ihr dann der eine lauschige Abend mit Abraham und der kuriose Besuch der drei Männer zur Mittagsstunde wieder einfielen, bekam sie einen tüchtigen Schrecken. Und wie Frauen das so machen, sie hat es Abraham erst vier, fünf Tage später gesagt. Und der? Sagte er: „Bist du sicher?“ Oder sagte er: „Bist du verrückt?“ Und dann lachten sie und lachten dieses Mal gemeinsam.

Und dann nach der Geburt Isaaks haben die beiden noch Wochen darauf gewartet, dass der Besuch wie doppelt angekündigt (18,10.14) wiederkommt. Doch der Besuch blieb aus, er konnte ausbleiben – die beiden hatten längst begriffen, was ich zu begreifen versuche: Da ist noch mehr passiert, mit dem herzigen alten Paar in ihrer Hoffnungslosigkeit und mit uns und unserer Hoffnung im Advent und in der Pandemie.

6.      Hoffnung im Advent 2020

15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber [d]er [Gast] sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Wer sich fürchtet, kann nicht lachen. Wer sich fürchtet, kann nicht dazu stehen, gelacht zu haben. Aber damit kommt Sara beim Gast nicht durch. Er behaftet Sara dabei, dass sie gelacht hat. Sie soll das nicht herunterspielen, um sich herauszureden. Sie hat gelacht, weil sie hat lachen müssen. Hätte sie nicht gelacht, hätte sie Gottes Versprechen nicht gehört. Die Verheißung Gottes ist nämlich so, dass wir lachen müssen, weil sie darüber hinausgeht, was wir für möglich halten und uns vernünftigerweise wünschen können. „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ fragt der Gast in Mamre (1.Mose 18,14) und in Nazareth wird ein anderer Engel feststellen: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ (Lk 1,37) Gott ist die Verneinung aller Unmöglichkeit. Was Gott macht, wird nicht meine kleinen Bedürfnisse und meine verzagte Hoffnung erfüllen, sondern triumphieren. Gott weiß, dass ich seiner Verheißung mit meinem Leben und meinem Denken und Glauben gar nicht entsprechen kann. Darum lache ich mit Sara.

In wenigen Tagen, wenn ich wieder die Geschichte höre von jener jungen Frau aus Nazareth und ihrem Kind, werde ich daran denken: Nicht meine Hoffnung, sondern Gottes Verheißung erfüllt sich: Gottes Sohn, der Jungfrauen Kind, „dass sich wunder alle Welt“ (EG 4,1). Und leise werden meine Bedürfnisse in pandemischen Zeiten, meine Wünsche für das kommende Jahr und ich werde lachen.

Amen.