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Predigt über 1. Tim 1,12-17 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 07.07.2019

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Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.

Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. (Ps 103,8) Die Barmherzigkeit Gottes ist das Thema dieses dritten Sonntags nach Trinitatis. Gott ist gnädig. Er vergibt mir alle meine Sünden. Er rechnet mir mein Böses nicht zu. Er sieht mir alles Falsche nach. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden. Er handelt mit uns nach seiner Liebe. Und die macht ihn nachsichtig, barmherzig, gnädig, geduldig. So ist er, so war er immer schon, so wird er bleiben.

Sie haben das vermutlich schon mal gehört. Eine neue Botschaft ist es nicht, keine überraschende, keine unerwartete. Man hört es eigentlich immer, wenn in der Kirche über Gott gesprochen wird. Vielleicht wird in der Kirche zu wenig über Gott gesprochen, das kann sein. Aber wenn über Gott gesprochen wird, dann so!

Eine neue Nachricht, eine überraschende, eine unerhörte wäre, wenn ich sagte: Gott ist zornig, Gott ist es leid, Gott hat seien Geduld verloren, jetzt ist Schluss mit Gnade, jetzt zahlt er uns unsere Sünden heim. Das wäre keine gute Nachricht, kein Evangelium mehr, aber immerhin eine neue Nachricht‚ wahrscheinlich eine, die am Ende mehr Aufmerksamkeit weckt, wenn sie sich überall rumspricht, als die altbekannte vom gnädigen Gott. Denn – publizistische Weisheit - schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute. Aber diese schlechte Nachricht über Gott dürfen wir nicht verkaufen, denn diese Bad-News wären Fak-News.

Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. So lautet die gute Nachricht von Gott. Und das ist gut so. Denn wir leben von der Güte Gottes, wir leben von seiner Barmherzigkeit. Seine Gnade ist das täglich Brot. Man braucht sie zum Leben.

Wer aber keinen Hunger mehr verspürt, verliert den Respekt vorm täglich Brot. Haben wir den Respekt vor der Güte Gottes verloren, weil wir so satt sind von seiner Gnade? Ist sie uns klein und billig geworden, weil sie uns so selbstverständlich ist, quasi im Überangebot? Müssten wir also nicht wieder mehr über die Sünde reden, um die Gnade Gottes wieder kostbarer zu machen?

Martin Luther hat gesagt, eine Predigt müsse Gesetz und Evangelium enthalten, und zwar zuerst Gesetz und dann Evangelium, müsse also erst darlegen, was Gott von uns fordert und aufzeigen, dass wir das, was Gott von uns fordert, nicht erfüllen, um dann von Gottes Barmherzigkeit zu reden, von seiner Vergebung, dass er uns trotz unseres Versagens annimmt. Zuerst also die Sünde aufzeigen, damit uns die Barmherzigkeit Gottes lieb und teuer wird.

Da hat Luther nicht unrecht – an sich. Aber eine Lösung ist es dennoch nicht, denn es mutet ein bisschen an wie ein Theatereffekt, wie ein dramaturgischer Trick. Weil wir keinen echten Hunger mehr haben, haben wir den Respekt vor den Nahrungsmitteln verloren. Das ist bedauerlich. Doch es ist nicht wirklich eine Lösung, die Nahrungsmittel knapp zu machen und uns hungern zu lassen, nur damit wir wieder mehr Respekt vor dem täglich Brot bekommen.

Müssen wir also wieder mehr von der Sünde reden, damit uns die Barmherzigkeit Gottes wieder lieb und teuer wird? Das fällt mir schwer. Ich mag mich nicht aufs hohe Ross der Moralität aufschwingen und anderen ihre Fehler vorhalten. Ich mag nicht von Sünden reden. Vielleicht ist das ein Fehler.

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Ich mag stattdessen lieber über Fontane sprechen. Wir feiern dieses Jahr seinen 200. Geburtstag. Es gibt landauf, landab viele Veranstaltungen, am Mittwoch auch hier bei uns, und ich lese ihn eifrig, vieles, was ich bisher versäumt habe und tue das mit großem Vergnügen.

Fast scheint es mir, als gäbe es nur zwei Arten, Geschichten zu schreiben. Die eine Art bei Fontane und vielen seiner Kollegen, die nennt man Realismus. Die andere Art im Märchen oder in Hollywoodfilmen, die nennt man Traumfabrik.

Die Dramaturgie des Märchens und von Hollywood-Filmen folgt einem ehernen Gesetz: Es gibt die Guten und es gibt die Bösen, die Rollen müssen klar verteilt und eindeutig erkennbar sein. Und am Ende siegt das Gute über das Böse.

Fontanes Romane dagegen gehen meistens nicht gut aus, irgendwas läuft schief. Doch die Personen sind alle auf ihre Weise liebenswürdig, es gibt da keine ausgemacht bösen Figuren. Sie habe ihr Macken, aber im Grunde sind es herzensgute Menschen. Und trotzdem geht so vieles schief und als Leser weiß man am Ende gar nicht, wie es kam.

 

Das Leben ist wie der Realismus und nicht wie das Märchen. In unserer Welt gibt es keine klare Verteilung von Gut und Böse und es geht am Ende auch nicht immer gut aus. Die Welt, in der wir leben, mit den Menschen, die so sind, wie sie sind, das alles ist mehr wie ein Roman von Theodor Fontane: Wir reden viel miteinander, wir geben uns Mühe, machen viele Worte, wollen eigentlich niemandem Böses und reden doch oft aneinander vorbei und merken es nicht einmal und dann geht so vieles schief und man weiß nicht, wie es gekommen ist. Keiner ist der Böse, doch am Ende ist die Ehe kaputt und manch einer nimmt sich gar das Leben.

Viele der Geschichten, die Fontane erzählt, sind in der einen oder andern Weise Ehebruchsgeschichten. Auch im Johannesevangelium gibt es eine Ehebruchsgeschichte. Moralische Eiferer bringen eine Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch erwischt wurde, vor Jesus. Was zu tun sei? Soll sie gesteinigt werden? Dann sagt Jesus jenen berühmt gewordenen Satz, den ich mir auch als Motto über allen Romanen Fontanes denken könnte: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! (Joh 8,7)

Wie kann man nach einem solchen Satz noch über Sünde reden? Kann man eigentlich nicht! Aber das ist vielleicht ein Fehler.

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Reden wir nicht über Sünde, genug auch zu Fontane, reden wir jetzt über Paulus. Der aber redet von Sünde. Von seiner eigenen. Von der früheren, von seiner Zeit, bevor Christus ihm erschienen ist und ihn gerufen hat. … ich war früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler, schreibt er an Timotheus. Dann aber, schreibt er weiter, sei ihm Barmherzigkeit widerfahren. Und dass die Gnade desto reicher geworden sei und auch der Glaube und die Liebe. Reich geworden sei sie ihm, kostbar und wertvoll.

Im Leben des Apostels Paulus gibt es ein Vorher und ein Nachher, ein falsches Leben und dann ein richtiges Leben. Dass das Leben vorher ein falsches war, weiß er aber erst aus dem richtigen Leben heraus. Als er im falschen Leben war, war ihm nicht klar, dass er im falschen ist. Was er getan habe, habe er unwissend getan, schreibt er. Dass die Verfolgung der Christusanhänger Frevel und Lästerei war, wird ihm erst im Nachhinein klar. Die Gnade macht es klar. Die Barmherzigkeit Gottes gibt Klarheit.

Erst im Nachhinein und mit einigem Abstand, wenn sich wundersamerweise die Knoten gelöst und die Verhältnisse geklärt haben, wenn ein sanftes Gnadenlicht der Sonne die Nebel frühere Lebenswege vertrieben hat, dann erst – im Rückblick – sind wir frei zu sagen: „Und das war ja doch ein Fehler und ein Irrtum!“

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Es gibt auch noch eine dritte Art, Geschichten zu erzählen, nicht nur den Realismus und das Märchen, es gibt auch die biblische Art des Erzählens, also die Art von Geschichten, die zwar nicht Gott geschrieben hat, aber in die er sich kräftig eingeschrieben hat. Die biblischen Geschichten haben von beidem etwas, vom Märchen und vom Realismus. Obwohl in ihnen manches wundersame und märchenhafte Züge hat, sind die Personen doch darin sehr realistisch, dass sie keine klaren Helden oder Antihelden sind wie im Märchen, sondern echte Menschen mit all dem Diffusen und Unklaren, mit dem gut Gemeinten und am Ende doch nicht gut Gemachten, was uns Menschen so zu eigen ist. Und trotzdem geht die Sache ganz wie im Märchen am Ende gut aus. Aber nicht, weil das Gute über das Böse siegt, sondern weil Gott rettet. Die Sünderin wird aus dem Ehebruch gerettet und der Apostel aus dem Schiffbruch. Weil Gott rettet überleben wir die Brüche unseres Lebens. Als die Überlebenden unserer eigenen Lebenskatastrophen erkennen wir die Gnade, die heimlich darin waltete und dann – aber eben erst in Nachhinein – die Fehler, die wir gemacht haben und die Gott längst vergeben hat.

Von den Sünden wollte ich reden, um die Gnade Gottes umso kostbarer und teurer zu machen. Und versagte doch darin, konnte es nicht.

Aber gemeinsam können wir es, wenn jeder erzählt und bei sich anfängt. Gemeinsam können wir es, denn Gott hat uns dazu frei gemacht durch seine Barmherzigkeit, hat uns unbefangen gemacht, ehrlich zu werden, ehrlich zu sich selbst und ehrlich zu anderen. Denn barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Amen.