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Predigt über 1. Sam 24,1-20 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 14.07.2019

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Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann!Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! (Röm 12,17)

 Leicht gesagt und schwer getan, liebe Gemeinde.

Kennen Sie das? Wenn es mit einem bestimmten Menschen nicht mehr geht? Wenn ich überhaupt nicht mehr mit ihm kann? Wenn mir übel wird, wenn ich nur an ihn denke? Wie der mich behandelt! Er raubt mir meinen Schlaf. Ich verstehe überhaupt nicht, wie andre sich von ihm täuschen lassen können. Manche hängen ihm an den Lippen, folgen ihm in allem. Furchtbar. Wie kann man nur so blöd sein und auf so einen Typen reinfallen?

Kennen Sie das? So ein Sich-Reinsteigern in ein Feindbild. Manchmal merkt man es selbst ja noch, was da mit einem abgeht und ahnt: Das wird böse enden. Aber verhindern lässt es sich nicht mehr, abstellen und überwinden, schon gar nicht mit Gutem.

Kennen Sie das? Ja, das kennen Sie, bestimmt kennen sie das. Es ist menschlich. Es ist vielleicht nicht untadelig, aber es ist menschlich. Und biblisch ist es auch.

Dazu gibt es eine schöne Erzählung. Aber was heißt hier: schön? Kann eine Geschichte schön sein, die von menschlichen Katastrophen erzählt? Sie handelt von König Saul und David, von Eifersucht und Konkurrenz, von Verfolgung und Verfolgungswahn, von Wut und Aggression, von Machtwille und Vernichtungswille und davon, dass es auch anders geht.

Aber bevor die beiden Konkurrenten aufeinandertreffen, ist schon viel passiert. Die Geschichte hat eine Vorgeschichte. Solche Geschichten haben immer eine Vorgeschichte. Und die müssen wir aufarbeiten.

Die Vorgeschichte fängt mit einem Volksbegehren an: Israel wollte einen König haben. Es wollte sein wie die anderen Völker, die auch einen König hatten. Dahinter steht die Entwicklung von einem losen Sippenverband hin zu der verbindlicheren, effektiveren und wehrhafteren Staatsform der Monarchie. Die Bibel aber wertet das nicht als historischen Fortschritt, sondern als Abfall von Gott, als Zeichen mangelnden Vertrauens seiner Führung gegenüber. Gott habe Israel, so erzählt sie, vor diesem Schritt gewarnt: eine Monarchie entwickele ein gewisses Eigenleben, der König werde vieles vom Volk fordern, nicht zuletzt seine Söhne für seine Kriege. Dennoch kam Gott dem Willen des Volkes nach und zeigte dem Propheten Samuel, wen er salben solle, nämlich Saul, denn der war jung und schön und groß.

Das Königtum Sauls stand unter keinem guten Stern. Von Anfang an nicht. Nur widerwillig hatte Gott dem Volk nachgegeben und überhaupt einen König zugelassen.

Zwar hatte Saul anfangs militärische Erfolge, doch bald schon traf er falsche Entscheidungen, sein Sohn Jonathan hielt sich nicht an die Weisungen des Vaters und vor allem verlor Samuel, der Prophet, die Kontrolle über Saul. Saul ließ sich nicht mehr von Samuel und damit von Gott beraten, sondern suchte andere Berater, ging zu Wahrsagern und Hexen.

Gott reagierte schnell. Ein neuer Stern zog am Horizont auf. Nicht sein Sohn Jonathan, sondern David, der Junge mit der Schleuder und der Harfe. Mit der Schleuder tötete er den großen Goliath, mit der Harfe tröstete er den schwermütigen König. Ein Multitalent.

Nur widerwillig folgte Samuel der Anweisung Gottes, einen neuen König zu salben. So wurde David in Bethlehem gesalbt, aber heimlich, nur in Anwesenheit seiner Brüder, das Volk wusste nichts davon und Saul war immer noch König. Auch er erfuhr nichts von der heimlichen Salbung Davids. Aber Der Geist des HERRN aber war von Saul gewichen, und ein böser Geist vom HERRN versetzte ihn in Schrecken. (1.Sam 16,14)

Als Sänger und Tröster kommt David an Sauls Hof. Doch bald schon keimt eine erbitterte Rivalität. Es gelingt Saul auch nicht, David durch Heiratspolitik einzufangen, indem er ihm seine Tochter Michal zur Frau gibt.

Der Neid, die Eifersucht setzt sich fest in Saul. Er will David entsorgen und berichtet seinem Sohn von seinen Mordplänen. Jonathan aber warnt seinem Freund David, so dass der entkommen kann, redet mit seinem Vater und vermittelt. Saul besinnt sich, David kehrt zurück, ist wieder militärisch erfolgreich, Saul wird wieder eifersüchtig und wirft in einem Anfall von Jähzorn den Speer nach David. Der weicht zur Seite, überlebt das Attentat und flieht abermals. Wenn in einer Beziehung der Wurm ist - Neid, Eifersucht, Hass – man kriegt das nicht mehr raus. Die Bibel führt selbst das auf Gott zurück und erklärt freimütig, der Geist des Herrn lag als böser Geist auf Saul.

Saul wird krank und böse, getrieben von einem Verfolgungswahn sieht er nur noch Feinde und Verschwörer um sich, verliert den Kontakt zur Realität, lässt Unschuldige töten, sein Königtum wandelt sich zur Tyrannei.

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann!

Wie kann das in einer solch angespannte Situation gelingen?

Jetzt die versprochene Erzählung aus dem 24. Kap. des ersten Samuelbuches:

Von dort aber zog David hinauf, und er hielt sich in den Zufluchtsorten von En-Gedi auf. Und als Saul von der Verfolgung der Philister zurückkehrte, berichtete man ihm: Sieh, David ist in der Wüste von En-Gedi.

Da nahm Saul dreitausend Mann, ausgewählt aus ganz Israel, und er ging, um David und seine Männer gegenüber von den Steinbock-Felsen zu suchen. Und er kam zu den Schafhürden am Weg, und dort war eine Höhle. Und Saul ging hinein, um seine Füße zu bedecken, David und seine Männer aber saßen im Innern der Höhle. Da sagten die Männer Davids zu ihm: Sieh, heute ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Sieh, ich gebe deinen Feind in deine Hand, und du kannst mit ihm tun, was gut ist in deinen Augen. Und David stand auf und schnitt heimlich den Saum des Mantels ab, der Saul gehörte.

Danach aber schlug David das Herz heftig, weil er den Saum abgeschnitten hatte, der Saul gehörte. Und er sagte zu seinen Männern: Um des HERRN willen sei dies fern von mir, dass ich meinem Herrn, dem Gesalbten des HERRN, das antue und meine Hand gegen ihn führe, denn er ist der Gesalbte des HERRN. Und mit diesen Worten trieb David seine Männer auseinander, und er duldete nicht, dass sie sich gegen Saul erhoben. Saul aber hatte die Höhle verlassen und ging seines Wegs.

Und danach erhob sich David, trat aus der Höhle und rief Saul nach: Mein Herr und König. Da schaute Saul sich um, und David neigte das Angesicht zur Erde und warf sich nieder. Und David sagte zu Saul: Warum hörst du auf die Worte von Menschen, die sagen: Sieh, David sucht dein Verderben? Sieh, an diesem Tag haben deine Augen gesehen, dass der HERR dich heute in der Höhle in meine Hand gegeben hat. Und man sprach davon, dich umzubringen, ich aber habe dich verschont und gesagt: Ich werde meine Hand nicht gegen meinen Herrn führen, denn er ist der Gesalbte des HERRN. Und sieh, mein Vater, sieh doch den Saum deines Mantels in meiner Hand! Als ich den Saum deines Mantels abschnitt, habe ich dich nicht umgebracht! Erkenne und sieh, dass in meiner Hand nichts Böses ist und kein Vergehen und dass ich mich nicht an dir versündigt habe. Du aber stellst mir nach, um mir das Leben zu nehmen. Der HERR soll richten zwischen mir und dir, der HERR soll Rache nehmen für mich an dir, aber meine Hand soll nicht gegen dich sein. Wie der Spruch der Vorfahren sagt: Von Frevlern geht Frevel aus, meine Hand aber wird nicht gegen dich sein! Hinter wem ist der König Israels her? Hinter wem jagst du her? Hinter einem toten Hund! Hinter einem einzigen Floh! Der HERR aber soll Richter sein, und er soll richten zwischen mir und dir; so soll er es sich ansehen und meinen Rechtsstreit führen und mir Recht verschaffen von deiner Hand!

Und als David diese Worte zu Saul gesprochen hatte, sagte Saul: Ist das deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul begann laut zu weinen und sprach zu David: Du bist gerechter als ich, denn du hast Gutes für mich getan, ich aber habe dir Böses angetan. Du aber hast heute gezeigt, dass du mir Gutes getan hast, da der HERR mich dir ausgeliefert hat und du mich nicht umgebracht hast. Wenn aber einer seinen Feind trifft, lässt er ihn dann unversehrt seines Weges ziehen? Was du am heutigen Tag für mich getan hast, vergelte dir der HERR mit Gutem.

Liebe Gemeinde! Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!

David hat das so gemacht. Saul versuchte in seinem Wahn mehrmals, David zu töten. Es misslang immer. David wiederum hatte dieses Mal und später noch einmal die Gelegenheit, Saul zu töten. Ihm wäre es gelungen, wenn er es gewollt hätte, aber er wollte es nicht. Ohne Zweifel schützt Gott David vor den Anschlägen Sauls. Ohne Zweifel schützt Gott den David aber auch vor Rachegelüsten. Er hätte sich ohne Weiteres auf Notwehr rausreden können. Doch auch das tut er nicht. Er bleibt dem offiziellen König gegenüber loyal – trotz allem.

Man kann, liebe Gemeinde, an diese Erzählung und ihren Kontext sowohl historische wie auch ethische Fragen stellen. Historisch kann man fragen, ob denn David tatsächlich an der ganzen Entwicklung so unschuldig war, wie es die Bibel darstellt. Man kann die Geschichte auch gegen den biblischen Strich bürsten und vermuten, dass David seinen Aufstieg äußerst geschickt in die Wege geleitet hat, sich die Gunst am Hofe und bei Sauls Kindern erworben, hinten rum intrigiert hat und nach außen die Saubermannfasade des stets loyalen Untergebenen auflegte, der sich als Opfer eines verrückt gewordenen Chefs ausgibt.

Und man kann ethisch fragen, ob David nicht geradezu moralisch verpflichtet gewesen wäre, Saul zu töten, als er es konnte, um noch Schlimmeres Unheil zu verhindern, also die Frage des Tyrannenmordes an dieser Geschichte erörtern. Denn Sauls Tyrannei hatte an den Priestern von Nob, die David Unterschlupf gewährten, und den Einwohnern der Stadt ein Massaker anrichten lassen.

Man kann diese Fragen an die Erzählung stellen. Aber die Erzählung selbst stellt sie nicht. Sie stellt sich vielmehr eindeutig auf die Seite Davids. Er ist tapfer, gottesfürchtig und unbedingt loyal. Fast könne man denken, David sei Preuße gewesen.

Aber er ist weit mehr und weit besseres. Er rechnet mit seinem Verfolger nicht ab, er zieht keinen Schlussstrich, er gibt ihn nicht auf. Im Gegenteil: immer noch hofft er, mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen zu können. Das schafft er auch, jedenfalls für den Moment. Indem er sich anders verhält, als ein Feind sich verhalten würde, indem er die Logik der Gewalt unterbricht, indem er Saul überrascht durch Gnade, bringt er ihn zur Einsicht. Und Saul begann zu weinen und sprach zu David: Du bist gerechter als ich, denn du hast Gutes für mich getan, ich aber habe dir Böses angetan.

Liebe Gemeinde! Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!

Es wird immer Möglichkeiten geben, Menschen, die sich verrannt haben, durch Geduld und Nachsicht in ihrem Wahn aufzuwecken und sie dazu zu bringen, zuzuhören. Wir dürfen nie aufhören, solche Möglichkeiten zu suchen – im Großen der Weltpolitik wie in der kleinen Welt um uns herum. Das Gute zur Überwindung des Bösen hängt an jedem Rockzipfel.

Amen.