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Predigt über 1. Sam 16,14-23 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 19.05.2019

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Der Geist des Herrn aber wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn verstörte ihn.

Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott verstört dich. Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.

Da sprach Saul zu seinen Knechten: Seht nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir.

Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön, und der Herr ist mit ihm.

Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende deinen Sohn David zu mir, der bei den Schafen ist.

Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David.

So kam David zu Saul und diente ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein Waffenträger.

Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen.

Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.

 

Er atmet schwer. Er wälzt sich von einer Seite zu anderen, bleibt kaum eine Minute ruhig liegen. Er schnauft, stöhnt gar. Die Augenlider flackern, die Pupillen zittern, dahinter fliehen Reiter mit Spießen übers Land, über sein Land, Häuser brennen, Freunde fallen, was kann er tun gegen die Feinde. Saul liegt wieder schlaflos auf dem Lager, seine Schreie wecken den ganzen Palast. Man ruft den Jungen. Er zupft leise eine Saite, dann noch eine und eine dritte. Saul wird ruhig. Davids Atem streicheln seine Stimmbänder, Leise kommt der Ton aus der Kehle. Kein Pavarotti, kein Puccini, kein „Nessun dorma“. Eher ein „Guten Abend, gute Nacht“ oder „Der Mond ist aufgegangen“.

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Musik, liebe Gemeinde. Musik wirkt. Die Seele braucht Musik. Der Leib braucht Brot, die Seele braucht Musik. Sag ich heute. Weil heute Sonntag Kantate ist. Sonst sag ich: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht. Aber heute sag ich: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von einem jedem Klang, der in seine Ohren dringt oder einem jeden Gesang, der aus seine Kehle fließt.

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Musik. Musik wirkt. Früher war Musik ein seltener Luxus. Eine höfische Kunst. Man musste die Menschen, die Musik zu machen verstanden und ein Instrument hatten, von weit her kommen lassen. Für das Volk wurde nur zu Festen und an Feiertagen aufgespielt. Man sang vielleicht mehr, aber Musik vom Instrument gab es nur am Sonntag in der Kirche. Man ging in die Kirche, um die Predigt zu hören. Vielleicht auch ein bisschen, um die Orgel zu hören. Echte Musik.

Dann kam die Platte, dann kam die Kassette, dann kam die CD und jetzt hat man das Smartphone. Zwei Drittel der Menschheit kann alle Musik, die je auf dieser Welt eingespielt wurde, zu jeder Zeit hören. Und sie tut es. Musik ist zu unserem permanenten Lebensbegleiter geworden. Und das betrifft nicht nur die Pop-Musik. Bach, der ja sicher im Himmel ist, ist dort völlig aus dem Häuschen. Nie im Leben hätte er sich träumen lassen, dass es einmal Zeiten geben würde, in denen seine Musik jeden Tag millionenfach gehört wird. Ist das nicht wunderbar? Muss das nicht Auswirkungen haben auf den Gemütszustand der ganzen Menschheit?

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Beide, Luther und Calvin, hielten die Musik für eine Gabe Gottes. „Die Musik ist unter den Dingen, die geeignet sind, dem Menschen Erholung und Genuss zu verschaffen, wenn nicht die erste so doch eine der ersten und wir müssen annehmen, dass sie eine Gabe Gottes ist zu diesem Gebrauch von ihm bestimmt“, schrieb Calvin. Und ähnlich Luther: „Was findest du wirksamer als die Musik, die Traurigen zu trösten, die Fröhlichen zu erschrecken, die Verzweifelten zu ermutigen, die Überheblichen zu demütigen, die Leidenschaften zu beschwichtigen?“ Musik als Gabe Gottes zur seelischen Rekreation.

Wenn es aber um den Einsatz der Musik zum Lobe Gottes geht, gehen die Meinungen der beiden auseinander, Luther macht in Dur weiter, Calvin wechselt zu Moll.

Luther spricht von einer klingenden Predigt und von einer mit einer lieblichen Melodie vermischten Sprache, während Calvin anfängt, an dieser Stelle zu warnen und zu reglementieren. Was die Liedtexte für den Gottesdienst betrifft, will Calvin nur auf die Psalmen zurückgreifen, also nur biblische Text verwenden, während Luther lateinische Lieder verdeutscht und selbst neue Texte gedichtet hat.

Aber nicht nur die Texte nahm Calvin an die biblische Leine. Er gab auch strenge Vorschriften im Hinblick auf die Melodieführung, um keine allzu großen Effekte und Affekte zu erzeugen: keine pointierten Rhythmen, keine größeren Intervalle. Eine Psalmenvertonung wie die von Paul Gerhard mit der Melodie von Ebeling: „Du meine Seele singe“ mit diesem Aufschwung über mehr als eine Oktave wäre in Calvin Ohren völlig zügellos. Bei der Vertonung des gleichen Psalms aus dem Genfer Psalter ist eine Quart das höchste der Gefühle und während Ebelings Melodie einen raumgreifenden, himmelstürmenden Aufschwung von einer Dezime nimmt, am Höhepunkt sogar der Oktav eine ganze Quart draufsetzt, verharrt die Melodie aus dem Genfer Psalter zum gleichen Psalm engstirnig und ängstlich im Umfang einer Sext.

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Obwohl ich froh bin, dass wir Calvins strengen Vorgaben nicht mehr folgen und nicht nur Psalmen aus dem Genfer Psalter singen und auch die Orgel und reine Orgelmusik zulassen, was Calvin auch unpassend fand – kann ich Calvins Bedenken nachvollziehen.

Dahinter steckt nämlich die grundsätzliche Frage: Welche Mittel sind im Gottesdienst erlaubt, um emotionale Wirkungen zu erzielen? Man kann einiges tun, um die Gemeinde besonders zu stimmen, um die Laune zu heben und für ein stimmungsvolles Gemeinschaftserleben zu sorgen. Man kann rührigen Musik einsetzen, man kann für effektvolle Beleuchtung sorgen, man kann für eine perfekte Inszenierung sorgen. Man kann aus dem Gottesdienst mit allen Mitwirkenden – Pfarrer, Lecteur, Musiker, Chor – eine Art Bühnenshow machen, mit Kostümen, Lichteffekten usw. Die Megachurches in der USA, in Südkorea, in Nigeria machen das hemmungslos und sehr erfolgreich, wie der Name schon sagt: Mega, sie ziehen Tausende an.

Das Unlautere dabei ist, dass Menschen die mit menschlichen Mitteln erzeugte Stimmung für eine religiöse Erfahrung halten und direkt auf Gott beziehen. Sie glauben, Gott zu begegnen, Gott zu spüren, seinen Geist zu spüren, wenn sie in einer außergewöhnlichen, ekstatischen Stimmung sind.

Der Gott, der uns in der Bibel und in Jesus Christus begegnet, will uns aber auch und gerade dann nahe sein, wenn wir nicht bei Laune und bei Stimmung sind. Er will unser Gott in unserem Leben und in unserem Alltag sein und nicht Ehrengast bei einem pseudoreligiösen Massenereignis. Wenn man nichts anders mehr hat, als sich an seine Verheißungen zu erinnern, als zu gedenken, was er dir Gutes getan hat und was er dir versprochen hat, dann will er in deiner Seele ein gutes Wort sprechen und dein Trost sein.

Calvin also, meine ich, spricht sich nicht gegen die Affekte, gegen die Emotionen an sich aus, sondern nur gegen die, die durch die Musik oder durch andere künstliche Mittel hervorgerufen werden. Die Emotionen, die seelischen Wirkungen, die biblische Worte in uns wecken, die Rührungen, in die die Sprache und die Bilder des Wortes Gottes uns mitunter versetzen, die muss man gelten lassen, ja mehr noch, die muss suchen – auch und gerade im Gottesdienst. Der Glaube erschöpft sich nicht im Denken und im Tun. Er ist vor allem und zuerst Anschauung und Gefühl, wie Friedrich Schleiermacher gesagt hat. Aber eben: Es ist das Ergriffensein von dem Gott, den wir zunächst nicht anders erfahren, als in den Worten, die von ihm kommen.

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Musik ist eine Gabe Gottes. Aber sie ist keine Offenbarung Gottes. Das ist ein Unterschied, der zu beachten ist. Obwohl ich gestehe, dass ich schon manches Mal, wenn ich in der Philharmonie saß und berauschende Klänge auf mich einströmten, mich fragte, ob das nun nicht doch eine Offenbarung Gottes sein könnte. Wenn dutzende, manchmal hundert Musiker durch ihr Zusammenspiel einen präzise sich bewegenden Klang erzeugen, und wenn gerade das vielstimmige Concertare, das Miteinander Streiten der Stimmen nicht ins Chaos, sondern in geordnete Harmonie führt, dann überwältigt mich das manchmal so sehr, dass ich nicht umhinkann, es ein Wunder zu nennen. Aber nicht jedes Wunder ist schon eine Offenbarung Gottes; es gibt auch menschliche Wunder.

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Leise also sang David sein Lied. Da wurde dem König leichter und der böse Geist von Gott wich.

Gott gab uns die Musik, damit wir ein Mittel haben gegen seine bösen Geister.

Depression – was damals ein böser Geist von Gott war, ist heute eine Krankheit. Wo man damals einen suchen ließ, der Musik machen konnte, sucht man heute einen Arzt auf, der Pillen verschreibt. Vielleicht würde die richtige Musik manchem mehr gegen die Schwermut helfen als Pillen.

Als Musiker kam David an den Königshof. Er stieg auf, wurde Sauls Waffenträger, später selbst König. Der Liebling Sauls, dann Sauls Widersacher und Liebling des Volkes, der Liebling Gottes.

Präsident und Regierungschef, General und Kriegsminister, Revolutionär und Volksbefreier sollte doch nur werden, wer ein Instrument spielen kann, mindestens aber muss er in einem Chor singen. Es kann dann doch nur besser werden in der Welt. Denn wer musiziert, weiß, sein Gemüt zu beherrschen.

Amen.