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Predigt über 1. Mose 25,19-34 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 16.08.2020

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Und dies ist die Geschichte Isaaks, des Sohns Abrahams. Abraham zeugte Isaak.

Und Isaak war vierzig Jahre alt, als er sich Rebekka, die Tochter des Aramäers Betuel aus Paddan-Aram, die Schwester des Aramäers Laban, zur Frau nahm.

Isaak aber betete zum HERRN für seine Frau, denn sie war unfruchtbar. Und der HERR ließ sich von ihm erbitten, und seine Frau Rebekka wurde schwanger. Aber die Kinder stießen einander in ihrem Leib, und sie sagte: Wenn es so steht, wozu lebe ich noch? Und sie ging, um den HERRN zu befragen.

Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leib, und zwei Nationen werden sich aus deinem Schoße scheiden. Eine Nation wird der andern überlegen sein, und die ältere wird der jüngeren dienen.

Und es kam die Zeit, da sie gebären sollte, und sieh, da waren Zwillinge in ihrem Leib. Der Erste, der hervorkam, war rötlich, über und über mit Haaren bedeckt wie mit einem Fell, und man nannte ihn Esau. Danach kam sein Bruder hervor, und seine Hand hielt die Ferse Esaus fest, und man nannte ihn Jakob. Isaak aber war sechzig Jahre alt, als sie geboren wurden.

Und die Knaben wuchsen heran. Esau wurde ein Mann, der sich auf die Jagd verstand, ein Mann des freien Feldes. Jakob aber war ein gesitteter Mann, der bei den Zelten blieb. Isaak liebte Esau, weil er gern Wildbret aß. Rebekka aber liebte Jakob.

Einst kochte Jakob ein Gericht. Esau aber kam erschöpft vom Feld. Und Esau sprach zu Jakob: Lass mich doch schnell von dem Roten essen, von dem Roten da, denn ich bin ganz erschöpft. Darum nennt man ihn Edom. Jakob aber sprach: Verkaufe mir zuvor dein Erstgeburtsrecht. Esau sprach: Ach, ich sterbe fast vor Hunger. Was soll mir da die Erstgeburt? Jakob sprach: Zuerst schwörst du mir! Und er schwor ihm und verkaufte Jakob sein Erstgeburtsrecht. Da gab Jakob dem Esau Brot und Linsen. Der aß und trank, stand auf und ging davon. So gering achtete Esau das Erstgeburtsrecht.

Israel, liebe Gemeinde, Israel, das ist Jakob und sein Gott. Israel, das ist sein Vater Isaak und seine Mutter Rebekka. Das sind seine 12 Söhne und seine Großeltern Abraham und Sara. Israel, das sind auch Rahel und Lea, Esau und Ismael. Israel, das sind Mose und Aaron, David und Bathseba, Salomo und Ruth, das sind Jesaja und Jesus, Maria und Paulus und das sind am Ende auch, durch ein Geheimnis Gottes und viel Barmherzigkeit, du und ich, wir unbeschnittenen Heiden.

Israel, darüber sollen wir heute nachdenken, an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis, der deswegen auch Israelsonntag heißt. Wenn der an Christus glaubende Spezialjude Paulus über Israel nachdenkt, wird es ziemlich abstrakt, denn Paulus denkt in Griechisch. Wenn Israel über sich selbst nachdenkt, erzählt es Geschichten, denn die Sprache Israels, das Hebräische, ist eine Erzählsprache.

Ich will es auch so machen, über Israel nachdenken, indem ich seine Familiengeschichten weiterspinne.

Familienaufstellung: Rebekka und Isaak, Esau und Jakob

Rebekka muss jung gewesen sein, als Isaak sie zur Frau nahm. Kaum zwanzig, mehr nicht. Sie war Aramäerin, keine aus Israel. Denn Israel war noch nicht zur Welt gekommen. Noch war Israel nicht mehr als der schönste Gedanke Gottes. Aber die Ideen Gottes kommen zur Welt und werden wirklichste Wirklichkeit. Darum geht es in all diesen Geschichten.

Rebekka konnte keine Kinder kriegen. „Liegt wohl in der Familie“, tröstete sie Isaak und erzählte jedes Mal von Sara. Rebekka konnte die Geschichte ihrer unfruchtbaren Schwiegermutter schon nicht mehr hören. Anfangs sagte sie nichts. Jahre später gab sie auf immer die gleiche Geschichte von Sara immer die gleiche Antwort: „Vielleicht lag das Problem ja auch bei Abraham.“ – „Ja, vielleicht“, sagte er dann, aber als Rebekka wieder ihre Regel bekam und traurig wurde, erzählte er wieder die Geschichte von der unfruchtbaren Sara.

Nach zwanzig Jahren aber, als wieder ihr Blut floss und sie traurig war, erzählte er nicht mehr von Sara. Er sagte: „Ich gehe beten“. Danach schlief er mit ihr und sie wurde schwanger.

Die Schwangerschaft war die Hölle, eine Unruhe im Bauch, fast wie Krieg.

Gegen ihre Schwangerschaftsdepression gab man ihr keine Pillen, sondern ein Orakel: Zwei Völker sind in deinem Leib, und zwei Nationen werden sich aus deinem Schoße scheiden. Eine Nation wird der andern überlegen sein, und die ältere wird der jüngeren dienen.

Das erklärte alles und nichts, bewirkte aber, dass sie durchhielt. Als sie Zwillinge gebar, verstand sie das Orakel, aber das ungute Bauchgefühl blieb.

***

Isaak

Jakob habe ich ihn genannt. Fersenhalter. Das kam so: Er kam nach Esau heraus und hielt dessen Ferse. Ich wusste immer, dass wir Kinder kriegen würden. Rebekka wollte es nicht glauben. Ich erzählte immer von meiner Mutter. Das nervte sie. Aber mir gab es Hoffnung.

Wir bekamen tatsächlich noch Kinder, gleich zwei, zwei prächtige Jungs. Beide waren prächtig. Der eine noch ein bisschen prächtiger als der andere. Ein richtiger Naturbursche. Ging auf die Jagd. Und schon früh begann er zu kochen. Sie müssten mal seine Wildspezialitäten probieren. So was Gutes haben Sie noch nie gegessen, das sag ich Ihnen. Er ist ein kerniger Kerl. Kann anpacken, ist ehrlich und direkt. Weiß, was er will, und sagt, was er will. Hat Haare auf den Armen – aber nicht auf den Zähnen, das sag ich Ihnen. Ein Klasse-Typ!

Jakob auch. In seiner Weise. Jakob ist schlau. Esau ist ehrlich. Jakob hat nie kochen gelernt. Er hat sich lieber aufs Geldmachen konzentriert, damit er jeden Abend in ein feines Restaurant gehen kann. Jakob lässt sich gern bedienen. Esau nicht. Ihm ist das peinlich, wenn andere gebückt um ihn rumlaufen. Er macht lieber alles selbst. Ein einziges Mal hat Jakob gekocht. Natürlich hat Jakob in seiner supermodernen Luxusvilla eine supermoderne Küche. Ich wusste nur nicht, dass man damit auch kochen kann. Esau wusste es auch nicht. Aber einmal hat Jakob dort gekocht. Und er wusste, warum. Jakob weiß immer, warum. Esau nie. Esau macht alles aus dem Bauch heraus. Jakob aus dem Kopf.

***

Rebekka

Du hast Jakob nie verstanden, Isaak. Du hast ihn immer verkannt. Als er nach Esau aus mir herauskam, da hast du ihn Jakob genannt, den Fersenhalter. Aber als er älter wurde und seinem Bruder immer auf den Fersen war, ihn bald schon überholte, in allem besser war als sein Bruder, in allem außer im Jagen, als klar war, dass eigentlich er der Erstgeborene hätte sein müssen, damit die Dinge so laufen würden, wie sie laufen sollten, als das klar wurde, hast du ihn immer Jakob, den Betrüger genannt, Jakob, den Fersenschleicher, Jakob, den Erbschleicher, erinnerst du dich noch, Isaak?

Jakob war einfach besser als Esau, das kannst du nicht leugnen, Isaak. Er geht nicht in feine Restaurants, weil er sich gern bekochen und bedienen lässt. Er geht mit seinen Kunden dorthin. Dort werden die Geschäfte gemacht. Du warst noch ein Patron alten Schlags, bist nach einem heißen Tag mit einem kühlen Wein zu deinen Knechten gegangen. Aber die Welt hat sich geändert, Isaak. Heute müssen wir unsere Produkte anpreisen. Die Leute wollen immer etwas Anderes und es soll immer ökologischer sein. Jakob muss den Markt austesten und dann umstellen und mithalten, sonst ist dein Betrieb bald weg vom Fenster und dann hast du nichts mehr zu vererben, weder an Esau noch an Jakob.

***

Isaak:             Esau wird alles erben. Er ist der Erstgeborene.

Rebekka:        Aber er will nicht. Er ist vernünftig. Er weiß genau, dass Jakob es besser kann. Er hat ihm alles abgetreten.

Isaak:             Ja, bei diesem vegetarischen Fraß. Wenn Esau Hunger hat, isst er alles. Und unterschriebt alles. Der Idiot!

Rebekka:        Esau ist kein Idiot. Jakob hat beschlossen, dass wir verstärkt Linsen anbauen müssen. Linsen sind im Kommen. Alle Küchen, die was auf sich halten, machen jetzt in Öko und regional und alle machen jetzt Linsengerichte. Weil Jakob seine feine Nase am Markt hat, hat unser Betrieb eine Zukunft. Er hat Esau ein Linsengericht gekocht und Esau hat eingesehen, dass Jakob der bessere Geschäftsführer ist. Also hat er den Vertrag zur Abtretung der Erbansprüche unterschrieben – ganz freiwillig, Isaak, ganz freiwillig.

***

Viele Jahre später.

Jakob:  Aus dir ist ja doch noch was geworden.

Esau:   Ja. Aus dir auch, man kann es kaum übersehen. … Ich bin dir nicht mehr böse, Jakob.

Jakob:  Ja, offensichtlich nicht. Das ist erstaunlich.

Esau:   Seither ist viel Zeit vergangen. Es ist gut, dass du damals abgehauen bist. Ich wollte dich umbringen. Ich war so wütend und enttäuscht.

Jakob:  Es war Rebekka, Esau, es war Rebekka! Ich wollte das nicht. Sie hat mich angestachelt und alles ausgeheckt. Sie hat mir deine Klamotten aus dem Schrank geholt, sie hat mir diese Fellchen ums Handgelenkt gebunden. Ich habe zu ihr gesagt: Das ist Betrug, Mama. Wenn er es merkt, wird der Segen zum Fluch. Da hat sie nur gesagt: Dann nehm‘ ich den Fluch auf mich.

Esau:   Du weißt, wie enttäuscht und sauer ich damals war.

Jakob:  Auf mich oder auf ihn?

Esau:   Auf euch beide. Vater hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich alles erben werde. Und als er seinen Fehler bemerkte, war er nicht bereit, ihn zu korrigieren. Ich weiß nicht, ob ihm klar war, dass Rebekka dahintersteckte. Aber dass er betrogen wurde, war ihm klar. Doch dann wollte er es nicht mehr korrigieren und den Erbsegen auf mich legen. Offensichtlich hat er dir ja was gebracht: Du bist sehr reich. Man sagt, du nennst dich jetzt Israel.

Jakob:  Ja, der Segen des Vaters hat mir was gebracht: viele Kinder, viele Rinder. Aber ich habe um diesen Segen auch kämpfen müssen und er hat mir Wunden geschlagen.

Esau:   Deshalb Israel, der mit Gott kämpft. Und deshalb das Hinken.

***

Liebe Gemeinde, über Israel nachdenken, heißt, seine Geschichten erzählen. Es sind die Geschichten von einzelnen Menschen, die so unterschiedlich sind, wie Menschen nun mal sind. Über die Kirche nachdenken, heißt, die Geschichten von Jesus Christus erzählen und unsere so unterschiedlichen Geschichten hören.

Dann schälen wir die Geheimnisse heraus, die in jedem Leben verborgen sind, und erinnern die Prophezeiungen, die über jedes Leben gesagt sind. Es sind Geschichten, die von der Liebe erzählen, die die Einen erwählt und die anderen nicht, von Enttäuschungen und von Kämpfen, von List und Betrug, von Angst und Flucht. Und je nachdem, wer erzählt, erscheint manches in einem anderen Licht. Was der eine als Betrug erzählt, erscheint dem andern als Einsicht und Notwendigkeit.

Aber wenn es gute Geschichten sind, erzählen sie am Ende alle von Versöhnung und von Gnade und von Barmherzigkeit. Und dann erst merken wir, dass das alles ja Gottes Geschichten sind. Alle Geschichten von Israel sind Gottes Geschichten und dann sind auch alle unsere Geschichten, die Geschichten von denen, die dazugekommen sind, Gottes Geschichten.

„Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen: … Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“ (Röm 11,25+32).

Amen.