Zur Textversion

Monatsspruch für September vom 01.09.2019

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26)

Die ganze Welt zu gewinnen, das ist fast ein Kinderspiel, seit Mark Zuckerberg Facebook erfunden hat. Man stellt irgendwas auf seiner Facebookseite ein, ein lustiges Filmchen über sich, ein irres Statement, ein schickes Foto, und wird von ganz vielen „geliked“, das heißt in etwa: „gemocht“. Wem das Foto, das Filmchen, das Statement oder was immer da zu sehen und zu hören ist, gefällt, klickt auf einen nach oben aufgestellten Daumen und wird ein „Follower“, ein Nachfolger. So lässt sich rasch die Welt gewinnen, denn wer gut ist, gewinnt leicht Tausende, wer sehr gut ist, Hunderttausende oder Millionen Follower.
Der eigentliche Weltgewinner aber ist Mark Zuckerberg selbst. Seine Firma gewinnt Daten, die Daten aller, die jemals auf einen Daumen geklickt und sich als Anhänger eines anderen erklärt haben. Und wer die Daten hat, hat die Welt gewonnen.
Mark Zuckerberg ist so reich und so amerikanisch, dass er sich die besten Anwälte leisten kann, um Schaden von seiner Firma, und die besten Psychologen, um Schaden von seiner Seele abzuwenden. Doch wer hält den Schaden ab von den Seelen all derer, die „likes“ sammeln, deren Selbstwertgefühl von Followerzahlen und Zustimmungsraten, Umfrage- und Beliebtheitswerten abhängt?
Was der Seele schadet, ist die Mentalität des Gewinnen-Wollens. Das muss sich nicht nur auf Geld, Macht und Daten beziehen. Man kann auch Ansehen gewinnen wollen oder Zustimmung, Beliebtheit oder gar Liebe. Es gibt Menschen, die wollen vor allem und von allen geliebt werden und sind dabei unersättlich. Unersättlichkeit ist ein Seelenfresser. Sich bescheiden und begnügen können dagegen tut der Seele gut.
Die schreckliche Einteilung der Menschheit in „winner“ und „loser“ macht die Seelen krank. Menschen, die immerzu danach trachten, etwas zu gewinnen, sind auf sich selbst fixiert. Sie haben nur sich und ihren Mehrwert im Auge.
Jesus dreht das dialektisch um: Wer sich verlieren kann, der gewinnt sich. Denn wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. (Mt 16,25)
Ich kenne glückliche Menschen. Das sind meist keine „Winner-Typen“. Es sind Menschen, die sich für etwas begeistern können, ganz in einem anderen Menschen aufgehen (Liebe) oder sich passioniert einem Thema oder einer Sache widmen (die Musik, der Garten, die Sterne...). Die Seele ist das Organ für die Beziehungen. Wenn sie nur eine Beziehung zu sich selbst haben darf, verkümmert sie. Sie will raus und sich nach außen hin verbinden. Und sie will nicht nur nehmen, sondern auch geben.
Jürgen Kaiser