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Monatsspruch für Oktober vom 01.10.2020

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. (Jer 29,7)

Vor genau 100 Jahren, am 1. Oktober 1920, wurden per Gesetz 94 Stadt- und Landgemeinden zur „Stadtgemeinde Groß-Berlin“ verbunden. Berlin ist eine junge Großstadt, aber eine, die in ihrem jungen Leben schon viel erlebt hat, eine wilde Kindheit mit Straßenkämpfen und paramilitärischen Aufzügen, einen schrecklichen Krieg und einen Beinahetod im Bombenhagel; einen Bürgermeister, der die Völker der Welt aufforderte, auf diese Stadt zu schauen; die Abriegelung der Westsektoren, die Luftbrücke, den Mauerbau, den Mauerfall, das wieder „echte Großstadt“ Werden, die sexy Armut und den Flughafen, der nicht fliegen will. (Soll der nicht dieser Tage eröffnet werden? Man spricht nicht mehr davon!) Eine Stadt mit Weltklasse-Philharmonikern, drei echten Opern, drei unechten Domen und zwei Bischöfen, von denen keiner in einem der drei Dome hockt. Berlin, eine Stadt, die gerne Kapitalisten erschreckt, Mieten einfriert, vielleicht gar Wohnungsunternehmen enteignet; eine Stadt, deren Regierende jede wilde Idee aufgreifen („Kommt gut an!“), aber fest darauf vertrauen, dass die Gerichte das Schlimmste zu verhindern wissen; eine Stadt, die einmal gerne von amerikanischen Präsidenten besucht wurde, um große Sprüche zu machen; eine Stadt, in der kein Bäumchen gefällt und keine Bruchbude abgerissen werden darf, ohne dass Tausende empört auf die Barrikaden gehn; eine Stadt, die immer Party macht mit Clubs in jeder Nische für jeden Geschmack; eine Stadt, in der es immer mehr freundliche Menschen gibt und immer weniger Berliner; eine Stadt, die Charme hat ohne wirklich schön zu sein, die groß ist, aber nicht Mega; eine Stadt, die keine Mitte hat und keine Altstadt, aber viele Kieze und 66.567 Lauben mit Füchsen, Bienen, Waschbären, Wildschweinen und ungezählten Gartenzwergen; eine Stadt mit zwei Cities, eine City West und eine City Ost, die eigentlich in der Mitte liegt, und fünf Citykirchen, einem Stadtkloster und einer umtriebigen Stadtmission; eine Stadt mit vielen Milieus, in der jede und jeder und jedes mit und ohne * ungestört und ungefragt ihren * seinen Lebensentwurf leben kann; eine Stadt, in der es sich jede und jeder auch ohne viel Knete wohlgehen lassen kann, weil Berlin eine der wenigen angesagten Metropolen ist, wo die Lebenshaltungskosten noch moderat sind; eine Stadt, in der viele sehr einsam sind und wenn einer gestorben ist, kommen zur Beerdigung kaum zwanzig, manchmal keiner oder eine Pfarrerin, die für die Vögel auf dem Baum neben dem Grab einen Psalm und ein Vaterunser betet.
Alles gibt es in dieser Stadt und fast nichts, was es nicht gibt, und viele, die ihr Bestes suchen, ihr eigenes und das der Stadt. Man hat in dieser Stadt manchmal den Eindruck, es werde an nichts intensiver und kreativer gearbeitet als am Mythos Berlin. Nur gebetet wird wenig in dieser Stadt. Sehr wenig. Da wäre echt noch Potential. Ob Berlin jemals eine Stadt der hippen Beterinnen und Beter wird? Ick wees nich...  Jürgen Kaiser