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Monatsspruch für Oktober vom 01.10.2019

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend - gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben! (Tobit 4,8)

Wer in Berlin viel durch die Stadt kommt und U- und S-Bahnen nutzt, muss sich entscheiden. Jedem kann man nicht geben. Es sind zu viele. Man würde erstens arm dabei und zweitens nicht vom Fleck kommen, weil man nur dabei ist, seine Geldbörse zu öffnen. Es sind zu viele. Und es sind in den letzten Jahren immer mehr geworden. In den Bahnen drücken sie sich die Klinke in die Hand. Manche beginnen ihr Sprüchlein schon so: „Guten Tag, ich weiß, ich bin nicht der erste, der Sie heute um ein bisschen Geld bittet...“ Oft haben sie damit recht.
Die meisten Fahrgäste ducken sich weg. Sie haben sich entschieden, grundsätzlich nichts zu geben. Dafür kann man - wenn man es will und braucht - Gründe finden. Etwa so: „Man kann nicht allen was geben und nur einem was zu geben, ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ - „Die geben das Geld ja doch nur für Alkohol aus.“ - „Die sollen arbeiten gehen. Überall werden Mitarbeiter gesucht, die Arbeitsmarktlage ist so gut wie schon lange nicht mehr. Wer arbeiten will, findet Arbeit.“ - „Die tun nur so ärmlich und bedürftig. In Wahrheit machen die ganz schön Kasse mit ihrer Mitleidstour.“
Ich glaube, dass sogar an den meisten dieser Argumente was dran ist. Trotzdem gebe ich was. Nicht allen, denn das geht wirklich nicht. Aber einem. Einen habe ich mir ausgesucht, einen, dem ich in meiner S-Bahn regelmäßig begegne. Wir sind mittlerweile fast Vertraute geworden. Er ist geschickt darin, mir immer noch eine kleine Zugabe abzuschwatzen. Und ich glaube, er lebt nicht so schlecht davon, wie er tut. Er hat jedenfalls immer reichlich Wechselgeld und kann auch auf größere Scheine mühelos rausgeben. Aber es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, schon gar nicht, es zu kommentieren. Es ist seine Entscheidung, wie er sein Leben führen möchte. Ich möchte jedenfalls nicht mit ihm tauschen. Es ist wirklich keine angenehme Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Sicher, man muss sich entscheiden, denn man kann wirklich nicht jedem Geld geben. Aber etwas anderes kann man jedem geben. Im Vers, der dem Monatsspruch vorausgeht, heißt es: „Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden.“ (Tob 4,7)
Einem Menschen, der dich um was bittet, „nein“ zu sagen, ist immer noch menschlicher, als gar nichts zu sagen und ihn keines Blickes zu würdigen. Es kostet mich nur eine Kopfbewegung weg von meinem Smartphone, eine kurze Unterbrechung meiner Lektüre. Auch wenn ich nichts gebe, kann ich sie wenigstens eines Blickes würdigen, sie wenigstens kurz ansehen und ihnen so sagen: Für mich bist du nicht Luft, sondern ein Mensch. Jürgen Kaiser