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Monatsspruch für November vom 01.11.2020

Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. (Jer 31,9)

Kein Leben ohne Leid, kein Auge ohne Tränen. Das ist eine schlichte Einsicht, trivial in Zeiten, in denen unter der Pandemie niemand sein Leben wie gewohnt und wie gewünscht leben kann: Jugendliche müssen auf Sport verzichten, der Tanzkurs fällt aus, Konzerten unter Corona-Bedingungen fehlt die Atmosphäre, Besprechungen und Konferenzen finden „im digitalen Raum“ statt, in dem ich mich mit Vertrautheit und Spontaneität schwer tue, und viele sind isoliert, fühlen sich einsam. Was soll nur werden?
Mindestens gleich schlicht und trivial ist der oft gehörte Trost, dass „schon wieder bessere Zeiten kommen“, auch wenn sich darin eine gewisse Lebenserfahrung ausspricht. Wird es ein „nach Corona“ geben, in dem alles wieder wie „vor Corona“ ist? Aber wäre dann alles wieder gut? Das war es ja vorher auch schon nicht. Und was während der Pandemie geschehen ist, können wir ja nicht einfach vergessen. „Nach Corona“ wird nicht wie „vor Corona“ sein. Wird es ohnehin nur ein dauerhaftes „mit Corona“ geben?
Nicht Monate wie die gegenwärtige Pandemie, sondern Jahre, ja Jahrzehnte hat für Gottes Volk die Krise gedauert. Durch das Exil im fernen Babylon hatte sich für Generationen alles verändert – Zeiten, in denen niemand sein Leben wie gewohnt und wie gewünscht leben konnte. Das eigene Land konnte nicht bestellt werden, die Kinder und Enkel wuchsen nicht in der Heimat auf, die eigene Sprache wurde zusehends eine fremde Sprache und Gott konnte nicht mehr mit denselben Wörtern benannt und mit denselben Liedern besungen werden. Welchen Trost konnte es da geben, welche Perspektive? Woraus konnte man Kraft bekommen und Zuversicht?  Die dürftige Auskunft, dass „schon wieder bessere Zeiten kommen“, taugte dazu wohl kaum. Selbst wenn das Leiden in der Fremde einmal ein Ende hätte – mit Tränen in den Augen würde man nach Hause kommen.
Tränen versiegen nicht von selbst; Tränen versiegen, weil eine Hand auf meiner Schulter liegt, Arme mich umfangen, ein liebes Schweigen uns birgt, ein Wort mich berührt, ein Gedanke klarer und neue Wege erkennbar werden. Das macht nicht einfach „die Zeit“ oder das Auf-und-Ab des Lebens, dafür steht Gott ein: „Ich will sie trösten und leiten“, sagt Gott und bringt seine Liebe ins Spiel, seine Güte, die sich seinem Volk zeigt im Land und im Gebot.
Kein Leben ohne Leid, kein Auge ohne Tränen. Aber auch kein Leben ohne Gottes Güte, kein Auge ohne Glanz, kein Herz ohne Hoffnung: „Du sollst dich wieder schmücken, Pauken schlagen und hinausgehen zum Tanz!“ (Jer 31,4) Wir teilen diese Hoffnung in den ernsten Zeiten der Pandemie, im dunklen Monat November. Karl Friedrich Ulrichs