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Monatsspruch für Mai vom 01.05.2021

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! (Sprüche 31,8)

Unrecht verschlägt dir die Sprache, du verstummst, wenn dir Böses widerfährt. Dass das Opfer nicht schreit, nicht klagt, sein Recht nicht einfordert, die erlittene Untat nicht anzeigt – davon leben die Übeltäter. Du bist nur noch Opfer, in dich verschlossen, ohne Stimme. Und du brauchst jemanden, der für dich schreit, wenn du selbst dazu zu schwach bist.
Empathisch ist dieser biblische Rat, der zum Monatsspruch für den Mai avancierte, so empathisch und klug – er könnte von einer weisen Frau sein. Und tatsächlich: Es ist seine Mutter, der Lemuel, der König von Massa, diesen für einen Herrscher alles andere als selbstverständlichen Hinweis auf die Schwachen in der Gesellschaft verdankt. So möchten Mütter, dass ihre Söhne seien: gerecht und lauter. Und welche Königin hätte nicht gerne einen charakterlich noblen Thronfolger? Fragen Sie einmal die Queen!
Ein königlich-kluger Ratschlag also, den ich mir – da ich die Mutter von König Lemuel nicht kenne – aus dem Munde der alten Dame in Windsor und im schottischen Balmoral vorstelle. Wer so lebt und handelt, erweist sich als ein König, edel und frei und anmutig! Lemuel, habe es im Sinn! Charles, denke daran, wenn es an dem ist. Bedenke es, Karl! Und ihr anderen alle auch.
Ein königlich-kluger Ratschlag, der mit dem „Recht aller Schwachen“ das allerorten herrschende Recht des Stärkeren unterläuft. Wenn Schwache weniger Rechte haben (nicht in der juristischen Theorie, sondern im gesellschaftlichen Alltag), dann stimmt etwas nicht. Da muss etwas geschehen. Das bekommt Lemuel, der König lernt, mit auf den Weg. Wenn er als königlicher Richter in Streitfällen entscheiden wird – am Umgang mit denen, die körperlich, finanziell schwach oder sonst wie beeinträchtigt sind, zeigt sich, was für ein Mensch er ist. Und hieran zeigt sich auch, was unser Recht wert ist.
Klar: den Mund zu halten, ist bequem. Aber jemandes Fürsprecher zu sein, ist keine Last, es ist ein Privileg, die eigene Stimme Schwachen leihen zu können, ihnen eine Stimme zu geben. Dadurch verschleiße ich meine Stimme nicht, sondern erlebe mich als wirkungsvoll, machtvoll wie ein König. Der Einsatz und Einspruch für Schwache ist auch eine Aufgabe der Kirche insgesamt. Kirche stellt Öffentlichkeit her für diejenigen, die wenig Gehör finden.
Solidarität mit den Schwachen – dazu brauchen wir unsere Sinne, unsere Gedanken und Gefühle ohne Einschränkungen. Deshalb rät die Königsmutter von Wein und Bier ab. Denn die Könige „könnten beim Trinken das Recht vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute. Gebt Bier denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen.“ Solidarität ist ohne Solidität nicht zu machen. Wenn ich auch über die geforderte Entsagung schmunzele, mir gefällt dieser Königinnenratschlag: Wir sollen wissen, was wann wichtig ist: das laute Wort für die Schwachen, Bier zur Stärkung und Wein als Trost. Na dann … Karl Friedrich Ulrichs