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Monatsspruch für März vom 01.03.2021

Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lukas 19,40)

Die Wahrheit muss ausgesprochen werden. Die wahren Erinnerungen dürfen nicht verstummen, ebenso wenig die Lehren aus der Vergangenheit. Und wenn Menschen dazu nicht bereit und fähig sind, dann fangen die stummen Zeugen an zu sprechen. Unüberhörbar klagen dann Ruinen das Leid, halten das Gedenken wach, indem sie verstummten Menschen ihre Schreie leihen. Die „Stolpersteine“ aus Messing, die vor den Häusern deportierter Jüdinnen und Juden verlegt wurden und werden, tun diesen Dienst der Menschlichkeit. Vor dem Haus, in dem ich wohne, liegt ein solcher Stolperstein. Er spricht jeden Tag zu mir, indem er den Namen eines Menschen nennt und dazugehörige Daten. Das zu sehen, ist Wahrheit, das zu übersehen, wäre Lüge.
Die Wahrheit muss ausgesprochen werden. Was ist die Wahrheit über diesen Menschen, dem Sympathisanten und Passanten in den Straßen von Jerusalem zujubeln? Sollte es tatsächlich so sein, dass Jesus in einmaliger Weise mit Gott verbunden ist? Ein bis vor kurzem noch unbekannter Provinzler, der von seinen Freunden auf ein junges Reittier gesetzt wurde, um wie die Karikatur eines Königs durch die Gassen Jerusalems zu reiten und den Jubel der Menge entgegenzunehmen? Geht´s noch? Nun gibt es allerdings kaum äußere Umstände, aus denen sich Gottes Gegenwart sicher ableiten ließe. Dann also jene Gestalt auf dem Esel! Ihm jubeln die Jünger, weitere Sympathisanten und Passanten zu. Und das ist keine trunkene Begeisterung, in der man bejubelt, was und wer des Lobes nicht würdig ist. Die Leute auf der Straße in Jerusalem wissen, warum sie jubeln - nämlich „über alle Taten, die sie gesehen hatten“ - über jene Taten, mit denen Jesus den Armen und Verstörten, Kranken, Kindern und denen, denen das Unrecht in ihrem Leben aufgeht, begegnet. Und über seine Erzählungen von Gottes Herrschaft und Gerechtigkeit.
Den Jesus-Anhängern soll aber der Mund verboten werden. Und darauf reagiert Jesus: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Der Jubel über Gottes Phantasie für unser Leben kann so wenig verstummen wie die Sehnsucht danach, dass unser Leben mit Sinn erfüllt und gerecht und heil ist. Wenn andere mich zum Schweigen über den Glauben bringen wollen, wenn ich selbst nicht mehr vom Glauben reden mag, wird doch der Glaube laut. Nötigenfalls durch die Steine.
Im März begleiten wir in unseren Gottesdiensten Jesus auf seinem Leidensweg - im Vertrauen, dass Jesus uns auf unseren schweren Wegen begleitet. Wir werden im Gottesdienst wegen der fortgesetzten Corona-Maßnahmen nicht singen dürfen. Wir müssen also derzeit schweigen, dürfen nicht jubeln, wir hören nur den Kantor singen oder spielen. Wenn diese, nämlich wir Gemeindeglieder, schweigen, dann sprechen und singen die Steine. So ist dieses Wort Jesu auch ein aktuelles tröstendes Wort. Die Steine unserer Kirchen werden für uns singen, solange unser Gemeindegesang unterbleiben muss. Karl Friedrich Ulrichs