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Monatsspruch für Juni vom 01.06.2020

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Kön 8,39)

König Salomo steht in seinem großen Tempel. Er hat ihn in Jerusalem bauen lassen. Sein Vater David hatte es Gott versprochen, konnte es aber nicht einlösen. Nun ist der Tempel fertig und Salomo weiht ihn ein. Er spricht ein Gebet. Es ist ein sehr langes Gebet, viel länger als das Vaterunser, aber mit ähnlichen Bitten.
Gott, der im Himmel wohne, solle seinen Namen im Tempel wohnen und dort heiligen lassen. Gottes Wort solle wahr werden. Vor allem zwei Bitten, die auch im Vaterunser vorkommen, werden von Salomo detailliert vorgebracht: die Bitte um das tägliche Brot und die Bitte um Vergebung der Schuld.
Im Konfirmandenunterricht haben wir gelernt, dass sich die Brotbitte des Vaterunsers nicht nur auf das Brot oder die Nahrung bezieht, sondern auf alles, was wir zum Leben brauchen. „Damit beten wir: Versorge uns mit allem, was für Leib und Leben nötig ist“, erklärt der Heidelberger Katechismus. So nennt Salomo nicht nur den Regen gegen die Dürre, Getreidebrand und Heuschrecken, sondern denkt auch an die Pest und andere schlimme Krankheiten. Aber er betet nicht direkt um Verschonung von all diesen Plagen und Gefahren, sondern er betet darum, dass Gott die Menschen erhören möge, wenn sie etwa bei einer Hungersnot oder bei einer Seuche zu ihm beten.
Es ist schon bemerkenswert, dass ein König einen großen Tempel baut und den dann - weil er offenbar auch oberster Priester ist - mit einem Gebet einweiht, in dem er klarstellt: Gott wohnt nicht in diesem Tempel und es sind nicht nur die Priester, die in diesem Tempel zu Gott beten können, sondern jeder kann überall zu Gott beten. Ausdrücklich nennt Salomo dabei auch die Fremden, die im Land wohnen, die Menschen, die keine Israeliten sind und die dennoch zum Gott Israels beten. Auch deren Bitten soll Gott erhören.
Man würde erwarten, dass so ein neuer prächtiger Tempel einen religiösen Exklusivanspruch erhebt, dass also nur in ihm einzig durch die Priester allein für die Belange Israels zum Gott Israels gebetet werden könne. Doch das Gegenteil ist der Fall: Dieser neue Tempel soll alle ermutigen, sich mit ihren Nöten direkt an Gott zu wenden. Der Gott Israels ist nämlich kein Gott, dem es genügte, sich in seinem Tempel dienen zu lassen. Er sucht den Kontakt zu allen Menschen, er geht auf die Menschen zu, er will wissen, was sie umtreibt. Er kennt das Herz aller Menschenkinder - nicht um dort etwas bloßzustellen oder ein Geheimnis zu entlarven, nicht um zu kontrollieren und zu maßregeln, sondern weil alle Menschen ihm am Herzen liegen. Weil er uns kennt - besser wohl als wir selbst uns kennnen - weiß er auch, was uns bedrückt und warum wir uns an ihn wenden. Er wird unsere Bitten nicht überhören und sie nicht verwerfen.

Jürgen Kaiser