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Monatsspruch für Juni vom 01.06.2019

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. (Sprüche 16,24)

Kaum ein Spruch aus den Sprüchen spricht mich an wie dieser. Deshalb muss ich ein wenig über mich selber reden. Vielleicht geht es ja Ihnen, die Sie das jetzt lesen, ähnlich wie mir.
Ich freue mich sehr, wenn mir jemand etwas Freundliches sagt oder etwas Freundliches schreibt. Wenn mir einer sagt, dass ihm das, was ich geschrieben oder gesagt oder gepredigt habe, gut gefallen hat. Oder wenn mir jemand sagt, dass ich etwas gut hingekriegt habe oder wenn einem mein Zuhören geholfen hat. Ich freue mich darüber mehr als über Geschenke, die ich zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekomme, oder über etwas Neues, das ich mir gekauft habe. Freundliche Worte erfreuen mich noch mehr als schöne Sachen. Ich fühle mich dann für ein paar Minuten oder ein paar Stunden besser, bewege mich leichter durch mein Leben, mache fröhlicher meine Arbeit und bin selbst freundlicher zu anderen. Manchmal hält die Freude sogar tagelang.
Wenn mir jemand etwas Freundliches sagt und ich mich freue, dann nehme ich mir jedes Mal vor, es anderen ebenso zu tun und ihnen freundliche Worte zu sagen. Genau dies ist ja auch der natürlichste Ratschlag, den Jesus gegeben hat: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Mt 7,12)
Aber an diesem Punkt muss ich noch viel üben. Ich bin gar nicht gut darin, andere zu loben. Manchmal gelingt es mir, aber insgesamt viel zu selten. Ich schaffe es nicht, anderen ebenso gut zu tun, wie mir gut getan wurde durch freundliche Worte. Bisweilen erkläre ich mir das sehr einfach so: Ich bin ein Deutscher. Deutsche sind so. So gründlich, so perfektionistisch, dass es ihnen keiner recht machen kann. Bei dem, was andere sagen, schreiben und tun, finde ich immer etwas, das man noch besser machen könnte. Und da ich nicht so deutsch sein will, dass ich immer nur nörgele, sag ich lieber gar nichts.
Für dieses Phänomen haben die perfektesten aller Deutschen, die Schwaben, ein Sprichwort: „Net gschempft, isch g'lobt g'nuag.“ Aber das ist falsch! Es reicht keineswegs, nur aufs Kritisieren zu verzichten. Wir müssen mehr loben! Die Schwaben tun immer so fromm. Wenn man jedoch genau hinhört, sind sie es gar nicht. Denn der Spruch der Bibel widerspricht dem schäbischen Spruch: Freundliche Reden, lobende Worte sind wie Honig, süß für die Seele und auch gesund für den Leib.
Ich will also üben und weniger deutsch sein. Ich muss ja nicht gleich amerikanisch werden und nur noch Süßholz raspeln. Die Mitte wäre gut. Mehr echtes Lob, Honig statt Süßholz, also keine wohlfeilen Floskeln, sondern sich die Mühe machen herauszufinden, was mir an dem, was einer gesagt oder getan hat, gut gefallen hat, das Gelungene also genau benennen und beschreiben. Jürgen Kaiser