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Monatsspruch für Januar vom 01.01.2021

Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!(Psalm 4,7)

Viel diskutiert wird gerade, weil es viel zu verstehen, zu klären, zu lösen und zu ertragen gibt. Vom alten Jahr nehmen wir die Pandemie mit ins neue. Welche Maßnahmen sind nötig, um bald (wenn schon nicht nach, so doch) mit dem Virus privat und gesellschaftlich einigermaßen „normal“ leben zu können? Viele sagen ihre Meinung, erheben Forderungen, vertreten ihre Interessen – eine öffentliche Diskussion in einer offenen Gesellschaft. Einige wenige reden dabei unverantwortlich und unversöhnlich – darüber rege ich mich schon genug auf und übergehe das deshalb an dieser Stelle. Vieles, was gesagt wird, gerade auch was als Frage daherkommt, ist eigentlich ein Seufzer, keine Bitte um Auskunft in einer Sachfrage. Das herauszuhören lernt man durch Lebenserfahrung oder als angehende Pfarrerinnen und Pfarrer in der Seelsorgeausbildung. Die erlebte Ohnmacht, die Angst und die Depression müssen sich ja irgendwie äußern. Mir geht es selbst auch kaum anders. Die Vielen fragen und seufzen daher auch für mich und mit mir: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Der erste Teil des Monatsspruchs klingt ganz aktuell. Die in biblischer Zeit im Tempel versammelte Gemeinde, die den Psalm betet, beantwortet darum nicht die Frage, sondern überführt das Seufzen in eine Bitte an Gott. Diese Bitte sprechen wir auch für die Vielen aus. Unser Beten ist solidarisches Handeln für die, die seufzen und fragen und nicht beten können.
„Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ Diese Bitte spricht die Sprache des Segens, hier sprechen Menschen, die Segen erfahren haben. Ihnen tritt dieser Segen vor Augen mit den Sprachbildern des Segens: Gottes Angesicht leuchtet. Das erleben wir behütet und gesegnet im Gottesdienst (s. 4.Mose 6,24-26), das tröstet uns (s. Psalm 80,4). Auch in der Begegnung mit Bruder oder Schwester, mit jedem wohlmeinenden Menschen können wir wie Jakob Gottes Angesicht ahnen (1.Mose 33,10). In seiner alles überstrahlenden Herrlichkeit kann Gottes Angesicht Menschen aber auch an den Rand ihres Lebens führen (2.Mose 33,20), weil unser eigenes Leben so wenig Glanz hat.
Dass ein strahlendes Gesicht stark im Kontakt ist, wirkungsvoll, indem das von ihm angesehene Gesicht sich nun auch aufhellt, das kennen wir von vielen Begegnungen mit freundlichen Menschen. Auch darum bitten wir, dass Gottes Angesicht uns leuchtet und erleuchtet, wenn es dunkel ist, die Vielen, die seufzen und fragen. Nicht nur die Pandemie, auch das Licht von Weihnachten nehmen wir vom alten mit ins neue Jahr – und singen mit Jochen Kleppers Worten:
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld./ Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. / Bestrahlt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,/ von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
Ihnen und ihren Lieben ein gesundes neues Jahr und erste zuversichtliche Schritte aus den Wochen des Lockdowns wünscht Ihr Pastor
Karl Friedrich Ulrichs