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Monatsspruch für Februar vom 01.02.2021

Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind! (Lukas 10,20)

Es sind viele Namen, unglaublich viele Namen. Aber der Himmel ist ja auch unglaublich weit. Man muss lange suchen, bis man ein paar Bekannte findet, aber man findet sie. Ich finde die Namen „Angelika  Rutenborn“, „Jean Henrion“, und „Tom Day“, Namen von Menschen, die schon gestorben sind, aber auch die Namen „Hans Guerlin“, „Hannelore Hasse“ und „Sara Lindemann“, Namen von Menschen, die noch munter sind. Ich entdecke die Namen „Christian Stäblein“ ohne „Doktor“ und „Bischof“ und „Ulrike Trautwein“, deren langer Titel „Generalsuperintendentin“ auch fehlt und Platz für mindestens drei weitere Namen macht.
Ich suche nach weiteren Namen. Im Computer kann man berühmte Namen googlen, im Himmel muss man lange suchen und sich durchfragen: „Wo finde ich Calvin?“ Doch dann denke ich an den Theologen Karl Barth und suche zuerst nach „Mozart“ und „Bach“, weil Barth einmal gesagt hat, dass er das auch so machen würde, wenn er in den Himmel kommt. Ich suche die Liste mit den Komponistennamen. Die gibt es nicht. Ich suche die Liste mit den Theologennamen. Die gibt es auch nicht. Nach langer Suche stoße ich auf die Namen von Päpsten und Politikern, von Musikern und Schauspielern. Aber ihre Namen sind nicht nebeneinander aufgeschrieben. Das ist ein Chaos im Himmel, es scheint dort keine Ordnung zu geben. Weder nach Berühmtheit, noch nach Metier, noch alphabetisch. Auch die Religionen und Konfessionen sind bunt gemischt, eine Christin neben einem Atheisten, ein Muslim neben einer Jüdin.
Plötzlich muss ich mir die Augen reiben: da steht „Donald Trump“ geschrieben: Das hätte jetzt nicht sein müssen, denke ich, diesen Namen wollte ich nicht mehr lesen müssen. Ich beruhige mich sogleich, weil sein Name nicht an erster Stelle steht. Steht „Melania Trump“ neben ihm? Nein, neben ihm steht „Maria“, deren Nachnamen spanisch klingt, aber erst im Himmel offen genannt werden kann, weil sie derzeit noch illegal in New York lebt und Angst vor Entdeckung und Abschiebung nach Mexiko hat. Leicht verärgert lese ich den Namen „Steve Bannon“ und frage mich, ob dieser Name im Himmel geschrieben steht, weil Trump seinen ehemaligen Berater in letzter Minute begnadigt hat. Doch mein Verdacht zerschlägt sich, als ich sehe, dass sein Name nicht in der Gesellschaft weißer, rechtsextremer Dumpfbacken steht, sondern neben dem von „Joan Baez“ zu stehen kommt, die ihr ganzes langes Leben Lieder gegen Krieg und Rassismus gesungen hat und auch im Himmel sicher nicht davon lassen wird.
Langsam dämmert mir, dass es im Himmel doch eine gewisse Ordnung gibt, in der die Namen aufgeschrieben wurden. Da hat sich einer was dabei gedacht! Ich suche fieberhaft nach meinem Namen. Und finde ihn! Ich freue mich, dass mein Name im Himmel geschrieben steht. Ein bisschen rot werde ich, als ich die Namen lese, die neben meinem Namen geschrieben stehen. In meine Freude fällt ein Tropfen Scham. Jürgen Kaiser