Zur Textversion

Monatsspruch für Dezember vom 01.12.2019

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50,10)

Biblische Worte reden oft in Metaphern, benutzen Bildworte, die womöglich heute nicht mehr allen verständlich sind. So bezieht sich der Ausdruck „im Dunkel leben“ nicht auf die Helligkeit in einem Raum, sondern bezeichnet eine innere Befindlichkeit des Menschen, einen Gemütszustand, eine Seelenlage. „Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet“, der ist verzweifelt oder hat Angst oder ist traurig oder einsam, hat keine Hoffnung mehr oder ist verbittert. Es genügt also nicht, das Licht anzuschalten oder eine Kerze anzuzünden, um diesen unglücklichen Zustand zu beenden.
Statt dessen soll man sich auf Gott verlassen. Gott ist der, der diese unglücklichen Zustände ändern kann. Verzweifelten gibt er Hoffnung, Traurige tröstet er, Verbitterte macht er freundlich und den Einsamen steht er bei. Kann man sich darauf verlassen, dass Gott das wirklich tun wird?
Damit man einem Menschen vertrauen und sich auf ihn verlassen kann, muss man ihn kennen. Menschen werden mit ihrem Namen gekannt und bezeichnet. Menschen, die wir besser kennen und mit denen wir vertraut sind, nennen wir mit ihrem Vornamen. Den meisten Menschen, die wir mit Vornamen nennen, vertrauen wir, weil wir sie kennen.
Auch Gott hat einen Namen. Damit wir uns auf ihn verlassen und ihm vertrauen können, hat er uns seinen Namen gegeben. Doch dann haben wir uns abgewöhnt, Gott bei seinem Namen zu nennen. Obwohl dieser Eigenname Gottes in der Bibel fast 7000 mal steht, lesen die Juden immer adonaj, das heißt „mein Herr“. Fast alle unsere Bibeln übersetzen auch „Herr“. Oft sagt man, das sei so in Gebrauch gekommen, um das dritte Gebot zu halten und den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Bevor man in die Gefahr gerät, ihn zu missbrauchen, gebraucht man ihn sicherheitshalber gar nicht mehr. Wissenschaftler nennen noch einen anderen Grund: Zu Zeiten, als es noch von vielen Göttern wimmelte, brauchten sie einen Namen, um sie unterscheiden zu können. Als sich aber der Monotheismus durchgesetzt habe, man also der Überzeugung war, dass es ohnehin nur einen einzigen Gott gibt, brauchte man keinen Namen mehr. Die Gattungsbezeichnung „Gott“ reichte aus.
Dass der Name Gottes bei aller Notwendigkeit, ihn zu heiligen, unaussprechbar geworden ist, ist schade. Gerade beim Beten fehlt mir eine vertraute und familiäre Anrede. „Gott“ und „Ewiger“ finde ich zu unpersönlich, „Vater“ ist zu männlich und „Herr“ darüber hinaus auch noch herrisch.
Die vier hebräischen Buchstaben jhwh, die wir nicht mehr als Name aussprechen, bilden keinen beliebigen Vornamen. In diesem Namen klingt das hebräische Verb „sein“ oder „dasein“ an. Der Name Gottes offenbart also schon das, was Gott sein will, nämlich ein Gott, der für uns dasein wird.
Jürgen Kaiser