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Monatsspruch für April vom 01.04.2021

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. (Kolosser 1,15)

Zu den ehrenvollsten Aufgaben des Pfarrers in meiner vorherigen Gemeinde in der Pfalz gehörte es, am Nikolaustag in einem roten Kostüm und mit langem, weißen Bart im Gemeindekindergarten zu erscheinen. Nachdem ich das einige Jahre gemacht hatte, kam eines Nikolaustags ein älteres Kindergartenmädchen auf mich zu und sagte vor allen anderen: „Du bist nicht der Nikolaus! Ich weiß, wer du bist.“ Nun ist meine Tarnung aufgeflogen, dachte ich, und da das Mädchen so überzeugt schien, versuchte ich erst gar nicht zu leugnen, sondern fragte frustriert: „Na dann: Wer bin ich?“ Ohne zu zögern antwortete sie: „Du bist der Gott!“
Da war ich doch einigermaßen überrascht. Immerhin hatte das Mädchen, das einen christlichen Kindergarten besuchte, schon ein Gespür dafür, dass unser Gott menschliche Züge trägt. Lediglich in der Zuordnung der menschlichen Züge hatte das Mädchen noch einen gewissen Bildungsbedarf: Nicht Nikolaus ist das Bild des unsichtbaren Gottes sondern Christus.
Wie Juden und Muslime glauben Christen an einen unsichtbaren Gott. Darüber hinaus glauben sie jedoch, dass Gott sich in dem Menschen Jesus Christus geoffenbart hat. Gott hat sich in ihm gezeigt, er identifiziert sich mit ihm und sagt: „Wenn ihr wissen wollt, wer ich bin und wie ich bin, schaut ihn an!“
Das zweite Gebot sagt, wir sollen uns keine Bilder von Gott machen. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir uns keine Götterbilder herstellen sollen (goldenes Kalb wie Israel in der Wüste oder Statuen schöner Frauen und Männer wie bei den alten Griechen), sondern wir sollen auch nicht versuchen, uns Gott in Gedanken vorzustellen. Folgt man der Linie des Bilderverbotes konsequent, wird Gott immer abstrakter und ist am Ende eine Art Schwarzes Loch, ein mysteriöses Kraftzentrum, das aber so weit weg ist, dass es für mein Leben hier und jetzt keine Bedeutung hat. An Gott glauben ist aber mehr, als irgendwo sehr weit weg ein Schwarzes Loch zu vermuten. An Gott glauben, heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben. Eine Beziehung aber braucht ein konkretes und lebendiges Gegenüber.
Deshalb hat Gott sich von Anfang an, also auch schon im Alten Testament, menschlich gezeigt. Er redet und schweigt, er freut sich und ist traurig, er lacht und zürnt, er liebt und ist enttäuscht und hört nicht auf zu lieben. Christen sehen diese menschliche Seite Gottes in Jesus Christus personifiziert wie in keinem anderen Menschen, weshalb sie sagen: Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes. Von Anfang an hatte Gott ihn im Blick und mit ihm die ganze zu versöhnende und zu erlösende Menschheit.
So faszinierend ich den Gedanken finde, dass Gott sich in dem konkreten Menschen Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, so sehr verstehe ich, dass diese auf die ganze Menschheit zielende Identifikation nicht für alle Menschen gleichermaßen „barrierefrei“ zugänglich ist. Denn Christus war ein weißer Mann. Warum ist ein weißer Mann Bild des unsichtbaren Gottes und nicht eine schwarze Frau oder ein asiatisch aussehendes Kind?
Gott ist in Christus Mensch geworden. Aber „den Menschen“ gibt es nicht. Es gibt nur einzelne konkrete Menschen. Die sind weiß oder schwarz oder braun, weiblich oder männlich oder divers. Christus ist nur ein Zwischenbild des unsichtbaren Gottes. Wir haben Gott erst gesehen, wenn wir ihn, Christus, in jedem einzelnen Menschen entdeckt haben. Nur einer ist Gott gewiss nicht: ein mit einem roten Mantel und weißem Bart verkleideter Pfarrer.
Jürgen Kaiser