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Dialogpredigt über Lk 24,13-32 (Pfrn. Waechter und Pfr. Kaiser) vom 22.09.2019

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Und da waren am selben Tag zwei von ihnen unterwegs zu einem Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Und sie redeten miteinander über all das, was vorgefallen war.

Und es geschah, während sie miteinander redeten und sich besprachen, dass Jesus selbst sich zu ihnen gesellte und sie begleitete. Doch ihre Augen waren gehalten, so dass sie ihn nicht erkannten. Er aber sagte zu ihnen: Was sind das für Worte, die ihr da unterwegs miteinander wechselt? Da blieben sie mit düsterer Miene stehen. Der eine aber, mit Namen Klopas, antwortete ihm: Du bist wohl der Einzige, der sich in Jerusalem aufhält und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen dort zugetragen hat. Und er sagte zu ihnen: Was denn? Sie sagten zu ihm: Das mit Jesus von Nazaret, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk, und wie unsere Hohen Priester und führenden Männer ihn ausgeliefert haben, damit er zum Tod verurteilt würde, und wie sie ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde; doch jetzt ist es schon drei Tage her, seit dies geschehen ist. Doch dann haben uns einige Frauen, die zu uns gehören, in Schrecken versetzt. Sie waren frühmorgens am Grab, und als sie den Leib nicht fanden, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gehabt, die gesagt hätten, er lebe. Da gingen einige der Unsrigen zum Grab und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn aber haben sie nicht gesehen.

Da sagte er zu ihnen: Wie unverständig seid ihr doch und trägen Herzens! Dass ihr nicht glaubt nach allem, was die Propheten gesagt haben! Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften über ihn steht.

Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als wolle er weitergehen. Doch sie bedrängten ihn und sagten: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt. Und er ging hinein und blieb bei ihnen. Und es geschah, als er sich mit ihnen zu Tisch gesetzt hatte, dass er das Brot nahm, den Lobpreis sprach, es brach und ihnen gab. Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Und schon war er nicht mehr zu sehen. Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete, als er uns die Schriften aufschloss?

 

Meike [am Pult]

Am Nordgiebel des Französischen Domes da gehen sie: drei Männer, mit langen Haaren, Wanderstöcken und kunstvoll gefalteten Gewändern auf dem Weg nach Emmaus. Ich habe sie mir angesehen und gedacht: diesen Männern brennt das Herz! Darüber möchte ich predigen. Ich sehe es ihnen nicht an, den drei langhaarigen Männern mit den Wanderstöcken. Und sie selbst haben es damals auch noch gar nicht gemerkt. Wie alle Kälte und Trauer aus ihren Körpern wich und wie die die Last von ihren Schultern genommen wurde. Sie haben gar nicht gemerkt, dass die Füße irgendwann nicht mehr schwer wie Blei waren, sondern sie leichtfüßig, ohne es zu merken, vorankamen, während dieser fremde Mann zu ihnen sprach. Erst hinterher, als er plötzlich weg war, fragten sie verwundert: war es nicht so, als würde ein Feuer in unseren Herzen brennen?

Notre cœur ne brulait-il pas au dedans des-nous?

La résurrection est une question ouverte. La question: Notre cœur ne brulait-il pas au dedans des-nous? Mon cœur brule parfois.

Mein Herz brennt auch, manchmal. Mein Herz brennt, wenn wir Gottesdienst feiern, mit vielen Menschen, jungen und alten, französisch- und deutschsprechenden und noch ganz anderen und wir uns trotz der unterschiedlichen Sprachen verstehen. Mein Herz brennt, wenn ich meine Hand ins Wasser des Taufbeckens senke und taufen darf. Mein Herz brennt bei schöner Musik, am meisten natürlich bei Orgelmusik hier in der Kirche! Mein Herz brennt, wenn die Konfirmanden auf einmal ganz still sind und beten. Mein Herz brennt, wenn die Kinder rennen und lachen. Mein Herz hat auch schon einmal am Schreibtisch gebrannt, als mir ein Licht aufging. Une foi mon cœur brulait en France, pendant un culte, quand nous étions dans une grande cercle en chantant « À toi la gloire » comme ici chez nous. Mein Herz brannte einmal, als mir ein Mann auf der Straße hinterherrief und ich dachte, was für ein Idiot, und er wieder rief und ich dann doch stehen blieb und er sagte: Sie sind doch die Pfarrerin, die meine Mutter vor einem Monat beerdigt hat. Das haben Sie so schön gemacht. Vielen Dank.

Und wann brennt Ihr Herz?

J’ai une question: Quand votre cœur brule?

Jürgen, wann brennt dein Herz?

 

Jürgen [auf der Kanzel]: Mal ne andere Frage: Warum bin ich eigentlich hier oben und du dort unten? Brennt dein Herz stärker, wenn du dort unten stehst?

 

Meike: Ja, stell dir vor, das ist hier unten tatsächlich anders als dort oben. Mein Herz brennt sicherlich nicht jedes Mal, wenn ich hier stehe, aber ich bin den anderen Herzen viel näher, die sich entflammen könnten. Das ist doch schön. Es ist ein bisschen wärmer. Und du da oben? Ist die Luft dort nicht ganz schön dünn? Ist es nicht ziemlich kalt, allein und weit weg von allen anderen?

Je me demande pourquoi il est en haut?

 

Jürgen: Nein, da warme Luft bekanntlich aufsteigt, ist es nicht kälter hier oben. Und ein bisschen Abstand von den anderen ist gar nicht schlecht. Natürlich will auch ich die Herzen der Menschen erreichen, die da unten sitzen und zuhören. Ja, vor allem die Herzen und nicht allein die Köpfe. Ich will sie berühren mit den Worten und nicht nur belehren oder ihnen etwas verständlich machen. Und gerade deshalb muss ich zunächst einmal Abstand nehmen von allem, was mich und uns im Alltag beschäftigt und davon abhält, zu den eigentlich bedeutenden Fragen und Antworten zu kommen. J’ai besoin de la distance des gens et des choses quotidiennes, pour trouver les paroles dans les textes. Ich muss den Kopf frei kriegen und der Weg hier hoch ist für mich ein bisschen ein Symbol dafür: Abstand gewinnen, frei werden vom alltäglichen Kleinkram, um in die Sphäre ganz anderer Fragen, ganz anderer Worte, ganz andere Texte eintreten zu können.

Die beiden Jünger mussten ja auch erst mal Abstand gewinnen. In der Gemeinde mit den anderen Jüngern herrschte Beklommenheit und Ratlosigkeit über das, was da mit Jesus geschehen war. Die Frauen hört am leeren Grab die schöne Frage: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (24,5) Aber die Jünger hörten nichts und die schöne Frage hielten sie für Geschwätz (24,11).

Immerhin zwei sagten sich: Wir müssen hier mal raus. Raus aus der Stadt, Abstand gewinnen, aufs Land. Nach Emmaus wandern, 11 km von Jerusalem entfernt. Emmaus kommt in der Bibel nur hier vor. Man weiß gar nicht, wo es liegt und um welchen Ort es sich gehandelt haben könnte. Vielleicht war es ja gar kein Dorf, sondern nur so ein Ausflugsziel für Städter mit Gasthaus, eine Art Kanzel, eine Stelle im Gebirge, etwas höher als Jerusalem mit einem guten Fernblick auf die Stadt.

Deux de ces disciples qui étaient triste dans la ville, prenaient une décision. On y va, sortir de la ville !

Am Ende des Tages, nachdem sie einen Weg gegangen waren und Jesus plötzlich bei ihnen war und ihnen die Schrift erklärte und dann plötzlich wieder weg war, da erinnerten sie sich, dass ihnen die Herzen brannten. Diese Erfahrung hätten sie nicht gemacht, wenn sie in der Stadt nahe bei den anderen geblieben wären. Willst du nicht doch zu mir raufkommen? …….

 

Meike: Dass man ab und zu Abstand gewinnen muss, das leuchtet mir sehr ein. Ich komme gerne mal hoch, aber nur, wenn du runterkommst. Je pense il faut que nous changions nos places. Du hast jetzt deinen Abstand gewonnen und kannst zurück auf die Erde kommen und ich darf mal ein bisschen von oben herabschauen.

 

Jürgen: O.k. [Wechsel]

 

Meike: Vielleicht fällt dir auch noch eine Antwort auf meine Frage ein: Wann brennt denn dein Herz?

 

Jürgen [Pult]: Lass mich erst mal richtig runterkommen und meinen Platz finden.

Jetzt bin hier unten. Ja, wann brannte mein Herz? Also wenn ich die ganzen Leute hier so vor mir sehe und an die ganze Arbeit denke, die ich jetzt erst mal alleine machen muss, dann fühl ich mich jetzt schon ganz ausgebrannt. Burn-out. Doch das wird nicht passieren. Wir werden das gemeinsam gut meistern. Umso wichtiger ist deine Frage. Denn um nicht auszubrennen, muss man wissen, wofür man brennt.

Vielleicht sollte ich doch schnell wieder hoch kommen auf die Kanzel zu meinen Texten. Denn bei denen brennt mein Herz. Diese tollen alten Texte, wie den, den du für heute ausgesucht hast. Du liest ihn und entdeckst dich darin, ich lese ihn und entdecke mich darin. Und die Frage: Wo brennt dein Herz? Ja, da brennt es, wenn ich so was entdecke, wenn ich uns darin entdecke – uns alle, jeder kommt irgendwo in diesen Texten vor. Und wenn wir uns entdeckt haben, dann erkennen wir uns selbst und auch alle anderen in einem anderen Licht: in einem milden und freundlichen Abendlicht, einem Licht, das von Gottes freundlichem, milden und nachsichtigen Angesicht auf uns scheint. Da oben sehe ich dieses Licht besser auf uns scheinen. Voici ma réponse: Mon cœur brule, quand je me trouve dans les textes bibliques, je trouve moi et toi, je trouve tout le monde. Ce sont des découvertes qui me font heureux. Et par cela je reçois une vue, un regard différent aux gens dans la lumière d’un Dieu doux et indulgent.

 

Meike [Kanzel]: Nun habe ich noch eine Frage an dich. Wir haben festgestellt, dass unsere Herzen brennen, warm werden und entflammen. Aber woher wissen wir, dass unsere Herzenswärme mit der Wärme der beiden Männer in Emmaus vergleichbar ist? Est-ce que tu connais la différence entre un feu d’ordinaire est un feu de résurrection? Woher wissen wir, dass wir durch unsere Herzenswärme etwas von der Auferstehung Christi verstehen? Woher wissen wir, ob Christus neben uns den Weg entlanggegangen ist oder vielleicht jemand ganz anderes?

 

Jürgen: Ich glaube, das wissen wir nie. Aber ich weiß, wir können es glauben. Wir spüren es. Das ist ein Gefühl. Schleiermacher nannte den Glauben ein Gefühl, Luther Gewissheit, das unumstößliche Wissen des Herzens. Die Gewissheit, dass es Jesus war, hatten die Jünger in dem Moment, als er weg war. Die Abwesenden sind oft anwesender als die Anwesenden. Über Abwesende spricht man intensiver als über Anwesende. Aber eben sprechen muss man. Miteinander und sich austauschen. Was die beiden Jünger erkannt haben, haben sie ja nur erkannt, weil sie sich erstens auf den Weg gemacht haben, um Abstand zu gewinnen, und zweitens, weil sie zu zweit waren und miteinander sprechen konnten.

Also Meike, wir müssen im Gespräch bleiben. Ich komm hoch zu dir.

 

Meike: Nein, Non! Du hast recht, solange ich noch anwesend bin, wollen wir miteinander sprechen. Aber nicht da oben. Wir treffen uns am Abendmahlstisch!

 

Jürgen: o.k.

[beide treffen sich hinter dem Abendmahlstisch]

Jürgen: Ist das jetzt ein fauler Kompromiss?

 

Meike: Pas du tout! Ganz und gar nicht. Am Abendmahlstisch saß Jesus mit den beiden Jünger, dankte Gott, brach das Brot und daran erkannten sie ihn. Der Abendmahlstisch ist ein verheißungsvoller Ort und kein Kompromiss.

Jürgen: Das Wort will nahrhaft sein und, was gesagt wird, soll auch schmecken.

Meike: Seht und schmecket, wie freundlich der Herr ist! Gottes Wort ist süßer als Honig.

Jürgen: Manchmal ist es auch scharf - wie ein zweischneidiges Schwert.

Meike: Und manchmal salzig. Damit wir mit ihm Salz der Erde sind.

Jürgen: Und das Wort ward Fleisch. Aber das schmeckt heute vielen nicht mehr.

Meike: Iss gut, Jürgen, fang jetzt nicht noch eine neue Predigt an! Du wirst jetzt sehr oft da hochsteigen und dir Gedanken machen können z.B. über die Schwierigkeit des Glaubens an Jesus Christus in den Zeiten von Vegetarismus und Veganertum.

Jürgen: Ja, du hast recht, für heute waren wir ja schon beim Dessert.

[packt ein Mürbegebäck „flammendes Herz“ aus]

Weißt du, wie das heißt? … Flammendes Herz. Das schenk es dir. …

Du brauchst nicht rot zu werden. Es ist nur ein Keks. Wir sind reformiert!

Du hast das letzte Wort.

Meike: Amen.