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Predigt zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 11.11.2018

Predigt zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs

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Nach diesen Begebenheiten stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sprach: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, Isaak, und geh in das Land Morija und bring ihn dort als Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nennen werde. Am andern Morgen früh sattelte Abraham seinen Esel und nahm mit sich seine beiden Knechte und seinen Sohn Isaak. Er spaltete Holz für das Brandopfer, machte sich auf und ging an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte. Am dritten Tag blickte Abraham auf und sah die Stätte von ferne. Da sprach Abraham zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel, ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir zu euch zurückkommen. Dann nahm Abraham das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er sprach: Hier bin ich, mein Sohn. Er sprach: Sieh, hier ist das Feuer und das Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham sprach: Gott selbst wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. So gingen die beiden miteinander. Und sie kamen an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte, und Abraham baute dort den Altar und schichtete das Holz auf. Dann fesselte er seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus und ergriff das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Bote des HERRN vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Er sprach: Hier bin ich. Er sprach: Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts, denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, da du mir deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten hast. Und Abraham blickte auf und sah hin, sieh, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar an Stelle seines Sohns. Und Abraham nannte jene Stätte: Der-HERR-sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg, wo der HERR sich sehen lässt. Und der Bote des HERRN rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel her und sprach: Ich schwöre bei mir selbst, Spruch des HERRN: Weil du das getan und deinen Sohn, deinen Einzigen, mir nicht vorenthalten hast, sei gewiss: Ich will dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde in Besitz nehmen. Mit deinen Nachkommen werden sich Segen wünschen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.

(1. Mose 22,1-18)

 

Wilfred Owen, The parable of the old man and the young

So Abram rose, and clave the wood, and went,
And took the fire with him, and a knife.
And as they sojourned both of them together,
Isaac the first-born spake and said: My Father,
Behold the preparations. fire and iron;
But where the lamb for this burnt-offering?
Then Abram bound the youth with belts and straps,
And builded parapets and trenches there,
And stretched forth the knife to slay his son.

When lot an angel called him out of heaven,
Saying, Lay not thy hand upon the lad,
Neither do anything to him. Behold,
A ram, caught in a thicket by its horns;
Offer the Ram of Pride instead of him.
But the old man would not so, but slew his son, -
And half the seed of Europe, one by one.

 

Es war viel vom Opfern die Rede, liebe Gemeinde.

Im Krieg werden Menschen getötet. Soll das viele Gerede vom Opfern dem Töten einen Sinn geben?

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Pfarrer August Kopp glaubte 1914, wir müssten unsere Söhne auf dem Altar des Vaterlandes opfern. Dann werde uns Gott belohnen und zu einem großen Volk machen. Vier Jahre später waren 20 Millionen Söhne auf diesem Altar geschlachtet und Gott war immer noch nicht mit uns.

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Deutschland und Frankreich, die beiden großen, die sich so nahe sind, wie Brüder, wie ein Zwilling, die Erstgeborenen Europas, in Liebe und Hass, in Bewunderung und Neid, wie Kain und Abel, wie Jakob und Esau.

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Das erste Kriegsopfer in der Bibel heißt Abel. Er wurde von seinem Bruder getötet. Aus Neid. Der entzündete sich am Opfer. Beide Brüder opferten, beide gaben ihr Bestes. Doch nur das Opfer des Einen schien akzeptiert, der andere fühlte sich benachteiligt. Und erklärte seinem Bruder den Krieg, überfiel ihn, erschlug ihn, erschoss ihn, zerfetzte ihn, vergiftete und vergaste ihn.

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Sie opferten ihre Söhne auf dem Altar des Vaterlandes wie einst Abraham, predigte August Kopp. Wie einst Gott den Gehorsam Abrahams belohnte, so würde Gott auch unseren Gehorsam belohnen.

Aber was der Prediger Kopp nicht gesehen hat und was sie alle damals nicht gesehen haben außer einem, ist, dass es noch einen zweiten Gehorsam gab.

Mir ist das auch erst aufgefallen, weil mir neulich in der Philharmonie ein Gedicht des einen zu Ohren und vor die Augen gekommen ist, dem es damals schon aufgefallen war.

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Wilfred Owen fiel am 4. November 1918, genau eine Woche vor dem Waffenstillstand. An diesem 11 November 1918 erfuhr seine Mutter vom Tod ihres Sohnes. Er war erst 25 Jahre alt.

Wilfred Owen hat nicht nur für die Briten in Frankreich gekämpft sondern auch Gedichte über den Krieg geschrieben. Eine neue Form der Kriegslyrik, drastische Gedichte, die nicht den Krieg heroisierten sondern aussprachen, was er war: ein Schlachten.

Owens Nachdichtung der Erzählung von Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern sollte, hat Benjamin Britten in sein War-Requiem aufgenommen.

In der biblischen Erzählung gibt es einen doppelten Gehorsam Abrahams. Zuerst gehorchte Abraham, als Gott ihm befahl, seinen Sohn zu opfern. Das zweite Mal gehorchte Abraham, als Gott ihm befahl, seinen Sohn nicht zu opfern, sondern den Widder an seiner Statt zu nehmen.

In Owens Gedicht verweigert Abraham den zweiten Gehorsam und folgt stur dem ersten Befehl. Er zieht es durch, er folgt seiner eignen Agenda. Er nimmt den Ersatz nicht an, er akzeptiert Gottes Lösung nicht, die Erlösung vom Opferzwang gefällt ihm nicht. Der alte Mann will den Helden spielen, koste es, was es wolle. Er ist bereit, seinen Sohn zu schlachten und nun tut er es auch. Und mit ihm die „halbe Saat Europas, einen nach dem anderen.“

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Gott will keine Opfer. Von Anfang an wollte er sie nicht. Keine Menschenopfer und die anderen auch nicht.

Doch es half nicht. Es wurde weiter geopfert. Die Priester im Tempel opferten ihre Widder, die Könige der Völker ihre Soldaten, die Kaiser der Reiche ihre Armeen.

Man hörte nicht auf Gott. Auch nicht, als die Priester, Könige und Kaiser Christen geworden waren. Auch nicht, als den Christen gesagt wurde: Der Tod des Christus am Kreuz ist ein Opfer, das Gott uns dargebracht hat. Ein für allemal sollt ihr hören und begreifen, dass Gott sagt: „Ich bin versöhnt mit euch. Ich brauche eure Opfer nicht und mag sie nicht!“ Doch es half nichts. Auch Christen opferten weiter ihre Söhne. Und die Prediger predigten über Abraham, den vorbildlich gehorsamen Opfermeister. Und die Söhne wurden geschlachtet und die Widder blieben am Leben.

***

Haben wir Deutschen ein besonderes Problem mit dem Opfern und dem Ungehorsam, weil uns alles immer ein Opfer ist? Weil wir nicht wie die anderen unterscheiden können zwischen den sacrifices und den victimes? Die Toten der Kriege, die Toten des Verkehrs, die Toten einer Epidemie, die Toten des Fortschritts, sind uns alle ein Opfer. Heilig irgendwie, geheiligt durch den Tod. Sie müssen doch zu was gut sein, sie können doch nicht sinnlos gewesen sein. Noch Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer will einen Sinn in ihnen sehen und sei es nur der, die Unterschiede zwischen Menschen aufzuheben, zwischen Nationen und Rassen, zwischen Deutschen und Franzosen.

Aber es gibt keinen Sinn. Kein Menschenopfer ist notwendig, kein Menschenopfer ist sinnvoll. Man hätte sich auch ohne all die Toten vertragen können. Man hätte auch ohne all das Töten erkennen können, dass es alles Menschen sind, nur Menschen. Kain musste Abel nicht erschlagen. Um nichts in der Welt und auch um nicht außerhalb der Welt.

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Und nun ist seit bald 75 Jahren Frieden. Ein Friede so lange und so gründlich wie er davor nie gewesen ist. Wenn früher mal Friede war, war er die Abwesenheit von Krieg. Aber in Europa scheint eine Saat endlich aufgegangen zu sein. Der Krieg scheint ausgerottet wie die Pest. Er lauert nicht mehr hinterm Schlagbaum, wartete nicht mehr in der nächsten Woche auf seine Opfer. Weder fällt die Kavallerie in der Schweiz ein, um unser Geld zu holen, noch fallen Bomben auf Engelland, um den Brexit zu bestrafen. Krieg ist in Europa keine Option mehr. Versöhnung, ist diese Saat endlich aufgegangen in Europa? Wir haben guten Grund, es zu glauben.

Und die beiden Erstgeborenen Europas, die Deutschen und die Franzosen, lieben sie sich endlich wieder? Ja, ich glaube, das tun sie. Gott sei Dank!

Amen.