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Predigt üer Sach 8,20-23 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 05.08.2018

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Reise nach Jerusalem. Kennen Sie das noch, liebe Gemeinde? Zehn Kinder hopsen um Stühle herum, die in ihrer Mitte stehen. Aus einem Kassettenrekorder kommt ein Kinderlied. Mutter drückt die Stopp-Taste. Abrupt hört die Musik auf. Die Kinder stürzen auf die Stühle, ein Kind findet keinen Stuhl, denn in der Mitte waren nur neun Stühle. Mutter drückt die Start-Taste, die Kinder stehen auf und hopsen wieder um die Stühle, außer dem einen Kind am Rand, das nicht mehr mitspielen darf. Mutter entfernt einen Stuhl aus der Mitte, drückt die Stopp-Taste, neuen Kinder stürzen auf acht Stühle, und so weiter, bis am Ende zwei Kinder um einen Stuhl wetteifern.

Reise nach Jerusalem, hieß das Spiel bei uns. Kein Mensch weiß genau, warum das Spiel so heißt. Vielleicht, weil der Platz in den Auswandererschiffen nach Israel begrenzt war. Nicht jeder, der nach der Shoa ins gelobte Land wollte, bekam einen Platz. Anderswo heißt es Reise nach Rom oder ganz prosaisch Stuhltanz oder Stuhlpolonaise.

Reise nach Jerusalem. Das gibt es auch in der Bibel. Nicht als ein Kinderspiel, sondern als Vision und Verheißung, als ein Traum und als ein Versprechen. Die Theologen nennen das Motiv „Völkerwallfahrt zum Zion“. Ich lese das in einer Fassung, die im Buch des Propheten Sacharja steht.

So spricht der Herr Zebaoth: Es werden noch Völker kommen und Bürger vieler Städte, und die Bürger der einen Stadt werden zur andern gehen und sagen: Lasst uns gehen, den Herrn anzuflehen und zu suchen den Herrn Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. So werden viele Völker und mächtige Nationen kommen, den Herrn Zebaoth in Jerusalem zu suchen und den Herrn anzuflehen.

So spricht der Herr Zebaoth: Zu jener Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Völker einen jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.

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Reise nach Jerusalem. Am Rockzipfel eines Juden, der nach Jerusalem reist, hängen zehn Heiden und reisen mit. Sie ziehen mit ihm nach Jerusalem, sie wollen auch den Gott Israels anzubeten, den Herrn Zebaoth.

Reise nach Jerusalem. Wie viel Platz ist in Jerusalem? Genug für alle Juden und zehnmal mehr Heiden?

Nein, in Jerusalem ist nicht genug Platz für alle. Das ist die Antwort der Geschichte und die Geschichte spielt immer noch ihr Spiel. Es gibt nicht genug Stühle in Jerusalem, nicht jede kann sich dort niederlassen, dort beim Herrn Zebaoth.

Römer reisten nach Jerusalem, um den Tempel zu zerstören nach einem ersten Aufstand der Juden gegen die römischen Besatzer 70 n.Chr., und noch einmal, um nach einem zweiten Aufstand 135 n. Chr. die Juden aus Jerusalem zu vertreiben. Die Christen reisten mit Kreuz und Schwert nach Jerusalem, um die Muslime zu vertreiben oder zu schlachten, denn in Jerusalem sollte nur Platz für Christen sein, es war ja die Stadt, in der Christus gekreuzigt wurde. Dann wurden die Christen wieder von den Muslimen vertrieben. Später kamen die Christen zurück und noch später kamen auch die Juden zurück. Heute leben sie alle in Jerusalem, die Juden und die Christen und die Muslime, nicht so friedlich wie man sich das wünscht und man fragt sich, ob die Israelis irgendwann alle Muslime aus Jerusalem vertreiben. Ich glaube nicht, dass sie das jemals tun werden. Und die Christen werden sie auch nicht vertreiben.

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Reise nach Jerusalem – heute am Israelsonntag. Der 10. Sonntag nach Trinitatis, immer wenn es am heißesten ist, steht das Thema Kirche und Israel, Christentum und Judentum, Altes und Neues Testament an. Das ist ein heißes Thema. In keinem anderen Bereich der Theologie wurde so gründlich neu justiert wie in diesem. Es war nötig. Die Shoa ließ uns danach fragen, ob der Antisemitismus in theologischen Fehlentscheidungen wurzelt. Ja, tut er. Diese gab es und sie waren uralt, fast schon biblisch. Es gibt Stellen im Neuen Testament, die lassen sich zur Überzeugung ausbauen, die Juden seien zwar Gottes erwähltes, dann aber zugunsten der Christen wieder verworfenes Volk. Nun könne man nur noch durch Christus zu Gott kommen und das gelte für alle, auch für die Juden.

Es gibt andere Stellen, die finden wir heute richtiger, schlüssiger, zukunftsfähiger. Die Juden sind und bleiben Gottes erwähltes Volk. Wir Heiden kommen durch Christus in die Verheißungen für Israel mit hinein. Was die Juden direkt und ohne Christus von Gott bekommen, erhalten wir durch Christus: die Gotteskindschaft. Durch Christus werden auch wir Kinder des einen Gottes – wie die Juden.

Reise nach Jerusalem – und Christus fährt mit. Und Mohammed fährt mit. Am Rockzipfel eines Juden hängen 5 Christen und 5 Muslime. Die Völkerwallfahrt zum Zion. Mehr noch: Die Religionswallfahrt zum Herrn Zebaoth.

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Reise nach Jerusalem. Dort liegt der Schlüssel. Der Schlüssel zum Frieden liegt in Jerusalem. Kein anderer Ort auf der Welt ist für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen heilig. Hier müssen sie lernen, miteinander zu leben. Doch ich predige jetzt nicht die Predigt von der Toleranz. Wir bleiben beim Lied von der Völkerwallfahrt zum Zion.

Toleranz ist nicht nur mittlerweile ein ausgeleiertes Wort. Es ist von seinem Ursprung her auch kein ermutigender Begriff. Toleranz ist die Haltung, mit der ich etwas ertrage und erdulde, was eben nicht zu ändern ist, oder zur Zeit nicht zu ändern ist. Toleranz war das Ergebnis des 30-jährigen Kriegs, der vor 400 Jahren begann. Er brachte unendlich viel Leid und Zerstörung und kein Ergebnis. Da weder die Katholiken über die Protestanten siegten noch umgekehrt, konnte der Waffenstillstand nur erreicht werden, indem die Katholiken es ertrugen, dass es weiterhin Protestanten gab und umgekehrt. Es hat weitere über 300 Jahre gedauert, bis aus dem „schade, dass es euch noch gibt, aber nicht zu ändern“ ein „gut, dass es euch gibt, wir wollen das gar nicht ändern“ wurde. Allerdings offiziell und lehramtlich sagt das die römisch katholische Kirche immer noch nicht.

Nein, ich fürchte, er Schlüssel zum Frieden ist nicht die Toleranz. Ein Begriff, der nur widerwillig auf die Welt kam und nur halbherzig Karriere gemacht hat, kann keine Vision entfalten. Das Beste, was er zu bieten hat, ist, dass man den anderen in Ruhe lässt, weil er einem egal ist. Und genau das ist es ja, was wir nicht wollen können. Dass die in religiöser Hinsicht tolerantesten Gesellschaften das nur deshalb sind, weil den meisten Religion egal ist.

Der Schlüssel zum Schalom ist also nicht die Toleranz, sondern etwas anderes. Dieses andere aber ist eine kühne Vorstellung.

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Reise nach Jerusalem. Mit einem Juden kommen zehn andere aus den Völkern, zehn Nichtjuden dorthin – um anzubeten. Sie beten alle den einen Gott an. Und das ist nicht ein über den drei Religionen stehender Gott oder einer hinter ihnen sich verbergender Gott, sondern es ist der Herr Zebaoth, es ist der Gott Israels.

Reise nach Jerusalem, Reise zum Gott Israels. Sollte das der Schlüssel zum Schalom sein? Christen kommen und pilgern nicht mehr durch die Via Dolorosa zur Grabeskirche, sondern gehen auf den Tempelberg – gern mit Umhängekreuz – und beten den Herrn Zebaoth an. Muslime kommen und bewachen nicht mehr misstrauisch den Tempelberg, sondern beten auf ihm den Gott Israels an. Und die Juden beten nicht mehr unten an der Klagemauer, sondern loben oben auf dem Tempelberg den Herrn Zebaoth.

Es ist eine Utopie, liebe Gemeinde. Es ist etwas, was nach der Bedeutung des Wortes Utopie in dieser Welt keinen Platz findet. Reise nach Jerusalem. Immer ist da ein Stuhl zu wenig. Kein Platz für Utopien. Kein Platz für alle.

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Aber gerade der Gott Israels macht aus Utopien Orte der Verheißung. Sacharja ruft: So spricht der Herr Zebaoth: Selbst wenn das dem Rest dieses Volkes in dieser Zeit unmöglich scheint, sollte es darum auch mir unmöglich scheinen? (Sach 8,6)

Dieser Herr Zebaoth ist ein Gott der Ermöglichung. Ein Gott, der aus Utopien Verheißungen macht und aus Verheißungen Erfüllungen, ein Gott, der die Toten lebendig macht, ein Gott, der das Kleine groß macht und das Große klein, der Gewalten, Mächte und Throne stürzt und für die Verachteten immer einen freien Stuhl neben sich hat, neben dem Auferweckten zu seiner Rechten.

Aus Utopien macht der Herr Zebaoth Verheißungen, die er mit langem Atem erfüllt.

Es hat lange gedauert und er hat uns verschlungene Wege geführt, bis wir Christen erkannt haben, dass der Vater Jesu Christi immer noch der Gott Israels ist, bis wir erkannt haben, wohin uns das eigentlich führt, wenn wir uns vorgenommen haben, Jesus nachzufolgen. Es ist nichts anderes, als dass wir uns an den Rockzipfel eines Juden hängen und mit ihm nach Jerusalem ziehen, um den Herrn Zebaoth anzubeten. Es ist der Gott Israels, der Herr Zebaoth, zu dem wir beten, wenn wir beten: „Unser Vater, geheiligt werde dein Name!“

So ganz utopisch ist die Vision des Propheten Sacharja nicht. Wir Christen werden bald bereit sein zur Reise nach Jerusalem, und sind es teilweise schon, um dort den Gott Israels anzubeten, weil wir gehört haben, dass Gott mit den Juden ist – immer noch.

Und die Muslime? Ob auch sie sich irgendwann an den Rockzipfel eines Juden hängen und mit ihm zusammen auf dem Tempelberg, auf dem Zion den Herrn Zebaoth anbeten werden? Muslime müssten Zionisten werden. Das scheint derzeit noch ganz und gar utopisch. Aber hätte vor 1800 Jahren oder vor 800 Jahren oder vor 80 Jahren jemand geglaubt, dass wir Christen einmal dazu in der Lage wären?

Der Herr Zebaoth ist ein Meister der Ermöglichung. Selbst wenn das dem Rest dieses Volkes in dieser Zeit unmöglich scheint, sollte es darum auch mir unmöglich scheinen?, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 8,6)

Vielleicht werden irgendwann mit Gottes langem Atem, vielleicht in 80, vielleicht in 800, vielleicht in 1800 Jahren Muslime mit den Juden nach Jerusalem reisen, um dort den Herrn Zebaoth anzubeten, den Gott Israels, der der Gott aller ist. Vielleicht werden die Juden den Berg nicht mehr Zion nennen, sondern nur „den heiligen Berg“. Auch das wird bei Sacharja verheißen.

So spricht der Herr: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem »Stadt der Treue« heißen soll und der Berg des Herrn Zebaoth »heiliger Berg«.

Und dann heißt es weiter:

So spricht der Herr Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen. (Sach 8,3-5)

Und was spielen die Knaben und die Mädchen dort auf den Plätzen der Stadt, wo es genügend Stühle gibt für die Alten, die dort sitzen, was werden sie spielen, die Kinder jüdischer und christlicher und muslimischer Eltern? Sie spielen Reise nach Jerusalem, aber umgekehrt: Immer, wenn die Musik aufhört zu spielen, finden alle Kinder einen Platz und immer ist noch einer frei – für den Propheten, wenn er kommt und mitspielt, heiße er nun Elia oder Christus oder Mohammed.

Amen.