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Predigt Über Röm 15,4-13 (Pfrn. M. Waechter) vom 16.12.2018

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4 Und alles, was die Schrift sagt und was doch schon vor langer Zeit niedergeschrieben wurde, sagt sie unseretwegen. Wir sind es, die daraus lernen sollen; wir sollen durch ihre Aussagen ermutigt werden, damit wir unbeirrbar durchhalten, bis sich unsere Hoffnung erfüllt.

5 Denn von Gott kommt alle Ermutigung und alle Kraft, um durchzuhalten. Er helfe euch, Jesus Christus zum Maßstab für euren Umgang miteinander zu nehmen und euch vom gemeinsamen Ziel bestimmen zu lassen.

6 Gott möchte, dass ihr ihn alle einmütig und mit voller Übereinstimmung preist, ihn, den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.

7 Darum ehrt Gott, indem ihr einander annehmt, wie Christus euch angenommen hat.

8 Ich spreche davon, dass ´Christus sowohl für das jüdische Volk als auch für die anderen Völker gekommen ist`. Er ist ein Diener derer geworden, die beschnitten sind, ´ein Diener der Juden,` um die Zusagen, die Gott ihren Stammvätern gegeben hatte, einzulösen und damit die Treue Gottes und die Wahrheit seines Wortes unter Beweis zu stellen.

9 Aber auch die anderen Völker preisen Gott, weil sie ´durch Christus` sein Erbarmen erfahren haben. Das bestätigt die Schrift. Es heißt an einer Stelle: »Darum will ich mich vor den Völkern zu dir bekennen; zum Ruhm deines Namens will ich dir Loblieder singen.«

10 An einer anderen Stelle heißt es: »Stimmt mit ein, ihr Völker, in den Jubel seines Volkes!«

11 Wieder an einer anderen Stelle heißt es: »Lobt den Herrn, all ihr Völker! Alle Nationen sollen ihn preisen.«

12 Und Jesaja sagt: »´Bald` wird er da sein, der Spross, der aus der Wurzel des Isai hervorwächst; er wird sich erheben, um die Herrschaft über die Völker auszuüben. Auf ihn werden die Völker hoffen.«

13 Darum ist es mein Wunsch, dass Gott, die Quelle aller Hoffnung, euch in eurem Glauben volle Freude und vollen Frieden schenkt, damit eure Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes immer unerschütterlicher wird.

Liebe Gemeinde,

da auf dem Tisch in der Mitte liegt die Bibel. Normalerweise anders herum, so dass schon beim Reingehen in die Kirche, der Blick auf die geöffnete Bibel fällt. Die Kirche wurde für die Bibel und um sie herum gebaut. Sie liegt ihm Zentrum. Sie ist unser Zentrum. Sie leitet uns durch das  Jahr.  Um sie herum versammeln wir uns jeden Sonntag. Um sie herum gestaltet sich das Leben der Gemeinde. Wir spazieren durch die Texte, hören Worte, die uns fremd sind und andere, die uns zu Herzen gehen. Einige Verse sammeln wir als Tauf- und Konfirmationssprüche und sie begleiten uns durch unser Leben. Jedes Jahr im Advent, singen wir dieselben alten Lieder, hören die vertrauten Melodien und lesen Worte der Verheißung in der Bibel:

Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht.

Tröstet, tröstet mein Volk!

Siehe, dein König kommt, ein Gerechter und ein Helfer.

Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen, .. und auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht. … Er wird Frieden und Gerechtigkeit bringen, dass Lamm und Wolf beieinander liegen.

Der Advent ist jedes Jahr erfüllt von diesen Worten. Sie stehen dann im Zentrum: Christus kommt zu uns in die Welt, ein Licht in der Dunkelheit, der Trost der Welt, Frieden auf Erden.

Paulus ging nicht in eine Kirche hinein, um in der Bibel zu lesen. Er hatte keine Bibel zuhause im Regal stehen und auch keine Reisebibel im Gepäck, wenn er unterwegs war. Aber in den Worten der Schrift- die wir heute Altes oder Erstes Testament nennen – war er zuhause. Er trug die Schrift mit sich wie eine zweite Haut. Durch sie nahm er die Welt wahr. Die Worte der Schrift hüllten ihn ein. Er trug sie um sich, wie einen wärmenden Mantel. Die Worte der Schrift erklären ihm, wer Jesus ist:  Jesus ist der Christus, er ist von Gott gesandt, er ist Sohn Gottes, er ist Diener der Menschen.

Paulus geriet in einen Konflikt. Dabei ging es um die Frage: Für wen ist Jesus Christus zu Welt gekommen? Für die Juden oder auch für andere Völker, die sog. Heiden?  Paulus musste die Antwort auf diese Frage nur aus seinem großen wärmenden Mantel, aus dem Ärmel schütteln. Er wird nicht müde, immer und immer wieder zu wiederholen: dass ´Christus sowohl für das jüdische Volk als auch für die anderen Völker gekommen ist`. So steht es doch schon in der Schrift geschrieben: »Darum will ich mich vor den Völkern zu dir bekennen; zum Ruhm deines Namens will ich dir Loblieder singen.«, »Stimmt mit ein, ihr Völker, in den Jubel seines Volkes!«; »Lobt den Herrn, all ihr Völker! Alle Nationen sollen ihn preisen

Paulus hört gar nicht mehr damit auf, die Schrift zu zitieren. Dazu muss er nicht lange blättern, in keinem Register suchen, das Inhaltsverzeichnis befragen. Paulus trägt die Schrift wie eine zweite Haut. Sie hüllt ihn ein, sie wärmt ihn und gibt Antworten auf die Fragen des Lebens. Für ihn gibt es diesen Konflikt gar nicht. Das Lob des Gottes Israels durch alle Völker ist so selbstverständlich wie der Aufgang der Sonne am Morgen.

Die anderen Völker, die sog. Heiden, das sind übrigens wir. Wir, die wir nicht als Jüdinnen oder Juden geboren wurden. Wir dürfen einstimmen in den Jubel seines Volkes und Gott loben. Ja, auch wir werden angesprochen, werden eingeladen und von Christus angenommen. Wir dürfen auf die Worte der Schrift hören und sie ins Zentrum stellen. Jetzt im Advent sind es Worte wie diese:

Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht.   

Tröstet, tröstet mein Volk!

Siehe, dein König kommt, ein Gerechter und ein Helfer

Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen, .. und auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht. … Er wird Frieden und Gerechtigkeit bringen, dass Lamm und Wolf beieinander liegen.

Paulus trägt die Worte der Heiligen Schrift wie eine zweite Haut und er erkennt: Christus kommt in die Welt wie ein Licht in der Dunkelheit, er ist der Trost der Welt und bringt Frieden auf Erden. Die alten Verheißungen der Schrift, werden durch Jesus bekräftigt. Sie sind durch ihn nicht abgehakt oder ein für alle Mal erfüllt, sondern ihre Bedeutung erneuert und vertieft sich durch Jesus. Gott schenkt diese Verheißungen, die schon dem Volk Israel gehören, allen Völker und der ganzen Welt. Diese Worte, dieses Vertrauen, dieser Glaube hüllen Paulus ein. Er trägt sie um sich, wie einen wärmenden Mantel.

Ja, aber – magst du einwenden. Frieden auf Erden? Wolf und Lamm, die beieinander liegen?  Das gibt es doch nicht. Und die Finsternis ist doch immer noch sehr finster und Gewalt und Krieg überall. Schau dich doch um, was in Straßburg passiert ist, Menschen wurden auf einem Weihnachtsmarkt getötet, wie vor zwei Jahren in Berlin. Und die schrecklichen Kriege im Jemen oder in der Ukraine. Und, soll ich noch mehr aufzählen? Die Liste ist lang, viel zu lang. Von wegen – Frieden auf Erden.

Ja, richtig. Das ist wahr. Noch sind die Verheißungen nicht erfüllt. Sie bestehen fort. Sie harren noch der Erfüllung. Jesus hat sie aufgenommen und bestätigt. Er hat sie ins Zentrum seiner Verkündigung gestellt und sie mit Leben gefüllt.

Und jetzt im Advent nehmen wir sie auf und bestätigen sie. Wir lesen und singen und beten. Wir stellen sie ins Zentrum und versuchen sie mit Leben zu füllen. Wir harren aus in der Dunkelheit, weil wir wissen, dass ein Licht für uns scheint. Und wir harren aus und wissen, dass Gott uns trösten will. Wir harren aus und halten fest an den Worten vom Frieden und der Freude. Halten an ihnen fest, all dem Schrecken in der Welt zum Trotz!

Paulus trägt die Schrift wie eine zweite Haut, wie einen wärmenden Mantel. Er sagt, die Schrift wurde unseretwegen geschrieben. Wir sollen durch sie lernen.

Da liegt sie. Da in der Mitte auf dem Tisch. Es ist unsere Bibel, unsere Schrift. Sie wurde für uns geschrieben. Wir können tatsächlich viel daraus lernen, über das Leben damals, wie die Leute dachten, wer die Könige waren, welche Maße der Tempel hatte und wie die Vorväter von Jesus Christus hießen. Aber ist es das, was wir lernen sollen? Geht es darum, Paulus?

Nein, darum geht es nicht. Paulus meint, dass wir ganz andere Dinge durch die Schrift lernen können, keine Fakten und kein Wissen, sondern wir können Mut und Hoffnung lernen, Frieden und Freude.

Wie geht das?

Paulus hat sich eingehüllt in die Schrift. Wie eine zweite Haut trug er sie auf dem Körper, wie einen wärmenden Mantel. Die Worte der Hoffnung und des Mutes, die Worte des Friedens und der Freude, sie waren ihm ganz nah und erfüllten sein Herz.

Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht.

Tröstet, tröstet mein Volk!

Siehe, dein König kommt, ein Gerechter und ein Helfer.

Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen, .. und auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht. … Er wird Frieden und Gerechtigkeit bringen, dass Lamm und Wolf beieinander liegen.

Ich glaube, es geht. Ich glaube, wir können mit der Bibel Mut und Hoffnung, Frieden und Freude lernen oder wir können uns Mut und Hoffnung, Frieden und Freude schenken lassen. Die Bibel wurde für uns geschrieben. Wir werden angesprochen, wir werden eingeladen, wir werden von Christus angenommen und wir dürfen auf die Worte der Schrift hören.

Christus hat uns angenommen. Dich und mich und uns. Wir gehören zu ihm. Gott kommt zu uns in die Welt, in die Dunkelheit, um uns zu trösten.

Diese Worte und dieses Vertrauen hüllen uns ein und wärmen uns, gerade wenn es um uns herum dunkel und kalt ist, sie hüllen uns ein wie ein wärmender Mantel.

Amen