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Predigt über Röm 12,9-16 (Pfrn. M. Waechter) vom 20.01.2019

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Die Liebe, Liebe Gemeinde, soll echt sein!

Jesus geht zu einer Hochzeit in Kana (Joh 2, 1-11). Jesus hält eine Rede für das Brautpaar: Eure Liebe soll echt sein! Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.

Sie wundern sich? Zurecht. Davon hat der Evangelist Johannes gar nichts erzählt. Jesus geht zu einer Hochzeit in Kana. Richtig. Aber für Johannes ist nicht wichtig, was Jesus zum Brautpaar gesagt hat. Ob er überhaupt etwas gesagt hat. Das Brautpaar ist nicht wichtig. Jesus ist wichtig. Und deshalb erzählt Johannes, wie Jesus zu einer Hochzeit geht, wie er gemeinsam mit seiner Mutter unter den Gästen sitzt. Er erzählt, dass der Wein zur Neige geht und Jesus die Diener bittet, die großen Steinkrüge mit Wasser zu füllen. Als der Speisemeister das Wasser kostet, hat es sich in Wein verwandelt. Dieses erste Wunder Jesu ist wichtig für Johannes. Es ist ein Wunder der Freude, Wunder für Genießer, ein Wunder des Überflusses und ein Wunder, das von der Herrlichkeit Gottes erzählt.

Wir sehen das Brautpaar nicht. Ist sie schön geschmückt? Klopft ihm das Herz? Schauen sie einander an?  Wir können dem Brautpaar nicht beim Tanzen zusehen. Und doch ist dieses abwesende Brautpaar wichtig, ebenso die vielen Gäste, das wunderbare Essen, der köstliche Wein, die herrliche Musik, die ausgelassene, fröhliche Stimmung. Stellen sie sich vor, Jesus hätte das Wasser bei einer anderen Gelegenheit in Wein verwandelt. In einer Schenke mit Männern, die gerne zusammen trinken… Nein, ich will es mir gar nicht vorstellen. 

Jesus feiert eine Hochzeit in Kana, ein Fest der Liebe, mit vielen Menschen, jungen und alten, Männern und Frauen, ein Fest der Freude. Diese Hochzeit ist das Bild für Jesu Gegenwart.

Wie schön leuchtet der Morgenstern… So haben wir gesungen. … du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen (EG 70).

Philipp Nicolai, der Autor dieser Zeilen, besingt sein Liebe zu Jesus Christus. Tief und innig ist sie. Und das beste Bild, das er für seine Liebe findet, ist das Bild des Brautpaares. Jesus selbst ist sein Bräutigam. Jesus selbst ist der Bräutigam der Braut Kirche. Wir stimmen ein in Philipp Nicolais Gesang … du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen und Jesus selbst wird zu unser aller Bräutigam. - Was für eine ungewöhnliche Hochzeit!

Die Liebe soll echt sein!

Paulus war nicht dabei, damals in Kana. Aber Paulus tanzt auf Jesu Hochzeit. Sein Leben ist die Feier von Jesu Gegenwart. Er schreibt an die Römer und hält dabei die Rede, die Jesus auf der Hochzeit in Kana nicht gehalten hat. Er hält die Rede für Philipp Nicolais Hochzeit, der Jesus Christus heiratet. Und er hält die Hochzeitsrede für uns alle. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns Braut Christi nennen.

So, setzen wir uns gemeinsam mit Philipp Nicolai an die lange geschmückte Hochzeitsfesttafel, lassen die Musik verstummen und hören auf Paulus:

9 Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.

15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Die Liebe soll echt sein!

Da sitze ich beim Hochzeitsfest an der langen geschmückten Tafel und lausche den Reden. Und ich merke, dass ein und dieselbe Rede ganz unterschiedliche Empfindungen bei mir auslösen kann.

Spricht Paulus mit schriller Stimme und erhobenen Zeigefinger? Das kann ich kaum ertragen. All diese Imperative. Seid fröhlich, nehmt einander an, segnet, freut euch, weint! Diese Ermahnungen. Sie kommen mir vor wie ein einziger Vorwurf. Was ich zwischen den Zeilen höre, ist:  Du taugst nichts. Du machst alles falsch. Du hast nichts gelernt. So lang ist die Liste, der Dinge, an die ich dich erinnern muss. Dir muss man sogar sagen, dass du das Böse hassen sollst.

Da sitze ich beim Hochzeitsfest an der langen geschmückten Tafel und lausche den Reden. Spricht Paulus einfühlsam und aufmunternd? Ja, das tut er. Ich kann ihm in allem zustimmen. Ja, so möchte ich leben, so voller ehrlicher Liebe. Doch das ist schwer:  fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Und am schwierigsten ist wohl dies: segnet, die euch verfolgen; segnet und verflucht sie nicht. Es tut gut, diese Herausforderungen aufmunternd zugesprochen zu bekommen. Es tut gut, sich zu vergewissern. Es tut gut, sich in Verbundenheit mit anderen zu wissen, die so leben wollen. Denn ich schaue rechts und links und da sitzen ja noch viele andere an der langen geschmückten Tafel. Ich bin nicht allein.  

Da sitze ich beim Hochzeitsfest an der langen geschmückten Tafel und lausche den Reden. Ich schaue nach rechts und links, da sitzen noch andere, viele, viele. Und ich möchte, dass alle, ja, dass die ganze Welt zuhört.  Denn ich glaube, was Paulus hier sagt, ist die Basis für ein gutes, friedliches Miteinander der Menschen, ja, der Menschheit, und nicht nur der Christinnen und Christen. Ich möchte, dass alle Menschen sich diese Worte zu Eigen machen.

Im Moment erscheint mir das wieder ganz besonders nötig. Denn ich muss ja nur die Zeitung aufschlagen und lese jeden Tag davon, dass die Welt ganz anders ist, dass die Menschen ganz anders miteinander umgehen. Suchen Sie sich aus, an welchen Konflikt im In- oder Ausland sie denken mögen: Da wird das Böse wird nicht verabscheut, sondern gelebt. Menschen gehen nicht herzlich miteinander um und kommen dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. Sie nehmen sich der Nöte der Menschen nicht an und üben keine Gastfreundschaft. Und niemand segnet die Verfolger oder Feinde oder Gegner oder die, die anderer Meinung sind. Das Bestreben eines Sinnes untereinander zu sein, ist sehr gering. Und all die selbsternannten Besserwisser, die sich selbst für die Klügsten halten.

Die Liebe soll echt sein!

Paulus schreibt diese Rede an die Römer. Es ist seine tiefste Überzeugung, dass ein Leben, gelebt aus echter Liebe, Gott entspricht. Dass dieses Leben Antwort auf Gottes Verbindung mit der Welt und auf Gottes Gegenwart ist. Dass das, das richtige Leben der Braut Christi ist.

Da sitze ich beim Hochzeitsfest an der langen geschmückten Tafel und habe zwei Wünsche. Bei einer Hochzeit darf man sich etwas wünschen. Ich wünsche mir von Jesus Christus, unserem Bräutigam, einmal natürlich, dass er das Wasser in den großen Steinkrügen in Wein verwandelt. Das wäre schön. Aber viel wichtiger ist mein anderer Wunsch: dass er die Herzen aus Stein erweicht, all derjenigen, die sich selbst für klug halten und all derjenigen, an die wir eben denken mussten. Ich wünsche mir, dass sie aufmunternd und einfühlsam erinnert werden: Die Liebe soll echt sein! Ist das nicht etwas, was alle Menschen tief im Herzen wissen?

Das sind meine Wünsche. Und dann fordere ich Paulus zum Tanzen auf. Denn ich glaube, er hat keine schrille Stimme und keinen erhobenen Zeigefinger. Nein, er ist aufmunternd und einfühlsam und mitreißend. Und ich glaube, er ist fröhlich. Sein Leben ist die Feier von Gottes Gegenwart. Und dann freue ich mich mit diesem Fröhlichen.

Amen