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Predigt über Röm 1,1-7 (Pfrn. M. Waechter) vom 26.12.2018

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Liebe Gemeinde,

ich betrachte unseren Erdball in den Weiten des Universums. Mit google maps ist das möglich, einfach zuhause auf dem Bildschirm. Eine grün, blau, sandig-braune Kugel im schwarzen All. Ich kann sogar die Grenzen der Länder sehen, feine weiße Linien. Die sind für die Astronauten auf der ISS nicht sichtbar. Mit ein paar Mausklicks kann ich die Erde drehen und sie von allen Seiten betrachten. Spielball Erde. Es ist eine faszinierende Perspektive. Dann gebe ich den Namen einer Stadt in die Suchleiste ein: Bethlehem.  Ich drücke auf enter und der Blick aus dem All zoomt heran, immer näher und näher.  Aus den weiten des Raumes kommend, nähert sich der Blick dem heiligen Ort. Die Kontinente verschwinden, nur noch die Nachbarländer, dann die Nachbarorte sind zu sehen, bis ich schließlich die Straßennamen von Bethlehem lesen kann, und dort ist ein Hinweis für Touristen: die Geburtskirche.

Astronauten können die Erde tatsächlich vom Weltraum aus betrachten und nicht nur auf dem Bildschirm wie ich. Und einer von ihnen soll gesagt haben, als der dort war, in den Weiten des Alls, habe er Gott dort im Himmel nicht gesehen. Das hatte wohl auch ernsthaft niemand erwartet. Und doch spiegelt sich in vielen unserer Gottesbilder und metaphorischen Umschreibungen genau dieser weite Blick auf die ganze Erde wider: Gott als Schöpfer von Himmel und Erde, Gott der Allmächtige, Gott dessen Thron im Himmel steht, Gott, der die ganze Welt in seinen Händen hält, Gott, der regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Gott ist überall, er ist unendlich und zeitlos. Gott, der größer ist als all unser Verstehen, unsere Vernunft und all unsere Gedanken. Gott, der sich nicht in Worte fassen lässt.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott diese seine Weite und Macht, seine Energie und Unendlichkeit an einem Punkt zusammenzieht. Seine Ewigkeit verbindet sich mit der Zeit. Gott konzentriert sich auf einen Punkt. Er begibt sich mitten hinein in die Welt, auf die Erde, unter die Menschen, an einen Ort. Er existiert nicht nur jenseits der Welt, sondern verknüpft sich mit einem einzigen Menschen: Jesus Christus. 

Dem Evangelisten Lukas sind Ort und Zeit der Konkretisierung Gottes so wichtig, dass er eine kleine Geschichte da herum komponiert. Jesus kommt nicht einfach in Nazareth zur Welt, wo seine Eltern wohnten.  Nein, sondern in Bethlehem, wie es in den alten Verheißungen geschrieben wurde. Deshalb müssen seine Eltern zur Schätzung nach Bethlehem aufbrechen, zur Zeit als Quirinius Landpfleger in Syrien war. Lukas vergisst auch diese Zeitangabe nicht. Doch nicht nur das. Lukas legt den Fokus auf die genauen Umstände von Jesu Geburt: Maria und Josef finden keinen Raum in der Herberge. Sie kommen in einem Stall unter.  Engel erscheinen den Hirten auf dem Feld und verkünden die frohe Botschaft der Geburt Jesu. Lukas geht tief ins Detail. Er zoomt hinein mitten ins Geburtsgeschehen. Je konkreter desto besser.

Matthäus wählt eine andere Perspektive. Ja, auch bei ihm kommt Jesus in Bethlehem zur Welt. Aber nicht die Hirten sind die ersten Besucher an der Krippe. Und es ist ja auch keine Krippe bei Matthäus. Weise aus dem Morgenland bringen königliche Geschenke und beten das kleine neugeborene Kind an. Matthäus zoomt heran und zeigt: Jesus kam göttlich und königlich zur Welt.

Paulus stellt seinen Focus nicht auf Jesu Kindheit ein. Soweit muss er nicht vordringen. Aber zwei weihnachtliche Gedanken sind ihm doch wichtig: Er widmet sich der Verknüpfung, die zwischen Gott und Jesus entstanden ist, dem Knoten, der die beiden verbindet. Diese Verbindung, Verknüpfung, Verknotung ist so eng, dass er sie Vater und Sohn nennt. Das andere, das ihm ebenso wichtig ist: Jesus nicht vom Himmel gefallen ist, er ist nicht mit Gottvater vom Himmel gekommen. Er kam nicht aus dem Weltall herangezoomt. Ganz und gar nicht. Er ist ein echter Mensch. Seine Vorfahren sind tief im jüdischen Volk verankert. Die Vorfahren sind bekannt, sie tragen Namen. Einer ist der König David. Jesu Wurzeln reichen tief in die Erde hinein. Beides – Gott der zur Welt kommt in Jesus, Jesus der ein Nachkomme Davids ist – sind weihnachtliche Gedanken, die Paulus an den Anfang seines Römerbriefes stellt. An den Anfang, in dem er sich selbst der noch unbekannten Gemeinde vorstellt:

11 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes,

2 das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift,

3 von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch,

4 der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten – Jesus Christus, unserm Herrn.

5 Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden,

6 zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.

7 An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

An Weihnachten feiern wir, dass Gott seine Weite und Macht, seine Energie und Unendlichkeit an einem Punkt zusammenzieht. Seine Ewigkeit verbindet sich mit der Zeit. Gott konzentriert sich auf einen Punkt. Er begibt sich mitten hinein in die Welt, auf die Erde, unter die Menschen, an einen Ort. Er existiert nicht nur jenseits der Welt, sondern verknüpft sich mit einem einzigen Menschen: Jesus Christus.   Gott hat sich in Jesus mit der Welt verbunden.

Aber es ist nicht das erste Mal das Gott das tut. Ich wage zu sagen, dass es eine Eigenschaft dieses unseres Gottes ist, den wir als den beschreiben, der im Himmel thront und die Welt in seinen Händen hält und von Ewigkeit zu Ewigkeit regiert. Er verknüpft und verbindet sich mit dieser Welt. Mit seinem Volk Israel. Mit Mose. Mit den Propheten. Jesus, der Sohn, steht in einer Tradition.  Verbunden und verknotet mit Verknüpfungen, die vor ihm geschahen.

Gott bewegt sich. Er kommt aus der Weite ins Konkrete. Er verknüpft sich mit einem Ort, mit einer Person. Aber die Bewegung bleibt dann nicht stehen. Der Knoten wird nicht fest gezogen, so dass sich in ihm nichts mehr bewegt. Die Bewegung Gottes nimmt eine neue Richtung auf. Paulus selber ist der beste Beweis dafür. Denn er steht nicht als außenstehender Betrachter da und schaut sich diese Bewegung an. Er schaut nicht wie ich auf einen Bildschirm und stellt sich vor, wie Gott gezielt einen Punkt auf der Erde fixiert und dort konkret wird. Nein, Paulus verbindet sich, verknüpft, verknotet sich selbst mit diesem entstandenen Knoten aus Gottvater und Sohn Christus. Er bindet sich selbst an Jesus Christus. Dieser Knoten bindet ihn nicht fest, sondern setzt ihn in Bewegung. Wie eine lange Schnur, die an einem Ende angebunden ist, aber am anderen Ende länger und länger wird. Paulus wird ein Apostel.

5 Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden,

Die Bewegung geht nicht zurück in den Himmel, nicht zurück zu den Wurzeln, zu David, die Bewegung treibt Paulus über die Erde, zu den Menschen, Juden wie auch Heiden, um von diesem Gott, der all unser Verstehen und Denken übersteigt, zu erzählen. Um zu erzählen von Gott, der sich mit einem Menschen und damit mit allen Menschen verbunden hat, der in einem Menschen allen Menschen nahekommt und uns darin seine Zuwendung und Gnade erweist. Überfließend von dieser Erkenntnis und diesem Glauben macht er sich auf den Weg, nach Korinth, nach Galatien, nach Thessaloniki, bis nach Rom. Immer weiter und weiter.

An diesem Punkt unterscheiden sich Lukas und Matthäus nicht von Paulus. Auch sie haben sich mit Jesus Christus verknüpft. Auch sie wurden in Bewegung gesetzt. Auch sie wollten anderen Menschen von diesem bewegenden Gott erzählen, der sich mit einem Menschen und damit mit allen Menschen verbunden hat, der in einem Menschen allen Menschen nahekommt und uns darin seine Zuwendung und Gnade erweist. Lukas und Matthäus sind nicht umhergereist wie Paulus. Sie haben keine Briefe, sondern Evangelien geschrieben. Aber diese haben dieselbe Wirkung gehabt. Ihre Evangelien wurden gelesen und weitergegeben und haben sich verbreitet über die Erde. Immer weiter und weiter.

Und nun sind wir dran. Wollen wir Anteil haben an ihm, an der Bewegung Gottes, die weit entfernt, irgendwo und irgendwann – was unseren Verstand übersteigt – begonnen hat und immer wieder neu erfahrbar wurde? Verknüpfen wir uns mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes? Wer an Weihnachten in den Gottesdienst geht, der hat sein Fühler schon ausgestreckt. Da ist eine Verbindung, fest oder locker. Hält sie auch während des restlichen Jahres? Dem bewegenden Gott ist das zuzutrauen.

Ich möchte mit den Worten des Paulus schließen, die er damals an die Gemeinde in Rom gerichtet hat, die wir heute so lesen als seien sie auch an uns gerichtet. Weil die Bewegung bis zu uns weitergegangen ist. So fest ist dieser lockere Knoten.

7 An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Berlin: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Amen