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Predigt über Ps 146 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 02.09.2018

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1 Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele! /

2 Ich will den Herrn loben, solange ich lebe,

und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten;

sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, / und er muss wieder zu Erde werden;

dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,

der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat,

das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, /

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,

der die Hungrigen speiset. Der Herr macht die Gefangenen frei.

8 Der Herr macht die Blinden sehend. Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der Herr liebt die Gerechten.

9 Der Herr behütet die Fremdlinge / und erhält Waisen und Witwen;

aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der Herr ist König ewiglich,

dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

 

Liebe Gemeinde,

was ist das höchste Gebot? Wir werden das jeden Sonntag gefragt und jeden Sonntag antwortet Jesus: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. (Mt 22,37).

Was aber, so frage ich heute, ist das schönste Gebot? Halleluja. Halleluja ist das schönste Gebot. Halleluja heißt übersetzt: „Lobet den Herrn!“, ist also tatsächlich ein Gebot, ein Aufruf, grammatisch ein Imperativ. Liebe den Herrn, ist das oberste Gebot. Lobe den Herrn ist das schönste Gebot.

Welches kommt zuerst und welches danach? Erst das Lieben und dann das Loben? Wer Gott liebt, wird ihn loben. Klar. Aber das mit der Liebe ist ja oft so eine schwierige Sache, weil wir Menschen oft so schwierig und kompliziert sind und alles so schwer nehmen und kompliziert machen. Deshalb verrate ich euch ein Geheimnis: Es geht fast besser umgekehrt: Erst Loben dann Lieben. Wer Gott lobt, wird ihn lieben lernen.

Darum lehren uns die Psalmen nicht das Lieben, sondern das Loben. Viele von ihnen fangen mit dem Ruf Halleluja an, manche hören auch damit auf. Aber dabei bleiben sie ja nicht. Es ist eben nicht damit getan, nur Halleluja zu singen, immer nur zu singen: Lobet den Herrn. Man muss ja irgendwann anfangen, ihn auch selbst zu loben und das geht nicht anders als zu sagen, was er uns Gutes und Großes getan hat.

Gott loben, indem man erzählt, was er alles getan hat und tut für uns, das macht uns der Wochenpsalm vor. Wir haben diesen 146 Psalm gemeinsam gebetet. Es ist der einzige Psalm, von dem es gleich drei verschiedene Liedfassungen jedenfalls in unserem reformierten Gesangbuch gibt, nämlich die Fassung aus dem Genfer Psalter, die wie die meisten daraus von Jorissen ist, dann eine Fassung von Johann Daniel Herrnschmidt, eines Schülers August Hermann Franckes und späteren Mitdirektors der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo es sich bekanntlich am besten Halle-luja singen lässt. Und dann die bekannteste Fassung von Paul Gerhardt, „Du, meine Seele singe“.

***

Dass alle drei Fassungen 8 Strophen haben, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Besieht man sich den Psalm näher, erscheint diese Aufteilung fast zwangsläufig. Besonders nahe sind sich die Nachdichtungen von Jorissen und Herrnschmidt. Die 1. Str. variiert den Halleluja-Ruf, den Aufruf zum Lobe Gottes.

Die 2. Str. stellt den Unterschied zwischen den menschlichen Regenten und dem Regenten und König Gott heraus. Gott ist verlässlich, die menschlichen Fürsten sind es nicht.

Die 3. Str. preist die Treue Gottes, indem sie auf den Gott Jakobs verweist. Obgleich dieser Jakob ein Betrüger war, hielt Gott ihm die Treue. Im Unterschied zu Jorissen stellt Herrnschmidt dem Gott Jakobs Jesus Christus zur Seite, der sich freilich im Psalm nicht findet, zumindest nicht namentlich. Damit erweist sich die Fassung von Jorissen als die, die den Psalm am treusten nachdichtet, die anderen beiden nehmen sich mehr dichterische Freiheit.

Dann kommt im Psalm ab Vers 6 (Rückseite des Blatts) eine Art Liste, eine Tatenaufzählung, die anmutet wie eine Liste der Werke der Barmherzigkeit. Aber es sind nicht sieben sondern zehn, vor allem sind es keine barmherzigen Werke der Menschen, sondern die Taten der Barmherzigkeit Gottes, die sein Lob begründen.

Er ist der Schöpfer, der Himmel und Erde, das Meer und alles gemacht hat. Er ist ewig treu. Er schafft Recht denen, die Unrecht leiden. Er speist die Hungrigen, eines der klassischen Werke der Barmherzigkeit. Er macht die Gefangenen frei. Das entsprechende Werk der Barmherzigkeit verlangen von uns zwar keine Gefangenenbefreiung, wohl aber den Besuch der Gefangenen. Der Herr macht die Blinden sehend. Er richtet auf. Er liebt die Gerechten. Er behütet die Fremden. Die Aufnahme der Fremden ist auch eines der Werke der Barmherzigkeit. Und zehntens behütet er die Witwen und die Waisen. Zu den klassischen Werken der Barmherzigkeit gehören noch, den Durstigen zu trinken geben, Nackte kleiden, die Kranken besuchen und die Toten begraben.

Die zehn Wohltaten, um derentwillen der 146. Psalm Gott preist, werden bei Herrnschmidt auf 3 Strophen, bei Jorissen auf 4 und bei Gerhardt auf 5 Strophen verteilt.

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Wenn man die etwas freier Nachdichtung von Paul Gerhardt, wie wir sie aus dem Gesangbuch kennen und schon oft gesungen haben, mit dem Psalm vergleicht, fällt auf, dass dort der Vers mit den Fürsten, auf die man sich nicht verlassen soll, fehlt. Das ist ja verräterisch, dacht ich. Paul Gerhardt kuscht vor den Fürsten, will ihnen nicht zu nahe kommen und sie kritisieren und hat deshalb diesen Psalmvers in seiner Dichtung ausgelassen. Doch eigentlich passt so ein Kuschen gar nicht zu Paul Gerhardt, der sich von seinem Fürsten nicht das Maul und das orthodox lutherische Gewissen verbieten ließ. Er wollte sich bekanntlich von seinem Fürsten keine Toleranz gegenüber den Reformierten gebieten lassen.

Tatsächlich hat Gerhardt die beiden Verse des Psalms, den 3. und 4., in seinem Lied aufgenommen, in zwei Strophen sogar, nur dass die aus irgendwelchen Gründen nicht im Gesangbuch gelandet sind. Vielleicht hatte die Gesangbuchkommission mehr Respekt vor den Fürsten als Pauls Gerhardt. Ich habe die ausgelassenen Strophen auf dem Liedblatt ohne Strophenziffer aufgenommen. Die beiden nie gesungenen Strophen des bekannten Liedes wollen wir jetzt singen.

Ihr Menschen lasst euch lehren, / Es wird euch nützlich sein!

Lasst euch doch nicht betören! / Die Welt mit ihrem Schein:

Verlasse sich ja keiner  / Auf Fürsten, Macht und Gunst,

Weil sie wie unsereiner / Nichts sein als nur ein Dunst.

Was Mensch ist, muss erblassen / Und sinken in den Tod:

Er muss den Geist auslassen, / Selbst werden Erd und Kot.

Allda ist’s denn geschehen / Mit seinem klugen Rat,

Und ist frei klar zu sehen, / Wie schwach sei Menschen Tat.

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Verlasst euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

Obwohl es bei uns keine Fürsten mehr gibt, spricht mich von allen Versen des Psalms dieser am meisten an. Gemeint sind hier nicht adlige Blaublüter, sondern die Regierenden, die heißen heute Politiker. Verlasst euch nicht auf die Politiker! Ich sehe, wie viele mit den Köpfen nicken. Nicht nur in Chemnitz.

Schürt der Psalm die Politikverdrossenheit? Spricht er denen aus der Seele, die kein Vertrauen mehr in die Demokratie haben, die alle Politiker für Fürsten halten, die nur ihrem Ansehen, ihrer Karriere, ihren Privilegien oder ihrem Bankkonto dienen und nicht mehr dem Volk?

Da würde man den Psalm gründlich missverstehen. Wenn der Psalm davor warnt, sich auf die Regierenden zu verlassen, dann nicht deshalb, weil sie korrupt und opportunistisch wären, sondern schlichte deshalb, weil sie Menschen sind. Sterbliche Menschen. Politiker sind Menschen und keine Götter. Sie verfügen deshalb nicht über die Gabe, in die Zukunft zu sehen und doch erwarten wir von ihnen Visionen. Sie haben nur zwei Ohren und doch sollen sie auf 80 Millionen Menschen gleichzeitig hören. Wer an Politiker Erwartungen heranträgt, die nur Gott erfüllen kann, wird enttäuscht werden. Ist die Wut auf die Politiker bei manchen vielleicht deshalb so groß, weil sie zu viel von ihnen erwarten?

Ich habe den Eindruck, dass viele gar nicht mehr verstehen, was Demokratie ist. Sie meinen, das sei die absolute Herrschaft des Volkes. Und Politiker seien Erfüllungsgehilfen eines vermeintlichen Volkswillens.

Demokratie ist aber, dass durch einen durch Parteien und Wahlen geregelten Willensbildungsprozess vom Volk legitimierte Herrschaft dadurch ausgeübt wird, dass Gesetze erlassen werden, die sich in ein ganzes Rechtsgefüge einordnen. An diese Gesetze sind alle gebunden, das Volk und die Politiker. Keiner, weder das Volk, noch die Politiker, können machen, was sie wollen. Nur so gibt es menschliche Herrschaft in Recht und Gerechtigkeit. Nur so können sterbliche, d.h. in ihrem Denken und Erkennen begrenzte Menschen eine Gesellschaft so regieren, dass sie sich den Idealen von Recht und Gerechtigkeit annähert.

Die Mehrheit in unserem Land will, dass die Fremden ohne Bleibeperspektive, wie das heute heißt, schnell das Land verlassen. Die meisten Politiker versprechen ihnen das denn auch, wohl wissend, dass sie kaum halten können, was sie versprechen. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil eben auch sie an Gesetze gebunden sind. Niemand darf in ein Land abgeschoben werden, in dem ihm Folter oder Gewalt droht. Das ist ein Gesetz, das sich unmittelbar aus dem Grundsatz der Unantastbarkeit der Würde ableitet. Auch darf niemand ohne gültige Papiere, also ohne eine Rechtsgrundlage in ein anderes Land abgeschoben werden. Die Gesetze gelten für alle, auch für die Fremden, die bei uns sind, selbst für die, die sich selbst nicht an unsere Gesetze gehalten haben. Das ist oft eine Zumutung, aber es ist die Zumutung von Recht und Gerechtigkeit.

Der Herr behütet die Fremdlinge. In unserem Land ist der Herr dabei nicht allein, es sind auch unsere Gesetze, die die Fremden schützen. Und hoffentlich noch die Mehrheit der Menschen in unserem Land.

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Verlasst euch nicht auf Menschen. Politiker sind Menschen, das Volk sind Menschen. Keiner hat den Weitblick, absolute Macht ausüben zu können. Gott allein ist König. Und selbst er hat seine Macht gebunden an seine Verheißungen und an sein Wort. In der Treue zu seinem Wort, in der Treue zu dem, was gesagt ist und geschrieben steht, liegt Verlässlichkeit, der Grundsubstanz jeder Gemeinschaft.

Der Herr allein ist König. Unsere Unzulänglichkeiten, unsere Kurzsichtigkeiten wird er korrigieren. Er wird in die Irre führen die, die seinen Geboten widerstehen.

Was sind die obersten Gebote? Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.

Und was ist das schönste Gebot? Halleluja. Lobet den Herrn.

Das tun wir zum Schluss gemeinsam mit der letzten Strophe von Herrnschmidt: „Rühmet, ihr Menschen, den hohen Namen des, der so große Wunder tut. Alles, was Odem hat, rufe Amen.“

Amen.