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Predigt über Pred 3 (Dr. St. Krämer) vom 19.11.2016

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Liebe Gemeinde,
mögen Sie Ihren Kaffee im Gehen - "coffee to go"? Man sieht heute viele Menschen, die ihren Kaffee unterwegs - z.B. auf dem Weg zu Arbeit trinken. Das ist modern und praktisch und spart Zeit. Der "Coffee to go" ist für mich ein Sinnbild für unsere beschleunigte, geschäftige Gesellschaft.
Und in den vor uns liegenden Adventstagen wird es kaum eine Atempause geben. Die Zeit wird wie im Flug vergehen.Das wird für viele von uns eine Zeit voller Termine.
Da sind berufliche Verpflichtungen, die oft vor dem Jahresende zunehmen: Dienstreisen, Berichte, Jahresabschluss, letzte Projekte.
Und natürlich haben wir privat auch viel vor: Weihnachtsfeiern im Betrieb, im Kindergarten oder der Gemeinde, Geschenke müssen beschafft werden, Backen mit den Kindern, einen Baum aussuchen, Weihnachtssingen, der Chor gibt sein Konzert. Auf den Weihnachtsmarkt wollen wir auch noch.
All dies wollen wir schaffen. Wir füllen selbst unseren Terminkalender. Da kann man nur dankbar sein, wenn man anderswo Zeit spart wie, beim Kaffeetrinken.
Vor dem Advent liegt der morgige Totensonntag. Vielleicht ist das auch nur ein weiterer Termin in unserem Kalender, vielleicht auch nicht.
Doch der Totensonntag erinnert uns daran: Es gibt auch Menschen, die trauern. Für die vergeht die Zeit ganz anders. Sie vergeht nicht im Flug. Sie kriecht endlos langsam dahin. Die Dinge des Alltags werden nebensächlich.
Die Zeit der Trauer ist auch nicht selbst bestimmt. Sie überfällt einen.
Den Wechsel zwischen Zeiten, die wir bestimmen und Zeiten, die uns überfallen haben Menschen schon immer erfahren. Der Prediger aus dem Alten Testament formulierte das so:
Ich lese aus dem Buch Prediger 3,1-8.11-13

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 11 (Gott) hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Der Prediger scheint zweimal das Gleiche - mit jeweils in anderen Worten zu sagen. Doch bei genauem Lesen erkennen wir, dass sich beide Aussagen ergänzen: Ein jegliches hat seine Zeit -das gilt allgemein. Alles hat seine Zeit - auch das Unausweichliche, auch das von uns nicht Beeinflussbare.
Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde -
Alle Vorhaben unter dem Himmel, das ist unser menschliches Handeln hier auf Erden. Für unser Handeln gibt es eine rechte Zeit und eine falsche Zeit. In einer günstigen Stunde gelingt es und einer ungünstigen Stunde scheitert es. Die günstige Stunde zu fassen, das ist die Kunst.
Unter den genannten 14 Gegensätze sind dann auch Ereignisse, die wir nicht in der Hand haben, - Ganz offensichtlich - sterben hat seine Zeit. Diese Zeit, die auf uns zu kommt, wird uns am Totensonntag bewusst. Sterben ist ein Prozess, manchmal dauert er nur Stunden und manchmal Jahre. Es ist nicht nur der Moment des Todes. Sterbende spüren das kommende Ende ihrer Zeit. Einer kämpft dagegen an und kann die Situation nicht akzeptieren. Ein anderer fragt, wann ist es endlich vorbei? Beim Sterben wird uns unsere Endlichkeit offenbar. Unsere Zeit verrinnt.
Auch Trauer hat seine Zeit: Morgen wird im Französischen Dom unserer 13 im letzten Jahr verstorbenen Gemeindemitglieder gedacht und ihre Namen werden verlesen. Dort werden Menschen sein, für die die Trauer frisch ist. Trauer kann man nicht weglächeln. Sie braucht ihre Zeit.
Doch der Prediger nennet auch Zeiten in denen unserer Handeln gefragt ist. Ereignisse, die wir sehr wohl in der Hand haben Auch Trauernde können etwas tun. Der Prediger sagt: Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: - weinen hat seine Zeit, - klagen hat seine Zeit Weinen und Klagen gehörte für die alten Israeliten dazu. In für sie verzweifelten Situationen weinten und klagten sie. Es hilft den Gefühle freien Lauf zu lassen. Man kann auch im Gebet klagen. In unserer Kultur hat das wenig Tradition. Man wahrt die Fassung. Vielleicht geht uns dabei etwas verloren. Die alten Israeliten zerrissen ihre Kleider, wenn sie vom Schicksal geschlagen waren. Kleider waren damals viel wertvoller als heute. Man konnte nicht gleich neue kaufen. Die zerrissenen Kleider mussten nach der Trauer wieder zusammengenäht werden. Wenn der Prediger uns sagt:Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: - zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; dann sagt er: Trauern hat auch ein Ende. Das Leben geht weiter. Oft fällt es uns schwer mit der Traurigkeit Anderer umzugehen. Doch hier können wir etwas tun, wir können trösten. Wie das geht, sagt der Prediger: - herzen hat seine Zeit - schweigen hat seine Zeit, - reden hat seine Zeit; Den geschäftigen Alltag zu unterbrechen und sich auf die langsame Zeit der Traurigen einzulassen, kann viele ganz einfach Formen haben: - besuchen, - zuhören - vorlesen - singen - musizieren, - gemeinsam essen, - nur da sein und schweigen,
Und bei Sterbenden, den Pfarrer rufen wend das Ende kommt. Das ist Trost. Die Traurigen werden getröstet, durch uns! Es ist auch keine verlorene Zeit, das ist volle Zeit! Oft sind diese Begegnungen prägender als schöne Ereignisse aus unserem Alltag. Diese günstige Stunde zu erkennen, ist ein Glück. Und sich dann für diese Stunde - und gegen die - auch wichtigen Termine im Kalender zu entscheiden, ist eine Leistung Und wenn die Stunde verpasst ist, kommt sie nicht wieder.

In diesen ersten acht Versen spricht der Prediger nicht von Gott. Was er sagt, sind Erfahrungen, die alle Menschen machen, ob gläubig oder nicht. Das gilt allgemein. Doch der Prediger stellt die Frage, welchen Anteil hat Gott an der Zeit und an der Stunde und welchen Anteil haben die Menschen, haben wir. Seine Erkenntnis ist: Gott, hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Das sind fast die gleichen Wort, wie sie über die Schöpfung der Welt gesagt werden: Dort heißt es: Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Gott ist der Ursprung der Welt, er gibt auch die Zeit. - Er gibt uns unserer Zeit. - Er gibt auch die Zeit, die auf uns zukommt. Und wie es kommt, ist es gut. Aber Gott gibt aber auch die günstige Stunde zum Handeln. Über uns Menschen sagt der Prediger: auch hat Gott die Ewigkeit in die Herz der Menschen gelegt. Ewigkeit ist ein Merkmal Gottes und sie ist uns - in unser Herz gelegt. Wir können uns auf Gott einlassen. Er kann unserer Zeit ausfüllen. Unsere Zeit eilt und vergeht. Wenn wir uns nicht von der Zeit treiben lassen, sondern die von Gott gegebene Zeit nutzen, wird sie für uns und Andere zum Geschenk und - bleibt. Erkennen, was an der Zeit ist: Im Leben und im Sterben, in Lachen und im Weinen, in der Freude und in der Trauer. Die günstige Stunde erkennen und sich auf die langsame Zeit Anderer einlassen. So legt uns Gott seine Zeit, seine Ewigkeit ins Herz – Zeit von seiner Zeit. Das ist der Trost den Gott gibt. Und der Prediger kommt noch zu einer weiteren Erkenntnis. "Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben." Seid gütig miteinander und seid fröhlich. Lasst die Trauer Euer Leben nicht bestimmen. Sucht das Gute und Positive in der Situation. "Denn ein Mensch, .. der guten Mut hat .., das ist eine Gabe Gottes."
Darum lasst uns unseren Alltag, so geschäftig er manchmal auch sein mag, ruhig bestreiten. Da ist nichts Schlechtes dabei. Wir können dabei auch den Kaffee auch im Gehen trinken Aber lasst uns auch aufmerksam sein und die Stunde erkennen, wo wir uns auf die von Gott gegeben Zeit einlassen. Dann sind wir für Andere eine gute Gabe Gottes - und unsere Zeit ist erfüllt.
Amen