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Predigt über Offenbarung 21,1-5 (Pfrin. M. Waechter) vom 20.11.2016

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1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

Eine neuer Himmel und eine neue Erde. Sehnsucht und Hoffnung. Sehnsucht oder Hoffnung?

Manchmal sehne ich mich nach etwas, von dem ich weiß, dass es nicht eintreffen wird. Die Sehnsucht ist trotzdem da. Worauf ich hoffe, das erwarte ich. Das kann auch unsicher sein. Aber es ist nicht ausgeschlossen. Hoffen auf etwas, das ausgeschlossen und unmöglich ist, das geht nicht. Dann ist jede Hoffnung verloren. Das Sehnen wäre jedoch noch da.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde

Es ist eine tiefe Sehnsucht, die aus diesen Worten spricht. Sehnsucht nach Heil, nach Frieden, nach Gott. Gott, der ganz nah sein wird – nicht fern, fremd und unbegreiflich – sondern, nah wie ein guter Freund und Nachbar. Er wird nicht weit weg und erhaben thronen, sondern in einer Hütte bei den Menschen wohnen. Es ist eine tiefe Sehnsucht, all das Böse und Schreckliche und Schlimme hinter sich zu lassen. Die Sehnsucht nach einer anderen, neuen, besseren Welt. Ohne all das, was auf uns lastet und uns verletzt. Einer Welt ohne Tränen, ohne Leid, ohne Schmerz, ohne Tod. Es ist auch eine Hoffnung.

Es ist eine tiefe Sehnsucht. Eine menschliche Sehnsucht. Die Worte sind alt und zeitlos zugleich. Die alten Worte sprechen auch heute aus unseren Herzen. Heute am Ewigkeitssonntag, am Totensonntag, am letzten Sonntag des Kirchenjahres blicken wir zurück auf das vergangene Jahr. Es ist nicht ein Rückblick auf schöne Erlebnisse oder unsere Erfolge, nicht die Auflistung der Highlights und kein Anschauen von Urlaubsfotos. Heute gilt der Rückblick, denjenigen, die wir verloren haben. Es ist ein Rückblick auf die Tränen, die wir vergossen haben, den Tod, den wir ertragen mussten. Es ist ein Rückblick, der vielleicht noch gar nicht abgeschlossen ist. Die Trauer ist nicht mit einem Mal am Ende des Kirchenjahres weg. Sie ist vielleicht mal mehr, mal weniger intensiv. Sie gehört zu diesem Jahr dazu und zu uns.

Heute gilt der Rückblick, denjenigen, die gestorben sind. Das sind die, von denen wir persönlich Abschied nehmen mussten. Aber zu ihnen gehören auch die Opfer von Gewalt und Krieg. Die vielen Toten in Syrien, im Irak, im Jemen, im Südsudan, und und und,  die Opfer von Brüssel und Nizza und die unzähligen, namenlosen Toten, für die das Mittelmeer zum Grab wurde.

Gerade diese Tode nähren die Sehnsucht nach der anderen, der neuen, besseren, heilen, friedvollen Welt. Denn so soll die Welt nicht sein voller Leid und Schmerz, Tränen und Tod, sinnloser Gewalt, Hass und Krieg. Gerade diese Tode nähren die Sehnsucht. Die Hoffnung hat es schwer in unserer so anderen Welt, auf der alten Erde unter dem alten Himmel.

Die zeitlose Sehnsucht nach der besseren Welt haben Menschen immer wieder gespürt.

Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat und ist nicht mehr bei mir. Weit über Berg und Tale, weit über Flur und Feld schwingt es sich über alle und eilt aus dieser Welt.

Wir haben mit Johann Matthäus Meyfarts Worten (EG 150 Jerusalem, du hochgebaute Stadt) den schönen Tag besungen, an dem ich meine Seele von mir gebe in Gottes treue Hände, den Tag, wenn ich angelanget im schönen Paradeis. Er findet wunderbare Worte, um seine  Sehnsucht zu umschreiben. Und es ist mehr als eine Sehnsucht, es ist die Hoffnung auf ein erfülltes Leben nach dem Tod. Es ist seine Hoffnung, dass dort alles wunderbar und schön ist, höchste Freude, Lob und Preis, Jubelklang. – Der neue Himmel und die neue Erde nach dem Tod.

Die zeitlose Sehnsucht verbindet uns, die alten Worte, die auch aus unseren Herzen sprechen. Und doch. Ich merke, hier gibt es einen Unterschied. Meyfart richtet sein Verlangen, seine Hoffnung ganz auf das Leben nach dem Tod. Das, was er hier durchlebt ist ein Tränenland, ein Jammertal.

Ich frage mich, wie blicken wir auf unser Leben im Hier und Jetzt? Ist die alte Erde ein Jammertal und Tränenland? Eine unerträgliche Welt, in der Leid und Schmerzen, Tränen und Tod, sinnlose Gewalt, Hass und Krieg das letzte Wort haben? Kann sich unsere Sehnsucht nur auf das Jenseits richten, weil wir keine Hoffnung für diese, unsere Welt haben?

Unglücklich sind die Armen, denn wer kein Geld hat, hat nichts vom Leben.

Unglücklich sind die Trauernden, denn was zählt ist der Spaß am Leben.

Unglücklich sind die Sanftmütigen, denn der Schwächere ist der Verlierer.

Unglücklich sind die Gerechtigkeitssucher, denn nur wer sich durchsetzt kommt im Leben weiter.

Am letzten Wochenende war ich mit meiner Konfirmandengruppe verreist. Wir haben uns mit der Bergpredigt beschäftigt. Nachdem wir die Seligpreisungen gelesen hatten und alle sich einen Lieblingsvers aussuchen sollten, haben wir die sog. Anti-Bergpredigt gelesen. Nicht selig, sondern unglücklich sind dort die Armen, die Sanftmütigen und die Trauernden. Beim ersten Hören sind die zusammengezuckt. Wie vielleicht Sie auch? Was ist da für ein schlimmer Text. So hart und radikal und pessimistisch. Und die Konfirmanden sagten: Ja, so ist unsere Welt. Es ist richtig, was hier steht.

Ich war überrascht und erschüttert. Meine Reaktion wäre gewesen: Nein, so darf man das nicht sagen. So soll es nicht sein. Daran dürfen wir uns doch nicht orientieren.

Im Gespräch wurde deutlich, dass die Konfirmanden sich an den Sätzen nicht orientieren wollen, sondern, dass sie die Welt um sich herum vielfach so wahrnehmen. Sie gehen mit offenen Augen durch ihre Stadt und leiden am Elend, das sie sehen. Sie sehen die Armut und das Leid auf ihrem alltäglichen Weg zur Schule, die Obdachlosen und die Bettler. Sie erleben, wie unfreundlich Menschen sein können und andere runtermachen. Sie kennen Mobbing in der Schule. Und natürlich kennen sie auch die Nachrichten von den Kriegen und Krisen auf der Erde. Sie haben ein feines Gespür für das Unrecht in dieser Welt. Das Jammertal und das Tränenland.

Meyfart schrieb seine Hoffnung und Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem mitten im 30jährigen Krieg. Er war einer von wenigen, die damals gegen Hexenverfolgung kämpften. Eine schlimme Zeit, voller Leid und Schmerz, Tränen und Tod, sinnloser Gewalt, Hass und Krieg. Seine Hoffnung auf ein erfülltes Jenseits und Gottes Nähe wenigstens nach dem Tod ist nachvollziehbar. Ja, vielleicht nachvollziehbar, aber es ist doch nicht das, was ich meinen KonfirmandInnen als Antwort auf ihre Beobachtungen mitgeben möchte. Meine Hoffnung ist es, dass sich ihre Hoffnung nicht nur auf das Jenseits richtet.

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Sätze der Sehnsucht, aber auch Sätze der Hoffnung. Sie sprechen nicht nur von etwas, das erst nach dem Tod Wirklichkeit wird. Auch nicht erst von der neuen Wirklichkeit auf der neuen Erde unter einem neuen Himmel. Jesus hat uns gelehrt, dass das Reich Gottes, das Himmelreich mitten unter uns ist. Und er hat uns gelehrt zu beten: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe, wie Himmel so auf Erden. Dein Reich komme - mit dem neuen Himmel und der neuen Erde? Dein Wille geschehe wie im neuen Himmel so auf der neuen Erde? Nein, das Unser Vater spricht mitten in unseren Alltag hinein – es geht um unser tägliches Brot, um die tägliche Vergebung von Schuld, um die tägliche Erlösung vom Bösen – und das Reich Gottes, das täglich kommen möge.

Jetzt schon auf der alten Erde unter dem alten Himmel erscheint ein Abglanz des neuen Himmels und der neuen Erde. Das ist unsere Bitte. Es ist unsere Hoffnung.

Und es ist auch unsere Sehnsucht. Denn noch haben wir mit dem Tod, dem Leid, den Tränen, dem Hass und der Gewalt zu leben.  Mit unserer Trauer, des vergangenen Jahres und den vielen Kriegen und Krisen, für die kein Ende absehbar ist. Die Sehnsucht nach dem neuen Himmel und der neuen Erde zeigt mir, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll. Die Hoffnung hat es schwer. Aber ich bin froh, dass die Konfirmanden nicht nur die Erfahrungen des Jammertals und des Tränenlandes machen. Sie erleben auch: Wer freundlich auf andere Menschen zugeht, dem kommt man auch freundlich entgegen. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Die Seligpreisungen sind nicht nur etwas fürs Jenseits, sie geben uns Orientierung im Alltag. Und dann leuchtet das Himmelreich mitten unter uns auf, dort wo Tränen getrocknet und Trost gespendet werden, wo Leid gemeinsam getragen wird, wo Frieden gestiftet wird, wo Menschen sanftmütig miteinander umgehen. Da wohnt Gott schon mitten unter uns. Es ist unsere Hoffnung, dass der neue Himmel und die neue Erde jetzt schon unser Leben verändern.

Amen