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Predigt über Offb 2,8-11 (Pfrin. M. Waechter) vom 18.11.2018

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Ende Oktober wurden in den USA mehrere Briefbomben an Kritiker von Donald Trump verschickt. Der Täter wurde gefasst. Er war ein glühender Anhänger Trumps und hatte sein ganzes Auto mit Fanaufklebern gespickt. In den Medien wurde die Frage gestellt, ob Trump mit seiner polarisierenden, hetzerischen Sprache zur Radikalisierung dieses Mannes beigetragen habe und ob er eine Mitschuld trage. Donald Trump selber wies diese Anschuldigungen weit von sich, er verurteilte die Briefbomben und sagte, er habe niemals zu dieser Gewalt aufgerufen.

Die Frage, welche Wirkung Worte haben können, ist nicht nur eine aktuelle Frage. Sie stellt sich nicht erst seit Präsidenten twittern und nicht erst, seit man im Internet massenhaft Kommentare hinterlassen kann. Es ist eine Frage, die sich auch bei biblischen Texten stellt.

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nahm der Kaiserkult im ganzen römischen Reich immer mehr zu. Die Kaiser wurden wir Götter verehrt. Einzelne Städte profilierten sich mit der Inszenierung des Kaiserkults, an dem selbstverständlich alle Menschen, alle Untertanen teilnehmen mussten.

Für die kleinen, jungen christlichen Gemeinden in Kleinasien wurde der Kaiserkult zum Problem. Er stand im Widerspruch zu ihrem Glauben. Sie konnten den Kaiser nicht wie einen Gott anbeten und so gerieten sie schnell in Konflikt mit der Obrigkeit. Im ersten Jahrhundert gab es im römischen Reich noch keine offizielle, gesteuerte Christenverfolgung. Vermutlich war die Situation der Christen von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite konnten sich Gemeinden etablieren und wuchsen, auf der anderen Seite lesen wir im Neuen Testament Berichte von Verbannung, Verfolgung und Gefangenschaft. Bedrängnis ist das biblische Wort, das die Situation zusammenfasst.

Die Offenbarung des Johannes beginnt mit sieben Briefen an Gemeinden in sieben Kleinasiatischen Städten. Der Verfasser, selber ein Opfer der Verfolgung, lebt in Verbannung, will ermuntern, ermahnen und trösten. 

8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: So spricht er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde:

9 Ich kenne deine Not und deine Armut - und doch bist du reich -, und ich weiss, wie du verwünscht wirst (…)

10 Fürchte dich nicht vor dem, was dir an Leiden noch bevorsteht. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch zu versuchen, und ihr werdet Not leiden, zehn Tage lang. Sei treu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.

11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer den Sieg erringt, dem wird der zweite Tod nichts anhaben können.

Einfühlsam versetzt sich Verfasser in die Leiden der christlichen Gemeinde in Smyrna: ich kenne deine Not. Er benennt die Gefahren und warnt: dir stehen Leiden bevor, einige werden ins Gefängnis geworfen, ihr werdet leiden. Doch er tröstet auch: Fürchte dich nicht. Und er gibt Hoffnung: das Leiden wird enden. Dir wird die Krone des Lebens verliehen.

Ein Trostbrief für eine Gemeinde in der Bedrängnis. So könnte man diesen Brief lesen und stehen lassen als ein Dokument aus längst vergangener Zeit. Aber ich habe Ihnen noch nicht den ganzen Brief vorgelesen. Da ist ein Nebensatz, der den Ton des ganzen Briefes verändert. Ein Nebensatz, der mich zusammenzucken lässt. Ein Nebensatz, der den Brief, der fast 2000 Jahre alt ist, mit einem Mal mitten hinein in die Fragen und Debatten unserer Gegenwart wirft.

9 Ich kenne deine Not und deine Armut - und doch bist du reich -, und ich weiss, wie du verwünscht wirst von Seiten derer, die sagen, sie seien Juden, und es nicht sind, sondern eine Synagoge des Satans!

Unter die trösten Worte des Briefes mischen sich Worte des Hasses. Die Wortwahl ist abfällig und beleidigend. Diese antisemitischen Worte kenne ich aus aktuellen Konflikten. Der Attentäter von Pittsburgh, der am 27. Oktober 11 Menschen in einer Synagoge während eines Gottesdienstes erschossen hat, hatte im Internet den Satz veröffentlicht: Juden sind die Kinder des Satans.

Doch ich muss meinen Blick aus der Gegenwart zur Seite schieben. Ich will verstehen. Was geschah damals in Smyrna?

Im Brief zeigt sich, dass nicht nur der Konflikt um den Kaiserkult im Hintergrund steht. Es scheint noch einen anderen Konflikt zu geben. Aber wer ist hier gemeint?

Die Lage ist unübersichtlich. Christliche Gemeinden entstanden damals in der Regel rund um oder aus jüdischen Gemeinden heraus. Oft gab es noch nicht zwei klar getrennte Gruppen. Die Übergänge waren fließend. Die Selbstbezeichnung Christen war noch selten. Vermutlich nannten sich zunächst alle Juden, sowohl die, die wir heute als Judenchristen bezeichnen wie auch die, die wir heute Juden nennen. Die Konflikte, die sich daraus ergaben, waren Konflikte vor Ort. Konflikte zwischen Menschen, die sich kannten, vielleicht auch zwischen Menschen aus denselben Familien. Es ging nicht um einen Konflikt zwischen Weltreligionen. Es ging um den Konflikt in Smyrna.

Wenn der Verfasser des Briefes schreibt: die Juden, die sich Juden nennen, aber keine Juden sind! – dann maßt er sich das Recht an, über die Bezeichnung, selbst zu urteilen. Er maßt sich an, beurteilen zu können, wer die wahren Juden sind und wer nicht.

Seine negative Haltung spitzt sich zu, wenn er diese Gruppe Synagoge des Satans nennt. Das Wort Synagoge bezeichnete damals nicht nur ein jüdisches Versammlungs- und Gebetshaus.

Diese eindeutige Bedeutung, wie wir sie kennen, gab es damals noch nicht. Synagoge war ein anderes Wort für Versammlung. Der Verfasser bezeichnet die Gruppe, die er verurteilt, als eine Versammlung des Satans.

Mich beunruhigt der Brief, weil so vieles im Unklaren bleibt. Wer genau ist gemeint? Worum ging es in dem Konflikt? Was meint der Verfasser, wenn er schreibt: sie – die, die sich Juden nennen, aber keine sind - verwünschen uns? Ging es um den Glauben an Christus, um die Einhaltung der Gebote, um den Umgang mit dem Kaiserkult, um Macht, um Einfluss, um Deutungshoheit, um Geld? War vielleicht alles ein großes Missverständnis? Sind nicht die eigentlichen Gegner die römischen Machthaber gewesen? Warum werden sie nicht als Versammlung des Satans bezeichnet?

Da ist dieser Nebensatz, der den Ton des ganzen Briefes verändert. Ein Nebensatz, der mich zusammenzucken lässt. Ein Nebensatz, der den Brief der fast 2000 Jahre alt ist, mit einem Mal in die Fragen und Debatten unserer Gegenwart wirft. 

Ich zucke zusammen, weil sich diese zwei Äußerungen verselbstständigt haben und bis heute wirken.

Der Vorwurf gegen eine kleine Gruppe, da sind welche, die sich Juden nennen, aber keine sind, hat sich verselbstständigt. Israel wurde von christlichen Theologen enterbt. Das Christentum übernahm die Identität des Judentums. Die Kirche betrachtete sich als das wahre auserwählte Volk, mit ihr hatte Gott einen neuen Bund geschlossen. Den Juden wurde ihre Judesein in Abrede gestellt. Sie wurden als verstoßenes Volk bezeichnet, als diejenigen, die Christus nicht anerkannten, denen die Kindschaft und das Erbe entzogen wurde.

Der kleine Satz, Juden, die behaupten Juden zu sein, aber keine sind, der sich auf ein Grüppchen aus Smyrna bezog, wurde auf alle Mitglieder einer ganzen Religion übertragen.  

Und auch die Beschimpfung des kleinen Grüppchens aus Smyrna als Versammlung des Satans hat sich verselbstständigt. Der Begriff Synagoge wurde nach und nach die Bezeichnung für das jüdische Gebetshaus. Die Verbindung der beiden Worte Synagoge und Satan verselbständigte sich und wurde enger und enger und ging als Begriff in das antijudaistische Vokabular vieler Theologen ein.

Wir wissen, das lokale Konflikte am Anfang standen. Wir wissen, dass aus den Konflikten Hass erwachsen ist. Wir wissen, dass der Hass, der zunächst mit Worten formuliert wurde, sich nicht auf die Worte beschränkte. Aus Worten erwuchs Gewalt, erwuchsen brennende Synagogen und millionenfacher Mord.

Der Autor des Briefes wollte die Menschen in Smyrna trösten und ermutigen in einer schweren Zeit. Es ist es nicht zu leugnen, dass aus seinen Worten Verachtung, Verbitterung und vielleicht auch Hass sprechen. Es ist nicht zu leugnen, dass er sehr undifferenziert formuliert.

Aber er ist nicht verantwortlich zu machen, für die Auswirkungen seiner Worte. Er beschreibt eine bestimmte Gruppe von Menschen in Smyrna, mit denen er Erfahrungen hat. Es ging ihm um eine Gruppe von Personen, die ihm bekannt waren. Es ging ihm nicht um „die Juden“ in ihrer Gesamtheit. Er wusste nicht, dass seine Worte einmal in der Bibel stehen würden und er wusste nicht welche Bedeutung die Bibel für die nächsten Jahrtausende haben würde. Er wusste nicht, dass die Worte der Bibel genommen werden würden, um Unterdrückung und Gewalt und Mord im Namen Gottes zu rechtfertigen.

Der Autor ist nicht dafür verantwortlich zu machen, wozu seine Worte missbraucht wurden. Und doch müssen seine Worte und die weitere Wirkung dieser Worte uns eine Warnung sein.

In den Diskussionen, die heutzutage geführt werden, können wir an unsere traurige, furchtbare Geschichte erinnern. Auf die Frage, welche Wirkung Worte haben, müssen wir antworten:

Worte haben Macht. Worte können Gewalt ausüben. Worte können töten.

Deshalb: Passt auf! Achtet auf eure Sprache, achtet auf eure Worte!

Amen