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Predigt über Mt 4,12-17 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 08.01.2017

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Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):

»Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

 

Wo liegt Sebulon? Wo liegt Naftali? Und wo, liebe Gemeinde, wo fängt das Himmelreich an?

Das Neue Jahr hat angefangen. Wir fangen wieder an. Jesus fängt an.

Dem neuen Jahr werden gute Wünsche gewünscht und schlimme Wahlen prophezeit.

Wir predigen wieder und versuchen, Zeiten zu synchronisieren, damals und heute. Und was wird morgen sein?

Und Jesus fängt an zu predigen: Tut Buße! Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Jesus ging zurück nach Galiläa, ins Gebiet von Sebulon und Naftali. Wo liegt Sebulon? Wo liegt Naftali?

Wohin gehen wir? Wohin geht die Welt?

Sebulon liegt im Schatten des Todes. Naftali liegt im Schatten des Todes. Liegen wir im Schatten des Todes? Liegt die Welt am Beginn des Jahres 2017 im Schatten des Todes?

Wir werden in diesem Jahr 2017 500 Jahre Reformation feiern. Wir werden aus dem Schatten heraustreten und unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Traditionell sieht man den Beginn der Reformation mit Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517. Die erste der 95 Thesen lautet: „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: ‚Tut Buße!‘ dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

Nach Maßgabe der Reformationsgedenksitte fängt damit also die Reformation an, mit dem Satz: Tut Buße! Mit dem gleichen Satz, mit dem auch Jesus anfing. Und Johannes der Täufer fing so an. Tut Buße! Kehrt um! Und auch das sagte Johannes, Jesu Freund und Lehrer: Das Himmelreich ist nahe!

Was wird werden – in diesem Jahr und mit uns und mit der Welt? Wie nah ist das Himmelreich? Oder ist es fern?

Es muss auch in diesem Jahr gepredigt werden. Wenn es ein Vermächtnis der Reformation gibt, dann dieses: Es muss gepredigt werden! Was Gott an dieser Welt noch zu schaffen hat, das schafft er allein durch das Wort.

Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, auch von Worten. Wir leben von Worten, von Worten, die wir uns gegenseitig sagen, Worte der Aufmunterung, Worte der Ermahnung, Worte des Trostes. Wir leben von Worten. Und wir brauchen auch die Worte, die wir uns nicht selbst sagen können, weil wir nie auf die Idee solcher Worte kommen würden. Wir leben auch von Worten Gottes. Wir leben von Worten, die gepredigt werden. Wir leben von dem Wort, das uns sagt: „Kehrt um!“ Und wir leben von dem Wort, das uns sagt: „Das Himmelreich ist ganz nahe.“ Worte, die uns kein Mensch sagen kann. Weil keiner von sich aus auf so was kommt.

Jedes Wort, das in diesem Jahr gepredigt wird, wird nichts anders sagen als diese: „Kehrt um!“ Und: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Das Reich Gottes ist nahe – auch in diesem Jahr. Nicht nur vor 2000 Jahren, nicht nur vor 500 Jahren, auch in diesem Jahr. Und kehrt um! Nicht nur vor 2000 Jahren, nicht nur vor 500 Jahren. Auch heute: Kehrt um!

Wo liegt Sebulon? Wo liegt Naftali? Und wo fängt das Himmelreich an?

Jesus kam aus Nazareth in Galiläa. Er verließ seine Heimatstadt und ließ sich am Nordufer des Sees Genezareth nieder. Dort begann er zu lehren, zu predigen, zu sagen also, was er zu sagen hatte. Im alten Gebiet der Nordstämme Sebulon und Naftali. Seinem Biograf Matthäus klingelte da was in den Ohren, die alte Weissagung des Jesaja. Auch uns klingelt sie in den Ohren. Immer an Weihnachten: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. (Jes 9,-5) Es war eine alte Prophezeiung für drei Gebiete im Norden, die dem großassyrischen Reich einverleibt worden waren: Sebulon, Naftali und das sog. Heidnische Galiläa, ein Gebiet runter zum Mittelmeer hin. Das war 750 Jahre vor Jesus. Und dann ein junger neue König in Jerusalem. Die Leute in den drei verlorenen Nordgebieten schöpften Hoffnung, Hoffnung auf eine wundersame, göttliche, heldenhaften Friedensregierung. Hoffnungen, die uns wie ein Märchen zu Weihnachten klingen.

Aber diese glimmende Hoffnung loderte nach 750 Jahren wieder auf. Jesus ist dort oben. Er predigt dort. Er ist der Sohn. Und wieder sind Schatten des Todes im Land. Johannes ist verhaftet worden. Die Mächtigen wollen nicht hören, wenn er ihnen zurief: „Kehrt um!“ Nun ist Jesus das Licht für die, die im Schatten des Todes sind. Doch Jesus setzt die Predigt seines Lehrers fort: „Kehrt um. Das Himmelreich ist nahe!“

Wo liegt Sebulon? Wo liegt Naftali? Und wo fängt das Himmelreich an?

Dort liegen sie, wo gepredigt wird. Wo die Worte gesagt werden, die wir uns nicht selbst sagen können. Kehrt um! Und: Das Himmelreich ist vor deiner Tür.

Kehrt um!, das wollen die Mächtigen nicht hören. Und die Machtlosen wollen es auch nicht hören. Keiner will das hören. Nur, dass die Mächtigen die Macht haben, den, der es ihnen sagt, um die Ecke zu bringen.

Kehrt um! Wer will das hören? Und doch muss es gepredigt werden. Auch in diesem Jahr. Ich muss es predigen: Kehrt um! Heute und noch viele Sonntage: Ihr müsst umkehren! Wir müssen umkehren! Ich muss es rufen. Auch wenn ich nicht sagen kann, wohin wir genau umkehren sollen, welche neuen Wege wir einschlagen sollen. Ich weiß das auch nicht. Ich bin ja nicht schlauer als ihr. Ich weiß nicht, wie die Welt besser funktionieren könnte. Ich weiß nicht, was es Besseres geben könnte als Demokratie und Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft – gibt es bessere Herrschafts-, Gesellschafts- und Wirtschaftsformen? Und doch ist all das noch nicht das Reich Gottes.

Ich weiß es auch nicht besser. Und doch muss ich predigen: Kehrt um! Die Hoffnung verhungert ohne die Illusion, dass das alles nicht auch ganz anders sein könnte, so viel besser. Der Feind der Hoffnung ist nicht die Verzweiflung. Der Feind der Hoffnung ist dieser verdammt nüchterne Realismus.

Wo liegt Sebulon? Wo liegt Naftali? Und wo fängt das Himmelreich an? Im Lande Nirgendwo. Da wo die Utopien blühen. Es soll der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen. (Jes 11,6f) Die andere Weihnachtsprophezeiung zeigt uns Sebulon und Naftali. Kehr um, du Wolf und wohn beim Lamm. Kehr um, du Löwe und werde Vegetarier wie das Kalb.

Liebe Gemeinde, es hat längst angefangen. Das Himmelreich ist da. Auch das muss in diesem Jahr gepredigt werden, dass Gott längst regiert, dass sein Reich längst gekommen ist. Es muss gepredigt werden, weil es nicht offenkundig ist, weil es darüber keine Statistiken gibt, keine Tweets und kaum Bilder. Denn Gott regiert nicht mit Macht und Gewalt, dass alle es sehen könnten. Gott regiert mit Liebe und Vertrauen. Die sind unsichtbar, aber wirkungsvoll.

Das Himmelreich ist da. Es gibt Menschen, die Gott vertrauen. Es gibt Menschen, die sich nicht auf sich selbst verlassen, sondern auf Gott. Es gibt Menschen, die sich selbst nicht für den Mittelpunkt der ganzen Welt halten. Es gibt Menschen, die es nicht nötig haben, sich immer durchzusetzen. Es gibt lammfromme Wölfe und es gibt Löwen, die Gras fressen. Es gibt Menschen, die ganz bei Trost sind, weil sie wissen, dass Gott schon alles gerettet hat, schon alles gerichtet hat. Es muss nur geglaubt werden. Es gibt Menschen, die es glauben. Die heißen Kinder Gottes. Davon gibt es gar nicht wenige. Menschen mit Gottvertrauen. Man erkennt sich an ihrer Gelassenheit, an ihrer Freundlichkeit, an ihrer Unverkrampftheit.

Wo sie sind, ist Naftali, wo geglaubt wird, ist Sebulon. Jesus ist gekommen, hat angefangen und hat vollendet. Gottes neue Weltherrschaft durch Liebe, durch Vertrauen, durch Hoffnung, eher eine sanfte Moderation, denn eine Demonstration der Macht. Aber wirkungsvoll.

Gott öffne uns die Augen, dass wir das Himmelreich wachsen sehen, in Naftali, in Sebulon und bei uns.

Amen.