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Predigt über Mk 13,31-37 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 25.11.2018

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Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen:

So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Liebe Gemeinde!

Vergänglichkeit, das ist das Gesetz des Lebens.

Himmel und Erde werden vergehen. Leben ist vergänglich. Alles vergeht, nichts bleibt ewig. Das ist das Gesetz des Lebens.

Ich sitze am Schreibtisch und schaue mich um. Fast alles um mich herum ist jünger als ich. Der Schreibtisch, der Stuhl, auf dem ich sitze, der Computer vor mir, ein paar geerbte Bücher im Regal sind älter als ich, die Bibel vor mir ist es nicht. Ihre Texte sind sehr alt, das Buch aber, das Papier zwischen Buchdeckeln ist nicht alt. Die Kleider, die ich trage, sind viel jünger als ich. Das Haus, in dem ich wohne, ist älter. Doch in Berlin wohnen die meisten Menschen, zumindest die älteren, in Häusern, die jünger sind als sie. Diese Kirche wirkt alt, viel älter als wir. Aber sie ist es nicht. Sie wurde 1982 gebaut. Sie ist keine 40. Ach, wäre man noch mal so jung wie diese Kirche! Hier ist nichts älter als wir, nur die Goldschnitzereien an der Orgel sind älter und die Kelche auf dem Tisch. Sonst ist selbst in dieser Kirche alles jünger.

An den Tisch einer Familie setzten sich früher viele Generationen, er wurde vererbt, denn ein Tischler steckte viel Arbeit in die Herstellung eines Tisches. Heute machen das Maschinen in wenigen Minuten, ein Tisch hält ein paar Jahre, dann sind wir ihn leid und er wird ersetzt.

Vergänglichkeit, das ist das Gesetz des Lebens. Alles vergeht, nichts bleibt ewig. Früher kamen die Menschen und verschwanden wieder schnell, aber die Dinge blieben. Heute bleiben die Menschen, manche eine halbe Ewigkeiten, aber die Dinge kommen und gehen immer rascher. Was sagt es, dass wir in einer Welt leben, in der der Mensch oft das älteste in seiner Umgebung ist? Und nach Lage der Dinge wird der Mensch immer älter und die ihn umgebenden Dinge verschwinden immer schneller.

***

Himmel und Erde werden vergehen. Der, der diesen Satz gesagt hat, Jesus, könnte tatsächlich davon überzeugt gewesen sein, dass die ´Welt sehr bald zu Ende ist. Die ersten Christen scheinen dies jedenfalls für einige Zeit fest geglaubt zu haben. Und in späteren Generationen gab es immer wieder Menschen, die glaubten, das Ende der Welt stünde unmittelbar bevor.

Heute brauchen wir das nicht mehr zu glauben, wir wissen, dass zumindest die Erde vergehen wird, irgendwann, in Milliarden von Jahren. Irgendwann hat sich die Sonne verzehrt, dann explodiert sie, verschluckt die Erde, dann implodiert sie und steht vielleicht als schwarzes Loch wieder auf. Himmel und Erde sind nicht ewig. Der Himmel, oder sagen wir, das Universum ist vor 13 Milliarden Jahren entstanden. Da war der Urknall. Das ist lange her, aber nicht unendlich. Eine benennbare Zahl. Eine dieser unheimlichen Zahlen der Naturwissenschaften. Die Zahl der Sterne im Universum ist um ein vielfaches höher als die Zahl seiner Jahre. Allein in der Milchstraße gibt es mehr als 100 Milliarden Sonnen, und es gibt mehr als 100 Milliarden Galaxien.

Gott versprach dem Abraham, seine Nachkommen zu mehren wie die Sterne des Himmels und wie der Sand am Ufer des Meeres. Unzählbar viele Nachkommen hatte Gott versprochen. Ob er damals ahnte, dass wir das alles doch einmal zählen können würden? Nicht abzählen mit dem Finger, eins, zwei, drei… sondern hochrechnen mit Mathe. Nun muss man sich entscheiden: Wie viele wollen wir sein? So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder so zahlreich wie der Sand auf Erden? Die entscheidenden Fragen des Lebens beantwortet Dr. Wewetzer auf der Kinderwebsite des Tagesspiegels. Es gibt mehr Sterne im Himmel als Sand auf der Erde. Behauptet er. Allerdings ist die Zahl der Sterne leichter hochrechenbar als die Zahl der Sandkörner auf Erden. Es sind ungefähr 70 Trilliarden, eine sieben mit 22 Nullen. Im Vergleich dazu ist die Zahl der derzeit auf Erden lebenden Menschen sehr gering, etwa 7 Milliarden, eine sieben mit nur 9 Nullen. Aber weil Gott der Herr sie gezählt hat, ist kein einziger davon eine Null.

Es ist merkwürdig: All diese Zahlen, wie enorm sie auch seien, sind endliche Zahlen. Und doch ragen diese Zahlen Lichtjahre hinter den Horizont unserer Vorstellungskraft. Obwohl wir Größe und Alter der Welt mit Zahlen angeben können, macht uns das keine Angst. Es ist viel zu weit weg von uns, um uns Angst zu machen. Wenn die Sonne die Erde frisst, sind wir längst tot. Das Wissen um die Endlichkeit der Welt ist nicht mehr bedrohlich.

Himmel und Erde werden vergehen. Das ist das Gesetz des Lebens. Alles ist vergänglich. Wir wissen es, gleichwohl ängstigt es uns viel weniger, als es die Menschen ängstigte, die vor uns gelebt haben.

Himmel und Erde werden vergehen. Und dennoch geht nichts verloren, niemand geht verloren, den der Sohn dem Vater übergibt, heißt es im Johannesevangelium. Gibt das Versprechen noch Trost oder rührt es uns auch deshalb nicht mehr, weil wir längst wissen, dass nichts verloren geht.

Denn die Materie bleibt. Die Atome verschwinden nicht. Die Moleküle verwandeln sich, aber Materie löst sich nicht auf. Auch die Energie bleibt erhalten. Sie wandelt sich. Der Mensch kommt in die Erde und wird wieder zu Erde. Oder zu Asche. Organische Stoffe sinken tief in die Erde, wandeln sich in Millionen von Jahren und man holt sie wieder aus der Erde als Öl und Gas. Alles Leben feiert irgendwann seine energiereiche Auferstehung. Nichts geht verloren, was der Sohn dem Vater übergibt.

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Vergänglichkeit, das ist das Gesetz des Lebens. Oder doch nicht? Himmel und Erde werden vergehen. Oder doch nicht? Leben ist vergänglich. Oder doch nicht? Alles vergeht, nichts bleibt ewig. Oder doch?

Naturwissenschaftliches Wissen steht quer zu menschlicher Erfahrung, der Glaube der früheren Generationen steht quer zum Wissen der Heutigen. 

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Himmel und Erde werden vergehen, sagt die Bibel. Das ist das Gesetz des Lebens. Aber meine Worte werden nicht vergehen. Sagt Jesus Christus. Das ist das Evangelium Gottes.

In die Welt der Vergänglichkeit ragt etwas Unvergängliches. In die Welt des ewigen Wandels ragt etwas Unwandelbares. Zwischen Himmel und Erde fügen sich sperrig Worte, die unvergänglich sind. Vergängliches oder wandelbares Leben wird umfangen von unvergänglichen, dem Wandel der Zeit enthobenen Worten.

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Vor langer Zeit, vor vielen Generationen wurden Worte gesagt und aufgeschrieben und abgeschrieben und überliefert. Diese Worte sagen immer noch was, diese Worte leben immer noch, diese Worte machen immer noch lebendig, diese Worte rütteln immer noch wach, alte Worte, sperrige Worte, Worte wie aus einer anderen Welt, aus einer Welt, die höher ist als unsere Vernunft, seine Worte, die nicht vergehen, Worte, die bleiben.

Weil diese Worte so sind, nennen wir sie Worte Gottes.

Was ist das Geheimnis der Ewigkeit dieser Worte? Ich weiß es nicht. Aber es gibt ein Geheimnis. Denn mit seinen Worten werden Menschen in Trauer getröstet, der Klang seiner Worte lässt Menschen im Abschiedsschmerz erleichtert aufseufzen und den Weg ins Leben finden. Der Klang dieser Worte lässt Menschen im Sterbebett ruhig werden, gelassen das Leben aushauchen und das Zeitliche segnen. Die Kraft dieser Worte nimmt Menschen Angst. Seine Worte geben neue Energie, setzen Menschen, die in sich selbst gelähmt sind, in Bewegung. Sie motivieren. Ich weiß nicht, wie sie dies tun, aber ich weiß, dass sie es tun, schon seit 2000 Jahren.

Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.

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Liebe Gemeinde!

Das Gesetz des Lebens: Alles ist vergänglich.

Das Evangelium Gottes: Seine Worte vergehen nicht.

Das Evangelium Gottes hebt das Gesetz des Lebens auf. Es hebt das Gesetz des Vergehens auf, um das Evangelium des Lebens festzuschreiben, das Evangelium des unvergänglichen Lebens. Dies geschieht auf Treu und Glaube und auf die Hoffnung hin.

Worte, nichts als Worte ragen in die Vergänglichkeit des Lebens. Nur Worte haben bei Gott die Macht der Ewigkeit.

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Das Gesetz des Lebens: Himmel und Erde werden verge­hen.

Das Evangelium Gottes: Aber meine Worte werden nicht vergehen.

Weil beides in diesem Leben gilt, vorerst unumstößlich, darum erklingt heute, am Toten- und Ewigkeitssonntag vor allem ein Weckruf: „Wachet auf, ruft uns die Stimme!“

Wach sollen wir sein, wach durchs Leben gehen, denn wir wissen nicht Zeit noch Stunde. Wir wissen nicht, wann die Stunde kommt, da wir dem Gesetz des Lebens folgen müssen, und wir wissen nicht, wann die Zeit ist, da wir dem Evangelium Gottes folgen dürfen.

Die Kunst des Lebens ist vor allem das: die Zeit zu erkennen. Wer erkennt, wann die Stunde des Sterbens ist und wer erkennt, wann die Zeit des lebendigen Wortes ist.

Groß ist die Zahl der Sandkörner auf Erden. Aber Gott hat sie gezählt. Groß ist Zahl der Sterne am Himmel. Aber Gott hat sie gezählt.

Groß ist die Zahl der Jahre, die der Erde noch bleiben, bevor sie von der Sonne verschluckt wird. Gott allein weiß, wie lange.

Groß ist die Zahl der Menschenkinder auf der Welt. Gott aber kennt sie alle. Kennt auch dich und hat dich lieb und wird dich nicht vergessen.

Amen.

1. Weißt du, wie viel Sternlein stehen

an dem blauen Himmelszelt?

Weißt du, wie viel Wolken gehen

weithin über alle Welt?

Gott der Herr hat sie gezählet,

dass ihm auch nicht eines fehlet

an der ganzen großen Zahl,

an der ganzen großen Zahl.

 

2. Weißt du, wie viel Mücklein spielen

in der heißen Sonnenglut,

wie viel Fischlein auch sich kühlen

in der hellen Wasserflut?

Gott der Herr rief sie mit Namen,

dass sie all ins Leben kamen,

dass sie nun so fröhlich sind,

dass sie nun so fröhlich sind.

  

3. Weißt du, wie viel Kinder frühe

stehn aus ihrem Bettlein auf,

dass sie ohne Sorg und Mühe

fröhlich sind im Tageslauf?

Gott im Himmel hat an allen

seine Lust, sein Wohlgefallen;

kennt auch dich und hat dich lieb,

kennt auch dich und hat dich lieb.

 

(EG 511, Text: Wilhelm Hey 1837)