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Predigt über Luther erste Ablassthese (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 16.11.2016

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„Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: ‚Tut Buße!‘ dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

Die erste von Luthers 95 Thesen.

Liebe Gemeinde, wir gehen in einer großes Reformationsjubiläum. Die 95 Thesen inspirieren immer noch. Am 499. Jahrestag ihrer Veröffentlichung gab es drüben im Konzerthaus einen Festakt. Der Regierende Bürgermeister sprach von Toleranz. Das passt immer, nur nicht zur Reformation. Der Bundespräsident sprach von Gnade. Das ist immer gut und hat auch gepasst. Dann gab das Orchester ein Wunschkonzert aus 95 Werken der klassischen Musik. Man spielte aber nur eines (sonst säße ich immer noch da drüben).

Am gleichen Tag hat „Die Zeit“ 95 kurze Statements von wichtigen Leuten über die Frage: Was ist christlich? gedruckt. Die erste These war von Markus Söder. Deshalb habe ich sie sofort wieder vergessen.

Auch am gleichen Tag gab es einen Fernsehgottesdienst aus der Marienkirche unter dem Psalmmotto: „fein lustig bleiben“. Wir geben uns Mühe!

Wenn Luther die langfristigen Wirkung seines Thesenanschlags geahnt hätte….

Aber er hat es nicht ahnen können und deshalb die Thesen bedenkenlos veröffentlicht, deren erste lautet: „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: ‚Tut Buße!‘ dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

Angesichts dessen, was auf uns in diesem Jubiläumsjahr noch auf uns zuzukommen droht, scheint es mir nicht unpassend, heute über diese These nachzudenken – zumal am Bußtag 2016.

„Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: ‚Tut Buße!‘ dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

Zunächst eine Vergewisserung: Was ist Buße? Buße ist nicht Traurigkeit und Trübsinn, Depression oder Melancholie. Buße ist auch nicht, was früher manche Mönche als Bußübung übten, sich geißeln und den Rücken blutig hauen. Buße ist kein Gemütszustand sondern – würde ich sage – ein Bewusstsein oder eine Grundhaltung.

Die Grundhaltung, in der man erkennt und anerkennt, dass man nicht perfekt ist, sondern seine Fehler hat und deshalb auf Nachsicht, auf Vergebung angewiesen ist. Buße wäre so gesehen - eigentlich etwas ganz normales.

Ist es aber leider nicht, weil wir die fatale Neigung ausgeprägt haben, uns erst mal nichts einzugestehen, uns selbst recht zu geben, Recht zu verschaffen, stur ins Recht zu setzen.

Darum muss uns immer wieder gesagt werden: Moment mal: Da gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was Gott will und dem, was du tust und meinst, die Diskrepanz zwischen Gottes Anspruch und unserer Wirklichkeit. Das muss gepredigt werden – meinte Luther, aber gleichzeitig muss auch gepredigt werden, dass das keine ausweglose Situation ist. Damit wir, wenn uns die Leviten gelesen werden, in der dann gewonnenen kritischen Selbsterkenntnis nicht verzweifeln, muss uns auch immer wieder gesagt werden, dass Gott uns gerade nicht an unseren Taten oder Untaten misst, sondern vergibt und einen ganz anderen unvoreingenommen, liebenden Blick auf uns hat. Beides soll also immer wieder gepredigt werden. Luther nennt das die Predigt von Gesetz und Evangelium.

Die Buße ist die Grundhaltung, die aus der Predigt des Gesetzes folgt. Sie bringt uns Gott erst nahe. Der Mensch bittet Gott um Nachsicht und Gott übt Nachsicht, tut also das, was er am besten kann und am liebsten tut: Gnädig sein.

Deshalb tut auch hin und wieder eine Bußpredigt Not und gut. Am Bußtag sollte sie ihren Platz finden.

Ich wollte also - nach dieser längeren Einführung - heute eine Bußpredigt halten. Aber ich muss gestehen, dass mir das nicht gelungen ist, ich bin an dieser Aufgabe verzweifelt und denke deshalb nun darüber nach, warum das so ist.

Was also wäre eine echte Bußpredigt?

Müsste ich lernen, den Zeigefinger durch die Luft kreisen zu lassen? Wenn man im Fernsehen Bilder von islamistischen Imamen oder Scheichs sieht, hat man den Eindruck, predigen ist dort nichts anderes als Schimpfen und Drohen.

Angstmacherei und Publikumsbeschimpfungen funktioniert vielleicht in manchen Moscheen, aber bei uns würde die Leute weglaufen. Gerade bei einer anklagenden Gesetzespredigt wäre Humor wichtig. Das hilft, die Kritik zu ertragen. Jesus hat das so gemacht. Wenn er das ewige Nörgeln der Leute kritisiert – gab’s damals auch schon – sagt er: „Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Mt 7,4f) Wer so redet, kann auch sagen: Du Heuchler!, ohne, dass die Leute weglaufen.

Wie müsste eine gute Bußpredigt sein?

Wie ich es in einem englischen Spielfilm gesehen habe, der vor etwa hundert Jahren spielt, wo ein methodistischer Laienprediger seinen Zeigefinger nicht nach oben geschüttelt hat, sondern nach unten, direkt auf die Gemeinde und dabei in pathetischem Ton ausrief: „Sünder, ihr seid Sünder! Wer von euch denkt, es sei kein Sünder, stehe jetzt auf!“ Sie blieben alle sitzen.

Die an sich richtige Überzeugung, dass uns die Buße zu Gott führt, hat in manchen dem Pietismus nahestehenden Gemeinden und Kirchen zu ritualisierten Bußpredigten und Bekehrungsritualen geführt, die deshalb besonders komisch sind, weil sie den Anschein erwecken wollen, spontan und also authentisch zu sein, während allen klar ist, dass es sich um ein Ritual handelt, also um eine Inszenierung des Authentischen. Und das ist komisch.

Wie müsste eine gute Bußpredigt sein?

Sie müsste die wirklichen Ungerechtigkeiten und Ungeheuerlichkeiten in der Welt benennen. Sie sucht also die politische Dimension, deckt die großen Linien auf, entlarvet die richtigen Sünden. Dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, hängt nicht an unseren kleinen Unzulänglichkeiten, sondern an den großen strukturellen Unzulänglichkeiten. Dann klagt die Predigt den Raubtierkapitalismus an, die Großkonzerne, die korrupten Machteliten, das Investmentbanking, die Pharmakonzernen und die Waffenlobby.

Solche Art von politischer Levitenleserei machen wir bei uns viermal im Jahr bei den Politischen Vespern. Da wir dort aber in erster Linie mit dem Finger auf andere zeigen, sind solche Anklagen in Predigtformat eigentlich keine Bußpredigten. Es heißt ja auch Politische Vesper und nicht Bußvesper. Eine echte Bußpredigt dürfte nicht mit dem Finger auf andere zeigen, die gar nicht da sind. Sie müsste schon die treffen, die ihr zuhören. Die Gemeinde bei den Politischen Vespern muss nicht umkehren. Die scheinen alle schon auf dem rechen Weg zu sein und Bescheid zu wissen.

Und zu schimpfen: Ihr verbraucht so viel Energie, fahrt zu viel Auto, fresst zu viel Fleisch, habt zu wenig Energiesparlampen – das treibt doch auch keinen in die Verzweiflung, so dass er seine Zuflucht bei der Gnade Gottes sucht. Soll er ja eigentlich auch nicht. Besser wären ein paar neue Energiesparlampen.

Im Ernst: Was sind die Themen einer guten Bußpredigt? Wenn man ins Konkrete und Praktische geht, wird’s klein, klein und man macht sich lächerlich. Eine Bußpredigt ist doch kein Volkshochschulkurs in Energieeinsparung. Geht man aber ins Große, sind wir am Ende alle sehr betroffen und sagen: Ja, die Welt ist schlimm!

Es ist schwer geworden, heutzutage eine gute Bußpredigt hinzubekommen: Sie soll treffen und nicht über die Köpfe hinwegpredigen, konkret sein, relevant, ernst und echt und nicht ein komische Inszenierung, humorvoll und keine Publikumsbeschimpfung. All das müsste eine gute Bußpredigt leisten. Dem aber bin ich nicht gewachsen.

Letztlich fällt mir doch nichts anderes ein, als dieses eine große Gebot, an dem wir alle scheitern: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,37f)

Letztlich fällt mir nichts anderes ein, als zu beklagen, wie wenig wie Gott zuvorkommenden Liebe achten, die er uns in seinem Sohn Jesus Christus entgegengebracht hat, wie gleichgültig wir sie oft hinnehmen, ungerührt, als sei sie das ewig gleiche Geschenk der Schwiegermutter, das gleich in der Schublade verschwindet: Vielen Dank, lieber Gott, das wäre aber nicht nötig gewesen.

Alles ist vergebbar, nur die Missachtung von Gottes Gnade, die ist es nicht.

„Mit Ernst, ob Menschenkinder, das Herz in euch bestellt!“

Die 21. der 95 Äußerungen in der „Zeit“ zum 499 Jahrestag des Thesenanschlags ist von Thea Dorn, Krimiautorin und bekennende Agnostikerin sagt: „Christentum ist keine Seelenwellness. Paulus erklärt, dass Gott gleich einem Töpfer das Recht habe, aus seinem Ton – sprich: uns – zu machen, was er will: Tafelgeschirr oder Machtgeschirr. Welch krasse Beleidigung menschlicher Autonomie und Würde! Doch nur solch krasses Christentum kann uns Selbstgefälligen Stachel im Fleische sein. Honig schmiert uns der Zeitgeist schon genug ums Maul.“

Darauf sag ich:

Amen.