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Predigt über Lk 4,14-22 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 13.01.2019

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Jesus aber kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Umgebung. Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen. Und er kam nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie er es gewohnt war, am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen. Und man reichte ihm das Buch des Propheten Jesaja. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen das Evangelium zu verkündigen. Er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit und Blinden das Augenlicht zu verkündigen, Geknechtete in die Freiheit zu entlassen, zu verkünden ein Gnadenjahr des Herrn. Und er tat das Buch zu, gab es dem Diener zurück und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, zu ihnen zu sprechen: Heute ist dieses Schriftwort erfüllt - ihr habt es gehört. Und alle stimmten ihm zu und staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund kamen, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?

17508 Inseln auf 5000 km über den Äquator ins Meer gestreut. Heiße Vulkane und weiße Strände, Feuer und Sonne, warmer Regen, glatte See und manchmal ein Tsunami. 260 Mio. Menschen auf diesen Inseln auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel. Viertgrößtes Land der Welt, was die Bevölkerungszahl betrifft, größtes und gleichzeitig eines der tolerantesten muslimischen Länder, mit erlaubten Minderheiten von Buddhisten, Hindus und Christen, 3 % Katholiken, 7 % Protestanten.

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Liebe Schwestern und Brüder, wir haben uns heute hier versammelt, deutschsprachige und französischsprachige, katholische und evangelische Christen zur Gebetswoche für die Einheit der Christen. Der Liturgievorschlag kommt in diesem Jahr aus Indonesien.

„Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen“, einen Appell aus dem 5. Mosebuch (Dtn 16,20) haben die Christen aus Indonesien über diesen Gottesdienst zur Gebetswoche gestellt.

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Jesus, Sohn des Zimmermanns, aufgewachsen in Nazareth, steht auf und beginnt mit seiner Mission. Zu Hause, in seiner Heimatstadt, liest er in der Synagoge. Ein Stück des Propheten, das ihm auf den Leib geschrieben ist: Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen das Evangelium zu verkündigen. Er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit und Blinden das Augenlicht zu verkündigen, Geknechtete in die Freiheit zu entlassen, zu verkünden ein Gnadenjahr des Herrn. Jesus steht nicht auf, um der Gerechtigkeit nachzujagen. Er steht auf, um die Gerechtigkeit zu bringen. Und das ist die Gerechtigkeit, die er bringen wird: den Armen Worte, die sich froh machen; den Gefangenen Befreiung; den Blinden und auch denen, die keine Perspektive mehr sehen, Licht und eine Aussicht; den Unterdrückten Freiheit, Würde, Ansehen. Er ist nicht gekommen, der Gerechtigkeit hinterher zu jagen. Er hat sie schon und bringt sie mit.

Aber in Nazareth kennen sie ihn. Sie staunen über seine Worte, ja, aber wohl mehr noch staunen sie, weil sie ihn kennen. Ist das nicht Josefs Sohn?

Dann ging er fort, nahm seinen Weg, wurde vertreiben aus seiner Stadt. Ging durch Galiläa, ging hinauf nach Jerusalem, ging in den Tod, stieg hinab ins Grab, stieg herauf aus dem Grab, fuhr gen Himmel und ging von dort weitere seinen Weg im Himmel wie auf Erden, kam mit Paulus und den Aposteln nach Kleinasien, nach Europa, nach Rom, nach Afrika, nach Deutschland, nach Wittenberg, nach Zürich, nach Genf, nach Paris und Berlin. Überall, wo er hinkam, brachte er Gerechtigkeit mit. Die Armen hörten es und freuten sich, die Gefangenen wurden frei, die Unterdrückten wurden gesehen, die Blinden hatten Aussichten. Überall entstanden Gemeinden, Hoffnung und Liebe, Glaube und Freiheit. Und aus den Gemeinden wurden Kirchen und die Kirchen machten sich mit Jesus vertraut, und fingen an, ihn einzugemeinden, für sich zu behalten, ihn zu kontrollieren, sie adoptierten ihn in ihre Familie, machten ihn katholisch, machten ihn orthodox, machten ihn lutherisch oder reformiert. Sie sagten: Ist das nicht Gottes Sohn? Unser Gottes Sohn! Den wir von klein auf kennen!

Aber da zog Jesus weiter. Denn wenn er einige Zeit da war – manchmal nach Jahrzehnten, manchmal nach Jahrhunderten - waren sie dort nicht mehr arm und gefangen, nicht mehr blind und geknechtet. Oft wurde sie die Kirche der Wohlhabenden und der Mächtigen, sie brauchten ihn nicht mehr. Er zog weiter, dorthin, wo sie sich noch freuten, wenn er zu ihnen kam.

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Und so kam Jesus auch nach Indonesien, dem Land der vielen Inseln, steht auf in einer Kirche auf Java, in einem Saal auf Sumatra, in einer Hütte auf Sulawesi, auf einem Berg in Neuguinea, schlägt auf beim Propheten und liest:

Seht meinen Diener, ich halte ihn, meinen Erwählten … Treu trägt er das Recht hinaus. Er erlischt nicht …, bis er das Recht in Kraft gesetzt hat auf der Erde; auf seine Weisung warten die Inseln. (Jes 42,1.3.4)

Und dann sehen wir den Sohn Josefs aus Nazareth, den Sohn Gottes am Hang eines Vulkans auf einer der Inseln im weiten Meer und die Armen kommen und hören ihm zu, und wir denken: Dort also ist er jetzt, dort hören sie ihn, mehr als sie bei uns auf ihn hören, dort freuen sie sich über das, was er sagt, mehr als sie sich bei uns freuen. Aber das muss uns ja gar nicht traurig machen oder neidisch. Freuen wir uns vielmehr, dass das Evangelium immer noch gehört wird, auch sehr weit weg von dort, wo es hergekommen ist und auch sehr weit weg vom nicht mehr ganz so christlichen Abendland. Dort ist er also und scheint dort noch ganz der Alte, der er einmal war, als er noch jung war und anfing und aufstand in der Synagoge von Nazareth, der, der den Armen das Evangelium bringt und ein gnädiges Jahr Gottes.

Und manchmal kommt ein Apostel von den fernen Inseln zu uns und berichtet, wie täglich viele Menschen kommen, am Evangelium Hoffnung zu schöpfen und dass Jesus da ist und dass da, wo er ist, kein Unterschied mehr ist zwischen Katholiken und Protestanten.

Und dann staunen wir über solche Worte und sagen: „Ist das nicht der Sohn Gottes?“ Dann aber schlägt uns müden Abendländern der frische Inselapostel die Bibel auf und liest beim Propheten:

Singt dem HERRN ein neues Lied, seinem Ruhm vom Ende der Erde her, die ihr hinabreicht in das Meer und die ihr darin seid, ihr Inseln und ihr, die ihr auf ihnen wohnt! (Jes 42,10)

Amen.