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Predigt über Lk 1,26-38 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 18.12.2016

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Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?

Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 

Weg war er. So plötzlich wie er gekommen war, war er wieder weg. Sie setzte sich. Vorsichtig legte sie beide Hände auf den Bauch. Als müsse sie schon eine Wölbung tasten. Sie blickte in jede Ecke der Kammer, dann an die Decke. Es war ihre Stube. Sie war bei sich. Sie kniff sich mit Zeigefinger und Daumen wie mit einer Zange in den linken Oberarm. Es tat weh. Sie träumte nicht. Sie war wach. Der wunderliche Besuch war kein Traum. Da erschrak sie von neuem. Es wäre ihr wohler, sie hätte diese Begegnung als Traum verbuchen können.

Die Worte hallten noch in ihrem Innern nach. Die des Besuchers und ihr eigenen. Sie kamen ihr so fremd vor, die Worte des Unbekannten, aber auch ihre eigenen. „Mir geschehe wie du gesagt hast.“ - „Ja, mach ich!“, sagte sie oder „Ist gut“, wenn jemand sie um etwas bat. Aber nicht: „Mir geschehe wie du gesagt hast.“ Und dass sie des Herrn Magd sei, das kam ihr jetzt auch reichlich demütig vor. Was war das für ein seltsamer Ton in ihrer Stimme, was für eine merkwürdige Färbung in ihren Worten?

***

Liebe Gemeinde, Frauen kriegen die Kinder. Das verändert ihr Leben. Männer kriegen keine Kinder. Das Leben der Männer ändert sich nicht oder kaum. Als Mann spreche ich bei diesem Thema nicht aus Erfahrung. Ich kann es mir nur denken. Vielleicht sind meine Gedanken richtig, vielleicht sind sie auch nicht richtig. Und dies sind meine Gedanken: Wenn Frauen Kinder kriegen, geschieht etwas mit ihnen, etwas, das sie nicht in der Hand haben, etwas Unbekanntes. Sie können es zwar in Kursen lernen, in Büchern nachlesen oder von ihren Müttern in Erfahrung bringen. Dann geschieht ihnen, was andere gesagt haben. Mir geschehe wie du gesagt hast. In ihnen läuft ein Programm ab, ein Programm der Natur, geschrieben in der Sprache der Gene, ausgeschüttet durch Hormone, aktiviert durch Botenstoffe. Die Natur hat auch ihre Engel.

***

Maria stand auf und ging ans Fenster. Die Hügel wölbten den Horizont in eine sanfte Linie. Die Luft war klar an diesem Morgen und der Stern grüßte in die Stube.

Der Besuch sprach von dem, was werden würde. Noch nie hatte jemand von ihrer Zukunft gesprochen. Noch nie hatte sie sich Gedanken darüber gemacht. Was soll schon werden? Man würde ihr einen Mann geben, hoffentlich einen, der gut zu ihr wäre – sie würden Kinder kriegen, hoffentlich würde sie die Geburten all ihrer Kinder überleben – und sie würde alt werden, so alt wie Elisabeth, die drüben hinter den Hügeln wohnt.

Elisabeth sei schwanger. Das hatte er doch gesagt. Unglaublich, geradezu dreist. Weiß er nicht, wie alt die schon ist? Sie wollte Kinder. Aber sie hat die Hoffnung schon aufgegeben. Elisabeth und schwanger! Ein Ding der Unmöglichkeit.

Maria erstarrte plötzlich. Sie nahm die Hände von ihrem Bauch und sah mit großen Augen nach unten. Sie schnappte nach Luft, hielt den Atem an, hörte in sich hinein. Wo hatte sie das Wort hingeworfen, das sie nicht hören wollte. Irgendwo in ihrer Seele musste es liegen. Sie kramte in jeder Ecke. Sie wusste genau, dass er es auch zu ihr gesagt hatte. Irgendwo musste es sein. Es war angekommen, aber noch nicht ausgepackt, noch nicht wahrgehabt. Sie fand das Wort und holte es sich in die Erinnerung. Sie schüttelte sich. Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebähren.

Auch sie werde schwanger. Nicht nur Elisabeth sei schwanger, auch sie, Maria werde schwanger! Beide! Weiß er, wie alt Elisabeth schon ist? Weiß er nicht wie jung sie noch ist? Wie soll das gehen, hatte sie ihn gefragt. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich, sprach da der Engel des Herrn.

***

Liebe Gemeinde, viele Frauen wollen Kinder und kriegen Kinder und sind im besten Alter dazu. Manche Frauen aber werden ungefragt schwanger, sind noch viel zu jung und noch nicht dazu bereit – außer körperlich. Und manche Frauen wollen Kinder und werden nicht schwanger, sind schon zu alt, haben sich darauf eingestellt, kinderlos zu bleiben.

Die Frauen, die Kinder wollen und Kinder kriegen, wenn sie sie wollen, sind hoffentlich die meisten auf der Welt. Sie leben vor allem in den Ländern, in denen Frauen was wollen dürfen. In denen sie sagen dürfen: Jetzt will ich ein Kind!

Die Frauen, die Kinder kriegen und selbst noch Kinder sind, zu jung für ein Wollen und für eine verantwortungsvolle Entscheidung, die leben vor allem in den ärmeren Ländern des Südens. In Kulturen wo Frauen nicht gefragt werden. Wo Kinder zu Frauen gemacht werden, viel zu früh, weil Brauchtum oder die Verhältnisse es so vorsehen.

Und die Frauen, die Kinder wollen, aber keine kriegen können, leben überall. Aber die, die keine kriegen, weil sie zu spät mit dem Wollen anfangen, leben vor allem in den reichen Ländern des Westens.

Maria und Elisabeth. Zwei Frauen, die schwanger werden. Die eine zu jung, die andere zu alt. Zwei Frauen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Diese beiden Frauen in der Biograhie des Sohnes Gottes. Im Keim schon sucht das Leben Gottes bei den Menschen auf Erden die Solidarität mit denen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht, die noch keine Hoffnung haben oder die Hoffnung schon aufgegeben haben, bei denen die Dinge noch nicht in den Horizont der Möglichkeit gerückt sind oder schon wieder hinter dem Horizont der Möglichkeit verschwunden sind.

Dann kommt ein Engel und sagt: „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich!“ Und aus manchem Kind einer zu jungen Mutter wird ein guter König, und aus manchem Kind einer zu alten Mutter wird ein ernster Visionär.

***

Weg war er. So plötzlich wie er gekommen war, war wieder weg. Sie setzte sich. Vorsichtig legte sie beide Hände auf den Bauch. Als müsse sie schon eine Wölbung tasten.

Die Worte hallten noch in ihrem Innern nach. Er werde König werden. Er werde auf dem Thron Davids sitzen. Er werde ewig herrschen. Das waren die Worte des Besuchers.

Maria ließ die linke Hand auf dem Bauch und hielt die rechte vor den Mund, damit keiner sieht, wie sie lächelte. Sie sah ihren Sohn. Er saß auf einem Thron. Er trug eine Krone. Doch dann fielen ihr die Mundwinkel, die Stirn zog sich in mehr Falten als ihr junges Gesicht vertrug. Ihr Sohn sah nicht glücklich aus. Sein Rücken war gebeugt. Er litt sichtbar. … und seine Herrschaft wird keine Ende haben. Als sich Maria die Worte des Besuchers vorsagte, sah sie, wie ihr Sohn starb. Bevor er geboren wurde, sah sie, wie er getötet wurde. Sie erschrak.

***

Liebe Gemeinde, was wird aus unseren Kindern? Was wird aus unseren Enkeln? Was werden sie tun, wenn sie groß sind? Werden sie einmal Macht über andere Menschen haben? Werden sie einmal Positionen mit Verantwortung einnehmen? Werden sie so groß werden, dass sie die Welt verändern könnten? Werden sie es auch tun, wenn sie es könnten? Werden sie die Welt verbessern können? Soll man ihnen das überhaupt wünschen? Soll man versuchen, aus ihnen Gutmenschen zu machen? Oder soll man sie lehren, in erster Linie auf sich und das eigene Fort- und Auskommen zu achten? Setzt man sie nicht einem erhöhten Lebensrisiko aus, wenn man aus ihnen Gutmachen macht, bringt man sie damit nicht in Gefahr? Können sie glücklich werden, wenn sie in diesen Zeiten Verantwortung übernehmen? Oder werden sie an der Welt leiden, die wir ihnen übergeben?

Johanna, 15 Jahre, wurde in diesem Jahr hier konfirmiert und hat sich vor drei Wochen das Leben genommen. Wir wissen nicht warum. Möglicherweise litt sie in einer Art pubertärer Übersensibilität an dieser Welt.

Wir wissen nicht, welche Wege unsere Kinder gehen werden. Wir müssen unsere Kinder ohne die Verheißung eines Engels in ihr Leben begleiten. Viele fragen und suchen nach ermutigenden Verheißungen aber nicht mehr alle Eltern bringen ihre Kinder zur Taufe. Die aber, die es tun, erhalten die Zusage, dass die Wege ihrer Kinder nicht gottverlassen sein werden. Auch wenn Eltern die Wege nicht kennen, die ihre Kinder gehen werden – Gott wird ihre Wege kennen, und wird sie mitgehen, ihren Eingang, ihren Ausgang und die Wege dazwischen, auch die Wege, die ziellos sind und abbrechen. Diese Zusage zu geben, ist ein Wagnis. Wir können hier nichts garantieren. Nicht aus uns heraus. Wir können es nur versprechen, weil es uns versprochen ist und wir es glauben. Weil Gott spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1) Weil der Engel spricht: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Maria sang damals ein Lied. Das Lied von einer besseren Welt. Es ist das Lied für ein Kind, das geboren wird. Alle Mütter, alle Väter sollen das Lied singen. Sie sollen wissen: Gott hört und Gott handelt. Er biegt zurecht, was Unrecht ist, er erhöht die Niedrigen und stößt die Gewalttätigen vom Thron. Er ist groß und er ist treu. Deshalb muss niemand Angst vor dem Leben haben.

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lk 1,46-55)

Amen.