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Predigt über Lk 10,38-42 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 03.03.2019

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Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

„Alles gut“, liebe Gemeinde!

„Alles gut“ sagt man heute, wenn sich einer bei dir entschuldigt, weil er dich einer auf der Straße angerempelt hat oder weil er versehentlich aus deinem Becher getrunken hat. „Oh Entschuldigung!“ Früher sagte man dann: „Bitte!“ Heute sagt man: „Alles gut!“

„Alles gut“ gefällt mir. Man kann darin eine tiefere Bedeutung entdecken. Durch die Irritation, durch eine Regelverletzung, dadurch, dass einer meist ja versehentlich etwas getan hat, was man nicht tut, ist die Weltordnung nicht durcheinander gekommen. Alles ist gut. Die Welt geht nicht unter, wenn du aus meinem Becher trinkst.

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„Alles gut“ ist auch der Titel eines Buches über Karl Barth, der vor 100 Jahren durch einen Kommentar über den Römerbrief Furore machte, mit der Theologie seiner Zeit in düster expressionistischem Pathos abrechnete, dann aber von dem großen Nein zu allem zu dem großen Ja zu allem kam und seine unglaublich positive, helle und schöne Theologie in einem Riesenwerk, der 13bändigen, fast 10.000 Seiten langen und unvollständigen Kirchlichen Dogmatik nicht auf den Punkt brachte. Karl Barth ist vor 50 Jahren gestorben. Wenn er noch lebte, würde er immer noch an seiner Kirchlichen Dogmatik schreiben. Sie ist eine unendliche Geschichte. „Alles gut“ ist eine gelungene Zusammenfassung von 10000 Seiten unendlicher Theologie. Ralf Frisch, der Autor des Büchleins über Karl Barth, nennt dessen Kirchliche Dogmatik eine große Metaerzählung, also eine Erzählung über die große biblische Erzählung. Diese Metaerzählung ist Theologie, vielleicht die einzig mögliche Form von Theologie, aber streng genommen keine Wissenschaft, jedenfalls nicht nach den Maßstäben der empirischen oder exakten Wissenschaft, auch nicht nach den Maßstäben der akademischen Philosophie. Ralf Frisch meint, Barth sei das bewusst gewesen, es scherte ihn nur wenig, weil er genau wusste, dass das mit der Wissenschaftlichkeit von Theologie eine heikle Sache ist. Wenn sich die Theologie zu sehr den Regeln der anderen Wissenschaften unterwirft, entfernt sie sich von der Welt, die sie eigentlich erschließen helfen soll. Wer die Wissenschaft für sich gewinnen will, läuft Gefahr, Gott zu verlieren. Mit anderen Worten: Es lässt sich einfach nicht wissenschaftlich über Gott reden. Jedenfalls nicht so, dass das Wunderbare dieses Gottes zum Vorschein kommt, dass die Rede von diesem Gott eine durch und durch gute ist, euangelion, „Alles gut!“

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„Jesus, fällt dir nicht auf, dass Maria mich völlig allein schuften lässt? So ist das immer“, ruft Martha aus der Küche. „Wir haben Besuch, sie setzt sich mit dem Besuch an den Tisch und ich muss alles richten. Sag ihr bitte, sie soll mir helfen.“ – „Alles gut!“, sagt Jesus. „Maria hat das gute Teil gewählt!“

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Maria und Martha, eine vieldeutige Geschichte. Maria und Martha gibt es in jeder Familie, die einen schmeißen den ganzen Haushalt und die andern hocken vorm Fernseher. Maria und Martha gibt es in jeder Gemeinde. Die einen stehen in der Küche und die andern schwadronieren.

Maria und Martha, die beiden stehen aber auch seit jeher für Grundformen christlicher Existenz. Maria, die Hörende, die Empfangende, die Passive, die Kontemplative, die ganz auf das Gegenüber Konzentrierte. Martha, die Tätige, das Effektive, die Gebende, die sich Kümmernde, die Aktive, die Diakonische.

Im Mittelalter unterschied man zwischen der vita activa, für die Martha steht, und der vita contemplativa, für die Maria steht. Diese beiden Grundformen christlicher Existenz wurden auf die Stände aufgeteilt, bildeten also gesellschaftliche Gruppen ab: die vita activa ist das Leben der normalen Christen, die eben aktiv im Leben stehen und sich nach den Geboten richten. Die vita contemplativa ist das Klosterleben, das Leben im Gebet, in der Meditation, in der besonderen Nachfolge Christi, ein Leben, das sich nicht nur an den Geboten orientiert, sondern auch an schärferen Regeln der Bergpredigt.

Die Reformation hat dieser Deutung von einem normalem und einem besseren Christentum ein Ende gemacht und sich ganz auf die Seite Marias geschlagen. Maria ist die, die dem Herrn zuhört. Maria ist die wahre, die evangelische Kirche, die sich ganz auf das Evangelium verlässt, allein auf das, was Gott zusagt, die sich von Gott retten lässt und der diese Gnade alles ist, indem sie ihr genügt. Martha aber ist die Papstkirche, wo man das Heil im eigenen Tun, in den Werken sucht, wo man sich mehr auf seine eigenen Leistungen verlässt als auf Gottes Zusagen.

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Liebe Gemeinde, ich will, dass wir uns entscheiden. Ich will, dass wir uns ganz auf eine Seite schlagen und zwar auf die richtig. Ich will, dass wir uns zu Maria stellen – entschieden, mit reinem Gewissen, konsequent. Ich will, dass wir wirklich evangelisch werden.

Sich auf Marias Seite schlagen heißt: Sitzenbleiben und zuhören. Und wenn Martha mahnt, weiter sitzen bleiben und zuhören. Und wenn Martha anfängt hysterisch oder panisch zu werden, dann erst recht sitzen bleiben und zuhören. Das ist evangelisch: Sitzen bleiben und zuhören.

Es ist nicht leicht, sitzen zu bleiben und weiter seelenruhig zuzuhören, wenn Martha aus der Küche ruft. Denn Martha hat ja recht. Nicht nur, dass in der Gemeinde auch jemand den Kaffee kochen muss. (Predigtnachgespräch?) Ganz grundsätzlich hat Martha recht. Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jak 1,22) Wer traut sich, da zu widersprechen?

Darum ist die Versuchung groß, einen Ausgleich zwischen Maria und Martha zu suchen. Warum muss man sich entscheiden? Kann man nicht das eine und das andere haben. Muss man nicht sogar Maria und Martha sein? Wir werden – als evangelisch Christen – Maria einen gewissen Vorrang geben. Maria kommt zuerst. Zuerst müssen wir auf das Wort hören. Dann aber kommt Martha zum Zug. Dann müssen wir das Gehörte auch tun – oder wie wir gerne sagen: Wir müssen das Wort bezeugen und zwar im Tun. Zuerst auf Gott hören, dann aber sich dem Nächsten zuwenden. Zuerst Sonntag, aber dann wird es wieder Montag. Was wäre das für ein Christentum, das nur Bibel liest und betet und nicht auch etwas tut? Die Kirche braucht die Diakonie, um glaubwürdig zu sein.

Das sind Marthas Einwände und Appelle. Man kann sich ihren Argumenten kaum verschließen.

Doch es kommt hier alles darauf, jetzt standhaft zu bleiben und das heißt, sitzen zu bleiben, bei Maria zu bleiben und zuzuhören.

Denn das, was es da zu hören gibt, ist eigentlich unglaublich. Eine große Geschichte, die große Geschichte Gottes mit den Menschen. Wenn man sie ein ganzes Leben gehört hat und dann ein Fazit zieht, dann kann man auf zwei Wörter kommen: „Alles gut.“

Alles gut. Damit beginnt die Bibel und damit hört sie auf. Gut nennt Gott alles, was er gemacht hat. Und siehe, es war gut. Schließlich macht er den Menschen. Den nennt er gar sehr gut. Doch warum ist es dabei nicht geblieben? Die Menschen haben Gottes Qualitätsurteil „sehr gut“ nicht angenommen, haben es Gott nicht geglaubt. Wir wollen es selbst prüfen, selbst wissen, selbst ein Urteil bilden, was gut und was böse ist. Wir sind ganz versessen nach Ethik, weil wir es selbst richten wollen und denken, wir könnten es auch selbst richten. Wir wollen es uns nicht so einfach von Gott sagen lassen.

Die Bibel erzählt genau diese Geschichte, eine unendliche Geschichte von Gehorsam und Ungehorsam, von Hören und Nicht-Hören, von Verirrung und Befreiung, von Untergang und Rettung, von Tod und Leben. Sie erzählt diese Geschichte aber so, dass alle Verwirrung, jeder Untergang und der Tod daher kommen, dass die Menschen nicht hören, und dass alle Befreiung, jede Rettung und das Leben daher kommen, dass Gott es wieder richtet. Gott hat alles gut gemacht, von Anfang an und er macht auch alles wieder gut, was wir Menschen verbockt haben. Wir haben es vermasselt, weil wir nicht gehört haben. Aber Gott hat nicht gesagt: Selbst schuld, hättest mal besser auf mich gehört. Sondern hat es wieder gut gemacht.

Um das Vertrauen der Menschen wieder zu gewinnen, hat er alles auf eine Karte gesetzt, hat sich erst auf ein Volk konzentriert, Israel, dem er sich zuwendete, und sich dann nochmal auf einen einzigen Menschen konzentriert, um das Stellvertreterprinzip noch einmal zu steigern: Einer für alle. Der allerletzte Satz der Bibel lautet: Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen. (Offb 22,21)

Anfang gut, Ende gut, alles gut. Das ist die unendliche Geschichte der Menschheit, die in ihrer biblischen Abbildung oder - besser gesagt - in ihrer biblischen Vorlage einen guten Anfang und ein gutes Ende hat. Alles gut.

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Und nun? Nun lassen wir es gut sein. Lassen gut sein, was Gott gut gemacht hat, gut macht und gut machen wird. Lassen wir es gut sein! Hören wir auf, Gott unter die Arme zu greifen. Hören wir auf zu meinen, Gott brauche unsere Hilfe, damit es gut wird. Denn daher kommt es ja, dass alles nicht mehr gut ist, dass alles schief geworden ist und nichts mehr stimmt. Weil wir es nicht gut sein lassen können. Weil wir meinen, es besser machen zu müssen. Weil wir ihr misstrauen. Weil wir dem Evangelium misstrauen, das einfach sagt: Alles gut!

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Ich sehe skeptische Blicke. Damit muss man rechnen. Nichts ist schwerer zu glauben als das Evangelium, nichts ist schwerer zu glauben, als diese gute Botschaft.

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Der Herr aber sprach: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Jesus bestätigt Maria und setzt Martha ins Unrecht. Jesus sucht nicht den Kompromiss. Jesus sagt nicht zu Maria: Du kannst nicht nur zuhören, du musst auch etwas tun, und sagt nicht zu Martha: Aktionismus bringt’s nicht, du musst, erst mal zuhören und nachdenken, bevor du loslegst. Jesu Auskunft ist eindeutig. Die gute Seite ist bei Maria. Zuhören – ohne Abstriche, kompromisslos.

Lass gut sein, Martha. Wir bleiben bei Maria. Wir lassen uns das gute Teil nicht nehmen. Wir lassen uns das Evangelium nicht vermiesen.

Eine Klarstellung zum Schluss:

Heißt das, dass das Betreten der Küche hinfort verboten ist? Heißt das, dass die Werktage abgeschafft sind und jeden Tag Sonntag ist? Heißt das also, wir dürfen nichts mehr tun? An keiner Stelle das tun, was Gott von uns will?

Nein, das heißt es nicht, davon kann keine Rede sein. Aber eben genau dies: All dies ist nicht der Rede wert.

Der Rede wert ist das Evangelium und nur das Evangelium. Diese unendliche Geschichte, die einen guten Anfang hat und ein gutes Ende und von der sich jetzt schon sagen lässt: Alles gut! Aber weil gerade das so schwer zu glauben ist, haben wir alle Hände voll zu tun, diese unendliche Geschichte zu erzählen. Sie immer wieder zu erzählen, sie immer wieder zu hören. Lass dir an meiner Gnade genügen, schrieb Paulus einmal (2. Kor 12,9). Man kann nicht genug hören, dass wir an der Gnade Gottes genug haben. Dass wir gut sein lassen können, was Gott gut gemacht hat. Und er hat alles gut gemacht, den Anfang und das Ende und auch alles dazwischen.

Wir bleiben entscheiden bei Maria und lassen uns von Martha nicht irremachen. Irgendwann, nach langem Zuhören, steht Maria auf und geht in die Küche. Doch das ist nicht der Rede wert.

Wir alle sind Maria. Und morgen tun wir alle, was zu tun ist. Aber das ist wie gesagt nicht der Rede wert. Denn heute schon lässt sich sagen: Alles gut!

Amen.