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Predigt über Joh 8,2-11 (Pfrin. M. Waechter) vom 26.08.2018

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Liebe Gemeinde,

Nora hat sich einen besonderen Taufspruch ausgesucht. Er heißt: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Um diesen Spruch zu verstehen, müssen wir nicht nur die Geschichte kennenlernen, in der dieser Satz fällt. Um Noras Taufspruch gut zu verstehen, wollen wir zunächst einem Gespräch zuhören, das irgendwo in Berlin an einem Küchentisch geführt wird:

T: Mama, was ist eigentlich Sünde?

M: Wie kommst du denn darauf?

T: Naja, Nora hat erzählt, dass sie neulich getauft wurde. Und da durfte sie sich so einen Spruch aussuchen. Und da kam das vor.

M: Meinst du den Taufspruch? Wie hieß der denn?

T: Wer ohne Sünde ist, wirft den ersten Stein. Oder so ähnlich. Was soll das denn heißen?

M: Hast du Nora nicht gefragt?

T: Nee, wir haben dann über was anderes geredet.

M:Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Das sagt Jesus in einer Geschichte in der Bibel. Also, Sünde ist alles, was gegen Gottes Gesetze verstößt. Du kennst doch die 10 Gebote, oder?

T: Du sollst nicht töten, und so?

M: Genau. D.h. wer tötet, begeht eine Sünde, wer stiehlt auch, wer lügt usw. Die Gebote sind nicht einfach einzuhalten. Z.B. du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Oder das letzte Gebot: du sollst nicht neidisch sein.

T: Ja, neidisch ist doch jeder irgendwann mal. Dann habe ich auch schon eine Sünde gemacht?

M: Früher hat man gesagt: Alle Menschen sind Sünder. Man hat den Menschen damit Angst gemacht. Das will man heute nicht mehr. Aber irgendwie stimmt es doch. Das gute ist, dass Gott trotzdem auf unserer Seite ist und das ist uns heute wichtiger. In der Geschichte, aus der Noras Taufspruch stammt, geht es darum, dass alle Menschen schon mal etwas Schlechtes getan haben und bevor sie über andere urteilen, sollen sie erstmal überlegen, was sie selber falsch gemacht haben.

T: Das finde ich gut.

M: Ja, Nora wahrscheinlich auch. Deshalb hat sie sich den Taufspruch ausgesucht.

 

Liebe Gemeinde,

wir kommen zurück aus der Küche in die Kirche. Nun wissen wir ungefähr, was mit Sünde gemeint ist. Die Geschichte, aus der Noras Taufspruch stammt, habe ich in keiner Kinderbibel gefunden. Einerseits kann ich das verstehen. In der Geschichte soll eine Frau gesteinigt d.h. getötet werden, die beim Ehebruch ertappt wurde, d.h. diese Frau hatte ihren Ehemann mit einem anderen Mann betrogen. Ehebruch und Steinigung sind Erwachsenenthemen. Davon müssen Kinder in ihren Bibeln nichts lesen.

Andererseits – Nora kennt die Geschichte und ist begeistert von ihr. Wenn ich Nora fragen würde, wäre sie sicher dafür, sie in jede Kinderbibel aufzunehmen. Und zwar nicht wegen des Konfliktes um den Ehebruch. Ich glaube, worum es in dem Konflikt genau geht, ist Nora ziemlich egal. Und ich denke, da hat sie Recht. Es geht allgemein, um den Umgang mit einem Menschen, der etwas falsch gemacht hat. Und das besondere an der Geschichte ist, was Jesus sagt und tut und wie er es schafft, den Konflikt zu lösen.

Und Konflikte gibt es immer und überall. Konflikte sind kein Erwachsenenthema.

Wir gucken uns mal verschiedene Konflikte an:

Ein Konflikt in der Schule:  Anna schreit: Frau Müller, Julian hat meinen Füller kaputt gemacht. Schauen Sie mal her, die Spitze ist abgebrochen. Ein anderes Kind ruft: Ja, Julian macht immer alles kaputt. Alle reden durcheinander. Julian sitzt allein am Tisch. Frau Müller geht zu ihm hin. Ist das wahr, Julian? Hast du Annas Füller kaputt gemacht? Julian: Gar nicht. Ich habe mir den nur ausgeliehen. Anna hat ihn mir doch gegeben. Und dann hat mich irgendwer angerempelt. Ich weiß auch nicht. Da ist die Spitze abgebrochen. Vielleicht war der schon kaputt. Anna schreit wieder: Das stimmt doch gar nicht! Du Blödmann! Der Füller war von meiner Schwester, was soll ich der jetzt sagen?

Ein Konflikt zuhause: Als Lina nach Hause kommt, blickt die Mutter sie ernst an. Lina, ich muss mit dir reden. Was ist denn los? fragt Lina.  Komm, wir setzen uns. Also, deine Klassenlehrerin hat mich angerufen. Sie sagt, du hast eine Entschuldigung mit gefälschter Unterschrift abgegeben. Stimmt das? Lina wird knallrot und sagt: Nein, das stimmt nicht, wie kommt die darauf? Die Mutter wird ärgerlich: Lina, erst fälscht du meine Unterschrift und jetzt lügst du mich auch noch an. Das ist unmöglich! Was soll ich nur mit dir machen?

Und nun der Konflikt, den Jesus löst:

2 Früh am Morgen war Jesus wieder im Tempel. Das ganze Volk versammelte sich um ihn, und er setzte sich und begann zu lehren

3 Da kamen die Schriftgelehrten und die Pharisäer mit einer Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte, sodass jeder sie sehen konnte.

4 Dann wandten sie sich an Jesus. »Meister«, sagten sie, »diese Frau ist eine Ehebrecherin; sie ist auf frischer Tat ertappt worden.

5 Mose hat uns im Gesetz befohlen, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?«

6 Mit dieser Frage wollten sie Jesus eine Falle stellen, um dann Anklage gegen ihn erheben zu können. Aber Jesus beugte sich vor und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie jedoch darauf bestanden, auf ihre Frage eine Antwort zu bekommen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen.«

8 Dann beugte er sich wieder vor und schrieb auf die Erde.

9 Von seinen Worten getroffen, verließ einer nach dem anderen den Platz; die ältesten unter ihnen gingen als Erste. Zuletzt war Jesus allein mit der Frau, die immer noch da stand, wo ihre Ankläger sie hingestellt hatten.

10 Er richtete sich auf. »Wo sind sie geblieben?«, fragte er die Frau. »Hat dich keiner verurteilt?« -

11 »Nein, Herr, keiner«, antwortete sie. Da sagte Jesus: »Ich verurteile dich auch nicht; du darfst gehen. Sündige von jetzt an nicht mehr!«

Das ist die Geschichte, in der Noras Taufspruch steht. »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen.« Darin steckt nicht wirklich die Aufforderung, dass der, der ohne Sünde ist, den ersten Stein werfen soll. Sondern in dem Satz schwingt etwas ganz anderes mit. Nämlich die Aufforderung sich an die eigene Nase zu fassen, sich Gedanken zu machen:  Was habe ich eigentlich getan? Wer bin ich, dass ich über andere urteile? Darf ich das überhaupt? Und die Männer in der Geschichte machen sich diese Gedanken und sehen tatsächlich ein, dass sie die Frau nicht verurteilen dürfen.

Ich glaube, das gefällt dir, Nora: die Erkenntnis, alle haben schon mal Mist gebaut. Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen.

Und dann ist noch etwas an der Geschichte, dir sehr wichtig: Nämlich, dass Jesus selber auch niemanden verurteilt. Er hätte aufspringen können und den Männer hinterherlaufen: Seht ihr, ihr alle seid Sünder, ihr gehört alle verurteilt. Er hätte auch der Frau ins Gewissen reden können. Aber das alles tut er nicht. Sie alle dürfen einfach nach Hause gehen.

Ich habe vorhin gesagt, dass es in der Geschichte allgemein um einen Menschen geht, der etwas falsch gemacht hat und das Thema Ehebruch nicht entscheidend ist.

Aber ich frage mich doch, ob uns die Geschichte genauso gut gefallen würde, wenn die Angeklagte etwas schlimmeres getan hätte. Würden wir bei einem Verbrecher, den Jesus nach Hause schickt, auch nicken und sagen: ja, wir alle haben schon gesündigt? Würden wir zufrieden sein, wenn er einfach nach Hause geschickt wird? Ich glaube, uns gefällt die Geschichte und Jesu Reaktion so gut, weil Ehebruch für uns keinen Straftatbestand darstellt. Allein die Tatsache, dass dafür eine Frau, - und was ist eigentlich mit dem Mann? -  verurteilt werden soll, halten wir ja schon für völlig unangemessen, übertrieben und veraltet. Auch darum sind wir von Jesu Reaktion so begeistert. Und wir merken wie schwer es ist, seine Reaktion auf andere Konflikte zu übertragen. Wir wollen es dennoch einmal versuchen.

Was würde Jesus zu unseren Konflikten in der Schule und zuhause sagen?  Der kaputte Füller von Anna? Die gefälschte Unterschrift von Lina?

Bei der Geschichte in der Bibel, nimmt er erstmal Luft aus dem aufgeheizten Konflikt. Er stimmt nicht in das allgemeine Geschrei der Männer ein. Er zieht sich zurück, ohne zu gehen. Er lässt alle ausreden. Er sucht den richtigen Zeitpunkt, um zu antworten.

Das können wir uns bei ihm für unsere Konflikte abgucken. Durchatmen, abwarten, nicht rumschreien, erstmal zur Ruhe kommen, zuhören. Den richtigen Zeitpunkt abwarten, wenn sich die Gemüter beruhigt haben, um zu reagieren.

Und Noras Taufspruch, kann uns helfen:

Fass dir erstmal an die eigene Nase, bevor du andere beschuldigst.

Vielleicht würde Jesus zu den Kindern in der Klasse sagen: Euch ist doch allen schon mal ein Missgeschick passiert. Sachen gehen manchmal kaputt. Verurteilt euch nicht gegenseitig.

Und zu Linas Mutter: Hast du nicht auch schon einmal gelogen? Lina weiß, dass sie so etwas nicht machen darf. Sie soll uns erklären, warum sie das getan hat. Ich denke, sie wird es nicht wieder tun.

Jesus verurteilt nicht. Er vertraut auf die Selbsterkenntnis der Menschen. Er vertraut darauf, dass sie ihre eigenen Fehler erkennen und nicht wiederholen. Er zeigt, dass er sie unabhängig von ihrer Tat wertschätzt. Das können wir auch versuchen.

Nora, danke, dass du uns heute deinen schönen Taufspruch mitgebracht hast.

Amen