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Predigt über Joh 6,47-51 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 31.03.2019

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Die Satten

Sie wurden satt. Obwohl sie murrten wurde sie satt. 40 Jahre in der Wüste und jeden Morgen satt und jeden Abend satt. Abends Fleisch, morgens Himmelsbrot, Manna. Es fiel von den Bäumen, es fiel vom Himmel.

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Sie wurde satt. Die zu ihm kamen, wurden satt. Von 5 Broten und zwei Fischen. 5000 Leute. Dann folgten sie ihm um den See. Weil sie satt wurden. Satt von wenigem. Weil das reichte, was er ihnen gab. Weil das satt machte. Sie wollten immer satt werden.

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Er, der sie satt machte, hungerte. In der Wüste, 40 Tage lang. Er murrte nicht. Auch nicht, als Satan kam und mit ihm handeln wollte. Er solle aus Steinen Brot machen, wenn er Gottes Sohn sei. Jesus widerstand der Versuchung, sich auf Teufel komm raus beweisen zu wollen. Er widerstand mit einem Wort, das bis heute alle satt macht, die hungern: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Worte, das aus Gottes Mund kommt.

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Nachdem er die 5000 satt gemacht hatte, folgten sie ihm. Da argwöhnt Jesus, sie folgten ihm nicht, weil sie ein Zeichen Gottes gesehen haben, sondern weil sie satt geworden sind.

Und dann sagt er etwas, das schmeckt bis heute, etwas, das nicht hart wird und nicht schimmelt, etwas, das lebt und frisch bleibt bis heute. Er sagt:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.

Ich bin das Brot des Lebens.

Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.

Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.

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Der Hunger der Satten

Wer Hunger hat, liebe Gemeinde, läuft dem nach, der Brot gibt. Wer satt ist, läuft so schnell keinem mehr nach. Darum: Wenn man verhindern will, dass die Leute den Scharlatanen und Populisten nachlaufen, muss man sie satt machen, muss ihnen Brot geben und die Grundbedürfnisse des Lebens befriedigen: Wasser und was zu essen, Wohnung und Bildung, Gesundheitsversorgung und Sicherheit und menschenwürdige Arbeit.

Jesus ist kein Scharlatan und kein Populist. Er gibt den Leuten erst Brot. Erst wenn sie satt sind, spricht er vom Hunger nach Leben. Den gibt es auch. Heute mehr denn je. Dieser Hunger grummelt nicht im Magen. Dieser Hunger ist da. Vielleicht bei den Satten mehr als bei den Hungrigen. Denn wer den Hunger im Magen hat, spürt vor allem den Magen und weniger die Seele. Erst wer satt ist, spürt den Hunger der Seele.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Worte, das aus Gottes Mund kommt.

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Brot und Wort

Früher waren die Menschen sehr mit ihrem Broterwerb beschäftigt. Sie waren Jäger und Sammler und mussten den ganzen Tag jagen und sammeln, um nicht zu verhungern. Sie waren zu müde, um viele Worte zu machen. Dann wurden sie Bauern und Handwerker und mussten den ganzen Tag ackern und hämmern, um nicht zu verhungern. Sie waren immer noch zu müde, um viele Worte zu machen. Dann wurden sie Arbeiter und standen den ganzen Tag in der Fabrik, um ihren kargen Lohn zu erhalten. Immer noch waren sie zu müde, um viele Worte zu machen. Dann aber kamen die Maschinen und machten alles auf dem Feld und in der Fabrik und die Maschinen machten auch die Maschinen, die die Maschinen machten. Jetzt gibt es viel Brot, kaum einer muss mehr hungern, die Menschen haben Zeit und wenn sie Zeit haben, fangen sie an, Worte zu machen.

Die Menschheit wird immer eloquenter. Wir reden immer mehr, immer länger, zu immer mehr Menschen. Wir leben nicht mehr vom Brot allein. Wir leben zunehmend auch von den Wörtern, die aus unserem Mund kommen.

Und wir streuen die Wörter in alle Welt. Die Erfindung der Schrift war eine erste Revolution. Die Worte weniger wurden festgehalten für wenige andere. Die Erfindung des Buchdrucks war die nächste Revolution. Die Worte weniger wurde für viele festgehalten. Das Internet ist die nächste Revolution. Die Worte ganz vieler werden für ganz viele andere in einem Dauerstrom, einer Art weltweitem Wortplasma um die Erde gekreist.

Nun gibt es die Wörter überall auf der Welt im Überfluss. Ebenso die Bilder. Eine Wortinflation. Eine Bildinflation. Die Wörter und die Bilder sind billig geworden. Und schnell. Und weil sie so billig und schnell, schnell zu haben und schnell zu senden sind, gibt man nicht mehr acht auf sie. Da geht es den Wörtern wie allen billigen Dingen: Sie verlieren die Achtung, die Wertschätzung. Jeder kann seine Meinung, seine Wut, sein Ego, seine Verzweiflung und seinen Irrsinn ungehemmt ins Wortplasma schicken und um die Welt kreisen lassen. Das ist ein Problem. Es entwertet das wertvollste, was wir haben: unsere Wörter, unsere Sprache.

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Was uns Satten fehlt, sind die guten Worte. Die, die wir uns selber sagen, die, die wir uns gegenseitig sagen und die, die wir uns sagen lassen, die uns von oben kommen, vom Himmel wie das Manna. Worte, die uns nähren und heilen anstatt der vielen Wörter die uns ausmergeln und verletzen. Es gibt so viele Wörter, die den Äther beschallen, und so wenig Worte, die die Seelen satt machen.

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Brot, das schmeckt

Ich bin das Brot des Lebens, sagt Jesus im Johannesevangelium.

Es sind Worte wie diese, die auf einmal schmecken. Einfache, alte Worte, die den Hunger nach Leben stillen.

Vertraute Worte, die einem das Gefühl geben, zu Hause zu sein.

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Es ist wie nach einer langen Reise. Ich war weit weg. Ich habe mich für die fremden Kulturen interessiert. Ich habe exotische Speisen gekostet, Fische, die es bei uns nicht gibt, Gemüse, die hier keiner kennt, Gewürze, die ich noch nie geschmeckt habe. Ich fand all das großartig. Aber jetzt komme ich nach Hause und freue mich auf das Brot von meinem Bäcker. Das alt vertraute Brot. Ich kenne seinen Duft, ich weiß, wie es schmeckt.

Man kommt doch am Ende immer wieder gern nach Hause. Man kommt doch am Ende immer wieder gern auf das alt vertraute zurück. Die alten Worte, die vertraute Sprache. Manchmal will man etwas Neues hören. Etwas Neues sehen, etwas Neues erleben. Aber das hält nicht lange an. Früher oder später hat man es satt und will nach Hause. Zum Vertrauten. Auch zu den vertrauten Worten. Der Gaumen braucht das Brot, die Seele braucht die bekannten Worte, die biblische Sprache. Nicht immer verständlich und trotzdem vertraut.

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

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Brosamen zum Leben

In der Lutherbibel sind diese nahhaften Stücke fett gedruckt. Das ist bequem. Manche sagen, das sei Rosinenpickerei, man müsse immer das ganze Menü bestellen, man müsse immer den ganzen Zusammenhang lesen. Aber das stimmt nicht. Das Menü ist etwas für den Sonntag, den Feiertag oder das Bibelgespräch am Dienstag. Im Alltag müssen die Happen reichen, die Brosamen, die Stulle mit Butter und Schinken. Die fett gedruckten Stücke, die Losungen des Alltags, die biblischen Wortfetzen in den Tiefen des Gedächtnisses.

Man muss nicht wissen, wie der Bäcker mein Lieblingsbrot gemacht hat, es reicht sein Geruch, es reicht sein Geschmack, um mich glücklich zu machen, wenigstens für einen Augenblick. Man muss nicht jedes Wort aus Gottes Mund verstehen, muss nicht immer seinen Kontext kennen und die ursprüngliche Bedeutung all seiner Wörter. Es reicht oft sein Klang, das Bild, das es vor Augen stellt, um mich glücklich zu machen, zu trösten, zu beruhigen, wenigstens für einen Augenblick.

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Gott schmecken

Ich bin das Brot des Lebens. Das Wort ward Fleisch. Zwei Sätze des Johannesevangeliums.

Die Wortwelt der Bibel ist konkret. Weil sich der Glaube von diesen konkreten Wörtern nährt, ist auch der Glaube konkret. Denn auch das Leben ist immer konkret. Der Glaube darf denken, aber er muss nicht dabei stehen bleiben. Er darf, er soll auch schmecken und riechen, weil die Worte Geschmack haben und duften. Was das Wort Gottes sagt, will mit allen Sinnen erfahren werden. Anders ist die Wahrheit von Gottes Wortes nicht zu haben. Der christliche Glaube ist nichts für Elfenbeinturmphilosophen und nichts für Wüstenasketen.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt, sagt Jesus.

Es gibt keinen Unterscheid zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich gebe. Ich bin das Weizenkorn, das in die Erde gefallen ist und gestorben ist und das deshalb viel Frucht bringt. Ich bin, was ich gebe: Brot und Fleisch, Wein und Blut, mein Leben für dein Leben, damit du leben kannst mit allen Sinnen, riechen und schmecken, sehen und tasten kannst die Wahrheit und das Leben, das dein Leben ist und das Kribbeln der Liebe Gottes in der Seele.

Ich bin das Brot des Lebens. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. (Ps 34,9)

Amen.