Zur Textversion

Predigt über Joh 3,14-21 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 17.03.2019

[als PDF]

 

Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.

Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.

Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.

Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.

Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind.

 

„Dies ist die größte Krise, in der sich die Menschheit je befunden hat.“ Eine Wollmütze auf dem Kopf, einen dicken Schal um den Hals steht sie im Schnee und sagt diesen Satz. Sagt ihn in bestem Englisch und blickt dem Reporter fest in die Augen. Der Blick ist eindringlich und der Mund schief. Es ist nicht der Blick, es ist nicht der Mund, es ist nicht die Sprache eines Mädchens. Es ist der Blick, der Mund, die Sprache eines Erwachsenen. Sie ist 16, aber wie sie so dasteht, sieht sie aus wie 12.

Schüler und Schülerinnen, Jünger und Jüngerinnen, auch Reporter und Polizisten stehen um sie herum. Und doch gibt es eine selbst im Fernsehen noch zu spürende Distanz zwischen Greta und all den anderen.

Ihr Vater erklärte einem Reporter, Greta mache, was sie wolle. Sie entscheide alles ganz allein. Die Eltern nehmen keinen Einfluss auf das, was sie mache. Nicht alles, was sie macht, gefällt dem Vater. Aber er wirkt nicht so, als habe er die Absicht, daran etwas zu ändern. Vielleicht kann er daran auch nichts ändern. Nicht bei Greta.

Greta Thunberg ist ein ungewöhnliches Mädchen. Ein Kind und doch kein Kind. Dem Tagesspiegel sagte sie: „Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten.“ Greta argumentiert erwachsen, um das Recht eines Kindes in Anspruch nehmen zu dürfen.

***

Nikodemus fängt ein Gespräch mit Jesus an. Der Pharisäer sagt: Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Darauf sagt Jesus: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. (Joh 3,2f) Amen, amen, ich sage dir: Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir, doch unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. (Joh 3,11)

Jesus redet gestochen scharfe und doch auch seltsame Sätze. Greta Thunberg auch.

Greta hat Asperger. Menschen mit Asperger werden so beschrieben. „Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Menschen mit Asperger-Syndrom finden den Umgang mit anderen Menschen und den Aufbau von Beziehungen schwierig. Sie haben aber gute sprachliche Fähigkeiten. Sie neigen dazu, Dinge wörtlich zu nehmen.“

Hatte Jesus auch Asperger? Jedenfalls gibt er seltsame Antworten. Er hatte gute sprachliche Fähigkeiten und vielleicht auch eine sog. Inselbegabung. Als er 12 war, hat er gemacht, was er wollte. Die Eltern haben die Kontrolle über ihn verloren. Er saß im Tempel und disputierte mit den Schriftgelehrten. „Alle, die ihn hörten, waren verblüfft über seinen Verstand und seine Antworten“ (Lk 2,47) In den drei ersten Evangelien allerdings begegnet uns ein Jesus, der den Umgang mit anderen Menschen offensichtlich nicht schwierig fand. Ganz im Gegenteil. Anders jedoch im Johannesevangelium. Da redet Jesus viel und sonderbar, sehr tiefgründig und sehr wissend, mal gestochen scharf, mal wie aus einer anderen Welt, eher autistisch als authentisch. Die Kommunikation ist eher schwierig, die Dialoge sind nicht gerade das, was man heute eine gelungene Kommunikation nennen würde. Autistisch heißt: bei sich selbst seiend. Der Jesus im Johannesevangelium ist ziemlich bei sich selbst und bei seinem Vater. Oft redet er von sich in der dritten Person, was auch nicht so ganz natürlich ist.

***

Greta Thunberg, das kleine Mädchen mit der Wollmütze, das wie eine Erwachsene spricht, ist schnell berühmt geworden. Nach den Ferien ging sie nicht mehr zur Schule, sondern stellte sich mit einem Schild vor den Reichstag in Stockholm. Sie war erst ganz allein. Seit September protestiert sie nur noch freitags. So lange, bis die Regierung tut, was Greta will. Greta will nichts für sich, nur etwas für die Welt. Nichts Geringeres als deren Rettung. Greta geht so lange freitags nicht zur Schule, bis die Schwedische Regierung ihren Teil zur Weltrettung tut.

Gretas Thema ist die Krise. Sie sagt: „Dies ist die größte Krise, in der sich die Menschheit je befunden hat. Zuerst müssen wir dies erkennen und dann so schnell wie möglich etwas tun, um die Emissionen aufzuhalten, und versuchen, das zu retten, was wir noch können.“

***

Im Johannesevangelium spricht auch Jesus von der Krise. Zu Nikodemus sagte er: Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Im griechischen Text steht krise. Dieses griechische Wort wird meist mit richten, Gericht usw. übersetzt. Lassen wir das Wort unübersetzt und hören den Satz noch einmal: Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass der die Welt in die Krise führt, sondern dass er sie aus der Krise führt. Und: Wer an den Sohn glaubt, kommt nicht in die Krise. Wer an den Sohn glaubt, wird nicht gerichtet. Vielmehr ist er schon gerettet, durch die Krise hindurch. Wer nicht glaubt, ist aber in der Krise.

Das Gericht hat schon stattgefunden. Das Johannesevangelium hat das Gericht vorverlegt. Es ist nicht das Jüngste Gericht am Ende aller Zeiten. Es hat schon getagt an jenem denkwürdigen Tag, als der Menschensohn erhöht wurde und sprach: Es ist vollbracht! (Joh 19,30) Das war ein Freitag, a Friday for Future. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab. Gott ließ seinen Sohn an Stelle der schuldig gewordenen Welt verurteilen. Das Gericht hat getagt, die Welt hat ihr Urteil empfangen, zur Überraschung aller Prozessbeobachter bis heute wurde sie freigesprochen, ein Einziger wurde stattdessen verurteilt, die Krise ist gelöst. Man muss das Urteil nur noch annehmen, glauben. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen.Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet. Doch nie tat sich die Welt so schwer, einen Freispruch anzunehmen. Es ist kaum zu glauben, dass die Krise schon gelöst sein sollte. Das aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.

***

Auch Greta Thunberg glaubt, dass die Krise gelöst ist. Sie erklärte neulich: „Einige Leute sagen, dass ich studieren sollte, um Klimawissenschaftlerin zu werden, damit ich die Klimakrise lösen kann. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Die Krise ist gelöst. Unser Wissen hat sie gelöst. Wir wissen, was zu tun ist. Jetzt müssen wir es nur noch tun. Für Greta ist das ganz einfach und sie versteht nicht, wieso es für andere nicht so einfach ist, vor allem für die Politiker nicht so einfach ist. Das Licht ist in der Welt, doch die Menschen lieben die Finsternis.

***

Greta Thunberg und Jesus Christus. Das autistische Mädchen und der eingeborene Sohn.

Ein kühner Vergleich, ich gebe es zu. Für machen möglicherweise gar ein Sakrileg. Aber es ist ja etwas sehr Eindrückliches an beiden, etwas Eindrückliches und zugleich Grundsätzliches. Beide ziehen Menschen in ihren Bann mit seltsam wahren Sätzen.

Jesus hat Menschen beeindruckt. Sie sind ihm gefolgt. Auch Greta Thunberg beeindruckt Menschen und hat schnell viele Follower gewonnen, eine globale Jüngerschaft aus Schülerinnen und Schülern. Sie kommen am Freitag zusammen, um den Erwachsenen zu sagen: Ihr alle wisst, was zu tun ist. Also tut es! Fridays for future. Die Welt soll eine Zukunft haben.

Für das Johannesevangelium ist die globale Krise schon gelöst, nicht am Ende aller Tage, nicht am Ostersonntag, sondern am Karfreitag. Da wurde alles vollbracht. Am Karfreitag hat das Weltgericht getagt. Friday for future. Jesus sagt: Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind.

Greta Thunberg, dieses leicht autistische Mädchen, blickt in die Kamera der ganzen Welt und fragt sie: „Wir wissen, was zu tun ist. Warum tut ihr es nicht?“ Man kann sich der suggestiven Kraft dieser Frage kaum entziehen. Man traut sich nicht zu entgegnen: ‚Mein Kind, so einfach ist das nicht‘, weil man sofort spürt: Das ist eine Lüge. Es ist einfach. Man traut sich nicht, die üblichen wohlfeilen Gegenfragen zu platzieren: Und was ist mit den Arbeitsplätzen? Und was ist mit der Bequemlichkeit? Und: Willst du eine Ökodiktatur. Wir können nicht immer nur Verbote aussprechen, dann geht die Demokratie vor die Hunde.

Man kann diese Gegenfragen und Argumente am Sonntagabend in der Talkshow bei Anne Will aufwerfen. Aber man kann sie nicht Greta Thunberg ins Gesicht sagen. Greta lässt sie nicht gelten. Und es sind weder Sturheit noch Dummheit, die sie nicht gelten lassen. Es ist die Wahrheit, die aus Greta spricht, ja mehr noch, eine Wahrheit, die dieses Mädchen zu verkörpern scheint, angesichts derer uns die wohlfeilen Einwände im Mund verhungern. Wer immer ein lauteres Gespür für Wahrheit hat, merkt, dass Greta Thunberg die Wahrheit sagt. Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind.

***

Liebe Gemeinde, starke Worte, fette Behauptungen gehen mir heute von den Lippen. Ich bin mir selbst gar nicht sicher, ob ich meinen eigenen Worten trauen kann. Und doch denke ich mir: Wer jetzt Angst hat, den vermeintlich naiven Einflüsterungen eines autistischen Mädchens auf den Leim zu gehen, der wird auch nie in der Lage sein, dem Flüstern des göttlichen Geistes zu trauen und zu glauben, dass Gott die Welt gerettet hat, weil er uns in Christus gerichtet hat. Wer nicht die Wahrheit aus Gretas Worten hört, hört sie auch nicht aus Jesu Worten. Der Geist weht, wo er will, sagt Jesus zu Nikodemus. Auch in der Aura eines Mädchens, das mit einem Pappschild im Schnee vorm schwedischen Parlament steht.

Für die, die an den Sohn Gottes glauben, kann es keinen Einwand gegen Gretas Rigorismus geben.

Keinen Einwand, jedoch einen Hinweis.

***

Wenn der Schnee geschmolzen ist in Stockholm und auch dort oben die Sonne wieder mehr scheint und der Sommer kommt und die untergehende Sonne einen Sommerregen vertreibt, dann, Greta, dann schau in den Himmel. Siehst du den Regenbogen? Gott hält seinen Bund mit der Erde. Gott hält Bund und Treue und gibt das Werk seiner Hände nicht preis.

Die Krise ist gelöst. Das Gericht war am Karfreitag. Es ist vollbracht. Wir müssen die Welt nicht retten. Gott hat sie längst gerettet. Wir brauchen nur noch die Emissionen zu senken. Aber das werden wir schaffen, denn du, große kleine Greta bist ein kleiner Teil von Gottes großem Rettungsplan.

***

Gott sendet immer noch seine Propheten. Sie waren schon immer ernste und irgendwie bizarre Typen. Heute kommen seine Propheten auch in Gestalt ernster 16jähriger Mädchen mit Wollmütze, die wie Kinder aussehen und wir Erwachsene reden.

Was immer diese Propheten sagen und tun, die alten, die heutigen und die künftigen, sie sind alle Jesus Christus verwandt. Und sie sind alle Teil von Gottes großem Plan zur Rettung und Bewahrung seiner und unserer Welt.

Amen.