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Predigt über Joh 14,6 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 01.01.2017

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Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, dahin wisst ihr den Weg.

Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

 

Liebe Gemeinde!

Erstens: Der Weg.

Adam und Eva mussten sich auf den Weg machen in die Wüste. Gott befahl es. Sie hatten von der falschen Frucht gegessen.

Abraham musste sich auf den Weg in die Wüste machen. Gott befahl es. Seine Nachfahren sollten besser auf Gott hören – in einem anderen Land.

Jakob musste sich auf den Weg machen. Josef musste sich auf den Weg machen.

Mose musste sich auf den Weg machen in die Wüste. Gott befahl es. Sein Volk herausführen aus der Sklaverei ins Land der Verheißung.

Elia musste sich auf den Weg in die Wüste machen. Gott befahl es. Sein Leben, seine Wahrheit, seinen Gott retten.

Jesus machte sich auf den Weg in die Wüste. Gott war dabei. Und dann ging er seinen Weg. Er kam zu den Menschen, er sprach zu ihnen und für sie, er lebte mit den Menschen und starb für sie. Er wurde ihr Weg, ihre Wahrheit, ihr Leben.

Und wie sehen unsere Lebenswege aus? Unsere Lebenswege nennen wir Curricula Vitae - Lebensläufe. Es sind weniger Stationen der Berufung, mehr berufliche Stationen, etwa so: Geboren in Kleindorf, Gymnasium in Mittelstadt, Schüleraustausch in Toronto. Soziales Jahr im indischen Kinderheim, Studium in Göttingen, Oxford und Berlin. Praktika in Paris, Chicago und Essen. Berufliche Stationen in Hamburg, New York und Berlin.

Es hat etwas Berührendes, wenn heute noch ein Mensch immer am selben Ort gelebt hat, vielleicht im selben Bett gestorben ist, in dem er zur Welt kam. Früher war das normal. Gibt es noch Menschen, die ihr ganzes Leben im gleichen Dorf, in der gleichen Stadt leben?

Unsere Leben, unserer Wege.

Es gäbe heute so viele flüchtende Menschen wie nie, hören wir. Und das werde so weitergehen. Das stellt erneut die alte biblische Frage: Ist Sesshaftigkeit oder ist Wanderschaft die eigentliche Lebensform des Menschen?

Die biblischen Lebenswege wurden aufgeschrieben, weil sie gottbefohlene Wege waren. Sind unsere Lebensläufe auch gottbefohlen? Wird sie einer aufschreiben? Die biblischen Lebenswege folgen einer Berufung. Folgen wir auch Berufungen oder laufen wir nur dem Beruf hinterher. Die biblischen Wege sind Wege in die Wüste. Sind wir bereit, uns in Wüsten führen zu lassen? Oder laufen wir atemlos von Station zu Station, von Bewerbung zu Bewerbung? Können wir uns damit auch beim lieben Gott bewerben? Welche Wege sind Gottes Wege für uns?

Jesus Christus sagt: Ich bin der Weg.

 

Zweitens: Das Leben.

Das Leben ist schön. Das Leben ist schrecklich.

Das Leben ist anstrengend, das Leben ist leicht.

Das Leben ist zu lang, das Leben ist zu kurz.

Das Leben ist ein Wunder, das Leben ist ein Drama.

Das Leben ist gefährlich und auf jeden Fall tödlich.

Das Leben – eine Allerweltsmetapher. Sie dient zur Konstruktion bedeutender Sätze. Wer Aussagen über das Leben macht, gibt sich den Anschein von Erfahrung und Weisheit. Mit dem Leben kann man Aussagen machen, die immer irgendwie stimmen. Das Leben ist schön, das Leben ist schrecklich. Wer will dem widersprechen?

Da auch Pfarrer auf der Kanzel erfahren und weise klingen wollen, sprechen sie oft vom Leben. Ich auch.

Eine typische Predigtformel, ein Ausdruck, den man nur auf Kanzeln hört, den die Pfarrer aber lieben, ist die Rede vom „gelingenden Leben“. Was soll das sein? Wer beurteilt, ob ein Leben gelungen ist oder nicht? Der Pfarrer bei der Beerdigung? Oder Gott beim Jüngsten Gericht? Soweit wir wissen, wird er uns dann nicht fragen: War dein Leben gelungen? Und was wollten wir darauf antworten? Seine Kriterien sind andere als das, was wir uns unter gelingendem Leben vorstellen.

Welches Leben ist gelungen? Oder sollen wir lieber sagen: Gesegnet? Auch so ein Kirchenwort. Was ist ein gesegnetes Leben? Wie geht das? Und wer will es beurteilen?

Jesus Christus sagt: Ich bin das Leben.

 

Drittens: Die Wahrheit.

Fragt noch jemand danach? Interessiert sich noch jemand dafür? Wahrheit meint zunächst die Übereinstimmung von Aussagen und Fakten. „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016. Ich habe es vorher nie gehört, erst kennengelernt, als es gekürt wurde. Soweit ich es verstanden habe, ist postfaktisch ein Euphemismus für Lüge. Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Fakten zählen nicht mehr. Aussagen über Fakten sind nicht wichtig. Wahrheit ist nicht mehr wichtig. Wichtiger ist, dass Aussagen unterhaltsam sind, lustig oder frech. So wird man zum Präsidenten des mächtigsten Landes dieser Welt. Nicht durch Wahrheit.

Auf dem Münzgeld und der Ein-Dollar-Note steht: „In God we trust“. Auf größeren Dollarscheinen steht es nicht. Da sich Donald Trump nur mit großem Geld umgibt, ist ihm noch nie aufgefallen, dass Gottvertrauen etwas mit Wahrheit zu tun haben könnte. Ich kann einem anderen nur dann vertrauen, wenn er die Wahrheit sagt. Das ist eine der grundlegendsten Erfahrungen und Einsichten für das gesellschaftliche Zusammenleben wie auch für den Glauben. 2016 wurde das in den Vereinigten Staaten außer Kraft gesetzt.

Postfaktisch. Was kommt nach der Wahrheit? Glauben wir noch an die Wahrheit oder gibt es nur noch Standpunkte?

Jesus Christus sagt: Ich bin die Wahrheit.

 

Welche Wege sind gottgewollt und welche sind es nicht?

Welches Leben ist gesegnet und welches ist es nicht?

Was ist Wahrheit?, fragt Pontius Pilatus Jesus Christus. Fragt der einzige, der im gemeinsamen Glaubensbekenntnis aller Christen genannt wird, fragt den, über den es dort heißt: Gelitten unter Pontius Pilatus.

Nicht erst heute – schon immer konnte man den Eindruck haben, dass es in dieser Welt so etwas wir Wahrheit und Lüge gar nicht gibt, sondern nur Macht und Ohnmacht. Macht ist Wahrheit und ist Leben und ist der Weg. Ohnmacht aber ist Lüge und ist Scheitern und ist der Tod.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, sagt Jesus Christus. Der Sohn des allmächtigen Gottes begibt sich in die Hände eines kleinmächtigen Potentaten und geht einen Weg der Ohnmacht bis zum Tod.

Niemand kann sagen, was der rechte Weg ist. Niemand kann sagen, wie gesegnetes Leben funktioniert. Niemand kann sagen, was Wahrheit ist. Eines aber scheint klar: Indem Gott all unsere Fragen auf seinen Sohn, den Menschen Jesus Christus verwiesen hat, die Fragen über das Leben, die richtigen Lebenswege und die Wahrheit, ist die Antwort auf all diese Fragen nicht die Macht. Jesus Christus begab sich in die Hände der Menschen und scheiterte an ihnen. Die Frage nach dem richtigen Weg ist keine Frage der Macht, auch nicht die Frage nach dem gesegneten Leben, und je drückender die Macht sich aufspielt, desto drängender bleibt die Frage nach der Wahrheit.

Und noch etwas lässt sich sagen, wenn Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Er ist all das, er, ein lebender Mensch. Jesus Christus, das ist kein Rezept, keine Ideologie, kein Motto, keine Lebensweisheit, kein Trainingsprogramm, keine Weltanschauung, auch keine Religion. Jesus Christus ist der Menschensohn. Ein Mensch, der seinen Weg geht – gottgewollt, ein Mensch, der sein Leben lebt – gottbefohlen, ein Mensch, der zu dem steht, was er sagt – mit Gottvertrauen.

Der Weg, den er geht, ist unser Weg. Sein Scheitern ist unser Scheitern. Das Leben, das er lebt, ist unser Leben. Sein Tod ist unser Tod. Die Wahrheit, die er ist, ist unsere Wahrheit. Unsere Wege werden uns erst verständlich, wenn wir seine Wege aufspüren. Unser Leben bleibt uns erst dann kein Rätsel mehr, wenn wir sein Leben betrachten. Wahrheit wird uns lieb und teuer, wenn sie den Namen Jesus Christus trägt und Gott an ihr hängt. Diese Wahrheit ist kein Gesetz und kein Dogma. Es ist eine Wahrheit, mit der man reden kann, die man fragen kann, zu der man beten kann. Eine Wahrheit, die geglaubt wird und die deshalb lieb und teuer ist. Keine Wahrheit, die gelehrt wird, aber eine Wahrheit, die gelebt wird.

Wir legen unser Leben in sein Leben und er wird es uns auslegen. So kommt Segen in es hinein. Wir verbinden unsere Wege mit seinen Wegen und sie werden zum Ziel führen. Wir hören ihm zu und wissen, was wahr ist.

Das wird so sein. 2017 nicht anders als 2016 und von Ewigkeit zu Ewigkeit, bis er kommt. Dann werden wir in aller Klarheit wissen: Das war unser Weg, das war unser Leben, und das ist die Wahrheit über uns.

Amen.