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Predigt über Joh 1,14 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 25.12.2016

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebo­renen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

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Liebe Gemeinde,

Weihnachten, in einem kurzen Satz ist das: Gott wurde Mensch. Der Evangelist Johannes war ein Wortakrobat und Sprachkünstler. Er machte aus dem Satz: „Gott wurde Mensch“ den anderen Weihnachtssatz: „Das Wort ward Fleisch.“

Man muss manchmal einen Satz variieren, nur ein paar Wörter austauschen, um mit einem Schlag die ganze Tiefe einer Botschaft auszuloten, um aus einem etwas abgegriffenen Satz eine Offenbarung zu machen. „Das Wort ward Fleisch.“

Gott und Mensch. Johannes sagt: logos und Fleisch.

Wenn er für Gott das Wort logos nimmt, dann sagt er: Gott ist Geist und Gott ist Wort. Damit schreibt er Gott etwas zu, das auch uns Menschen nicht unbekannt ist: Geist, Vernunft, die ratio, das Höhere, Feinere am Menschen. Der logos wohnt in der Belle Etage des Menschen.

Aber den Menschen insgesamt nennt Johannes „Fleisch“ und nicht logos. Mit „Fleisch“ meint er nicht in erster Linie das, was nachher auf den Tisch kommt, sondern im Grunde alles, was der Mensch sonst noch ist außer logos. Und das ist eine Menge, sehr zum Leidwesen aller für höher sich haltenden Wesen: Fleisch und Blut ist der Mensch, Leib und Magen, Leber und Niere, Gift und Galle, Hormone und Enzyme, Affekte und Emotionen, Leiden und Leidenschaft, Schweiß und Tränen, Irrsinn und Leichtsinn.

Also alles, was uns eher unangenehm ist, wenn wir den logos fragen. Fleisch also, das Niedere, das Unkontrollierbare, das Unbeherrschbare, das uns die höheren Weihen verdirbt und die bessere Leistung blockiert.

So was will man hinter sich lassen, sich daraus erheben, unabhängig sein von allem, was sich am eigenen Menschsein nicht kontrollieren und beherrschen lässt, unberührbar werden. Die Niederungen des Unappetitlichen und Groben verlassen, sich verfeinern, sich veredeln, dem Geistigen emporstreben, auf dass allein der logos herrsche, die Vernunft und das Gute uns regiere und wir befreit sind von der Tyrannei der Affekte und dem wilden Treiben der Moleküle unter der Haut.

Es gibt Mittel und Wege: Meditation, Kontemplation, Mystik und Buddhismus, Philosophie und höhere Bildung, auch Kunst und Religion bieten Heilswege an. Einige greifen zu Mitteln und Medikamenten, gar zu Drogen. Fasten, Kuren und Kasteien, was früher die Geißelung war, ist heute der Marathon, den Leib töten, sagten die Alten. Das alles trägt uns in höhere Sphären, zur Kultivierung und Vergeistigung des Menschen, und Mancher glaubt, es reiche auch schon der Verkehr in höheren Kreisen. Es gibt zahlreiche Methoden und etliche Moden für den Weg vom Fleisch zum logos.

 

Aber nun wurde der logos Fleisch. Wie soll man dies nun anders deuten, als dass Gott allen Menschen ein Schnippchen schlägt. Er bleibt nicht oben und wartet mit Siegeskranz und Nobelpreis auf den von uns, der sich am besten durch Wissen, Kunst oder Religion in himmlische logos-Sphären emporgeschwungen hat. Denn so hätten ja nur die besten Feingeister und Logos-Giganten die Chance einer Audienz beim lieben Gott. Der aber fand einen anderen Weg besser und war sich dabei nicht zu schade, runterzukommen, tief ins Fleisch zu rutschen. Und seitdem gilt: Wollen wir Gott treffen, dürfen wir nicht die Hälse recken und nach oben blicken. Nach unter müssen wir sehen.

Das Wort ward Fleisch. Luther hat es in seinem Weihnachtslied erfasst: Vom Himmel hoch, da kommt er her, und dann: „So merket nun das Zeichen recht, die Krippe, Windelein so schlecht, da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt.“ Nach unter müssen wir sehen!

Gottes Sohn hat schlichte Windeln an. Warum hat einer Windeln an? Man kann es distanziert wissenschaftlich sagen: Weil das Kind lebt und Leben Stoffwechsel ist. Doch das Menschsein Gottes geht ins Eingefleischte bis unter die Gürtellinie. Wir sollten daher auch in unserer Sprache ans Eingemachte gehen, das Evangelium nicht abstrakt und unbestimmt verkünden, sondern konkret und so, dass jeder es versteht. Die Windel hat ein Kind an, weil es viel scheißt. Und nicht weniges, was wir Menschen so produzieren, sollte man genau so nennen. Das stinkt durch jede Windel bis zum Himmel.

Aber gut, ich will das hier nicht vertiefen, sondern lieber wieder vom Stoffwechsel reden, denn Stoffwechsel ist auch kein schlechtes Wort, um zu fassen, warum Gott Mensch geworden ist. Um mit uns Stoffe zu wechseln. Und dabei geht es nicht nur um den Austausch von Worten und Gedanken. Es um den Austausch von allen Stoffen, die unser Menschsein ausmachen, und derer wir so schwer Herr werden können: Freude und Lachen, Trauen und Tränen, Wut und Sanftmut, Verzweiflung und Hoffnung, Liebe und Hass. Diese Stoffe wechselt er: Nimmt die Traurigkeit und gibt uns dafür Freude, wischt die Tränen ab und gibt uns was zum Lachen, lenkt alle Wut auf sich um und macht uns sanft, kauft uns den Hass ab und bezahlt uns Liebe dafür.

Gott, der logos, ist nicht logos geblieben, sondern ist Fleisch geworden.

Mit einem Gott, der logos ist und bleibt, kann ich Gedanken tauschen und wenn’s hoch kommt, gar die Welt erklären. Doch was nützt das alles, wenn das, was ich eigentlich zum Leben brauche, am Ende doch nur ein bisschen Trost ist?

Gott, der logos, wurde Gott im Fleisch. Das tröstet das Fleisch, das wir sind. Uns tröstet, dass Gott weiß, wie wir uns fühlen in der Angst und Unsicherheit nach einem schrecklichen Anschlag. Uns tröstet, dass Gott weiß, wie wir uns fühlen, wenn Verzweiflung kommt oder Wut aufsteigt. Uns tröstet auch, dass er weiß, wie schön es ist, wieder lachen zu können und wie himmlisch es ist, wenn wir lieben.

Er weiß es. Er kennt das alles. Er war selbst einmal Mensch. Und ist es seitdem geblieben.

Amen.